Sehnsuchtsort

Auf kleinen Umwegen zur freien Sicht aufs Tadsch Mahal

Jeden Tag besuchen mehr als 25.000 Menschen das Tadsch Mahal. Seinen Zauber entfaltet das Ensemble auch aus der Entfernung.

Jeden Tag besuchen mehr als 25.000 Menschen das Tadsch Mahal. Seinen Zauber entfaltet das Ensemble auch aus der Entfernung.

Foto: Edwin Remsberg / Getty Images/age fotostock RM

Selbst ein Sehnsuchtsort wie das Tadsch Mahal lässt sich von Touristenmassen zurückerobern. Ganz Findige gehen zur nächsten Anhöhe.

Agra.  Das Nachmittagslicht liegt auf dem Tadsch Mahal und bringt den weißen Marmor fantastisch zum Leuchten. Die umgebende Mauer als Rahmen, der Garten als Passepartout, das Mausoleum als Bild – alles liegt genau so vor mir, wie ich es mir seit Jahren erträumt habe. Und ist doch vollkommen anders.

Der Garten ist voller Menschen, die im gemächlichen Touristentempo flanieren. Vor dem Eingang zum Mausoleum beginnt eine Menschenschlange, die einmal ganz um das Gebäude herumreicht. Im Schnitt empfängt das Tadsch 25.000 Besucher täglich, an Spitzentagen bis 80.000 – der heutige Tag scheint dazwischenzuliegen.

Tadsch Mahal sollte beim ersten Blick in Staunen versetzen

Ich stehe auf der Terrasse gleich hinterm Haupttor und stelle mir vor, wie man früher von hier aus über die Gartenanlage blicken konnte, über Blumen, blühende Orangen-, Zi­tronen- und Granatapfelbäume, mit denen sie ursprünglich bepflanzt war. Shah Jahan, Herrscher eines Weltreichs und Erbauer des Tadsch, logierte monatelang mit seinen Gästen in den Nebengebäuden; im Grabbau gaben Sänger, Dichter, Koranvorleser ihre Darbietungen, um die Erinnerung an Mumtaz Mahal wachzuhalten, seine 1631 nach der Geburt ihres vierzehnten Kindes verstorbene Lieblingsfrau.

Für die Errichtung ihres Mausoleums hatte der Großmogul die Besten seiner Zeit versammelt und sich ständig in ihre Planungen eingemischt, Grund- und Aufrisspläne eigenhändig korrigiert. Schon der allererste Blick, den zukünftige Besucher nach Durchschreiten des Haupttores auf das neue Weltwunder werfen würden, sollte sie in den Bann schlagen – ein genau kalkulierter Blick auf ein Ensemble aus Kuppeln, Toren, Nischen, Minaretten, so weiß und rein und leicht, als würde es sich im nächsten Moment von dieser Welt lösen und in den Himmel heben: sechs, acht, zwölf, 16 oder 22 Jahre Bauzeit, je nach Quelle, für diesen einen Moment.

Andere Touristen stehen immer im Bild

Aber dieser eine Moment, den ich mir jahrelang vorgestellt und für den ich jetzt endlich die Reise nach Agra unternommen habe, dieser Blick quer über den Paradiesgarten auf das schönste Mausoleum der Welt, er fällt ganz anders aus als erträumt. Denn im Bild sind ja immer auch all die Tausende, die heute ebenfalls gekommen sind, um ihren Traum mit eigenen Augen zu sehen.

Mein indischer Freund Sanjay behauptet, das Tadsch sei das meistfotografierte Bauwerk der Welt. Besonders beliebt ist ein Selfie, bei dem es aufgrund der Perspektive so scheint, als hielte man das Mausoleum mit Daumen und Zeigefinger an seiner Kuppelspitze in die Höhe. Andere „präsentieren“ es auf ihrem Handteller.

Schönheit des Tadsch Mahals kann so nicht durchdringen

Wieder andere springen in die Höhe und grätschen dabei die Beine. Bis der Fotograf Perspektive und Zeitpunkt so erwischt hat, dass das Tadsch auf dem Bild „übersprungen“ wird, gibt es viel Gelächter und Krakeel.

Was früher Besichtigung war, ist heute Party. Das berühmte Bauwerk muss es über sich ergehen lassen, nur mehr Mittel zum Zweck zu sein. Solcherart bagatellisiert, strahlt es nicht mehr. Als setzte Schönheit eine gewisse Wertschätzung beim Betrachter voraus, um ihre Wirkung voll zu entfalten, scheint sie sich an einem Tag wie diesem in sich zurückzuziehen.

Das Tadsch Mahal hat seine Aura verloren

Jedes Detail ist so vollendet wie eh und je, doch das Ganze ist nicht mehr drauf und dran, mit seinem staunenden Betrachter abzuheben. Es scheint, im Gegenteil, aus einer anderen Welt gelandet zu sein und still zu verharren, bis sich der Trubel gelegt hat. Es hat keine Aura mehr.

Ich bin am Ziel meiner Sehnsucht und unglücklich. Wo ich die Schönheit des Tadsch sehen möchte, sehe ich nur Menschenmassen. Es hilft nichts, ich muss den Garten verlassen und mir eine neue Perspektive suchen, um den Anblick zu würdigen.

Man muss immer verrücktere Abwege erkunden

Der Tourismus hat in den letzten Jahren weltweit gewaltige Fortschritte gemacht; immer weiter muss man gehen, um dem Rummel rund um die Sehenswürdigkeiten zu entfliehen, immer verrücktere Ab- und Seitenwege erkunden, um die Sehenswürdigkeiten dennoch mit Muße und Hingabe betrachten zu können.

Schon bei meinen früheren Indienreisen habe ich immer mal wieder Slums durchstreift oder Müllberge bestiegen, einfach deshalb, weil sie zu Indien dazugehören und man das Land nicht begreifen kann, wenn man diese Seite ausspart. Sanjay schüttelt den Kopf über mich, mitgehen mit mir würde er nie, für ihn sind das unreine Orte.

Für indische Verhältnisse ist es ungewöhnlich still

Ich folge dem erstbesten Müllwagen, von dessen offener Ladefläche ständig etwas auf die Straße fällt. Nachdem ich die nordwestlichen Außenbezirke passiert habe, bin ich da. Ein paar leere Hallen, ein paar leere Gebäude, dahinter das Müllgebirge – ein weitläufiges Terrain, von einer Mauer umgeben. Für indische Verhältnisse ist es ungewöhnlich still. Nur eine Handvoll Männer ist zu sehen – und Vögel, die über dem Areal kreisen.

Natürlich halte ich auf die höchste Erhebung zu, die ich ausmachen kann. So schnell werde ich freilich nicht hinkommen, denn plötzlich rufen mir zwei Müllmänner von einem anderen Hügel aus hinterher, winken mich aufgeregt herbei.

Ohne Selfies geht es auch hier nicht mehr

Ich bin in einer Talsohle, in der ich mich bereits eine Weile durch Buschwerk vorangearbeitet habe, das auf dem Müll wächst. Und nun soll ich herbeizitiert, belehrt und vom Gelände verscheucht werden? Doch dann wollen die beiden nur fotografiert werden, ohne Selfies geht es selbst hier nicht mehr.

Sie stellen sich derart demonstrativ in Pose, als würden sie vor einer berühmten Sehenswürdigkeit abgelichtet. Gemeinsam betrachten wir das Ergebnis auf dem Display des Fotoapparats und amüsieren uns bestens, obwohl wir einander kaum verständigen können. Das ist der Moment, wo meine Reise aufs Müllgebirge von Agra die entscheidende Wendung nimmt. Fortan habe ich zwei Begleiter.

Ein Brahmane auf der Müllkippe reicht dem Gast kostbares Wasser

Von der nächsten Anhöhe aus zeigen sie auf ein kleines Gebäude am Rand der Deponie, das sei der Tempel. Ein Tempel auf einer Müllkippe? Aber ja, warum denn nicht? Gut, warum nicht, wir gehen hin. Zunächst über verrottenden Müll, dann über Ödland, das früher oder später auch von Müll bedeckt sein wird.

Wie wir uns dem Tempel nähern, sehe ich einen Brahmanen, der davor schläft; wie wir ihn beinah erreicht haben, erwacht er, springt auf – und rennt in ein kleines Haus, das ein paar Meter entfernt steht.

Nun komm du noch auf die Idee, irgendwen anzurufen, der mich vom Gelände verjagt! Aber auch diese Befürchtung löst sich in Luft auf – als ob der Brahmane ausgerechnet auf den Gedanken gekommen wäre, den seltenen Besuch zu verscheuchen, der sich da nähert!

Im Gegenteil, wie er nach wenigen Momenten aus dem Haus heraustritt, streckt er mir mit beiden Händen einen großen Blechkrug voll Wasser entgegen. Er möchte mich mit einem Willkommenstrunk begrüßen.

Der Gipfel des Müllgebirges übertrifft meine Erwartungen

Auch er kommt mit. Zunächst zeigt er mir weitere kleine Kultstätten, erklärt sie mit Händen und Füßen, danach den Weg zum Fluss. Wie wir uns dort zum Gruppenfoto formieren, sind wir bereits zu siebt. Einer der Müllmänner, die sich angeschlossen haben, spricht perfekt Pidgin; ihm kann ich erklären, ich sei in der Hoffnung gekommen, das Tadsch Mahal vom Gipfel des Müllgebirges aus sehen zu können. O ja, das könne man, wird reihum versichert.

Und jetzt gehen wir endlich hin, steigen auf, derselbe Tross, der mir schon unten am Fluss gefolgt ist. Der Mann, der so gut Pidgin spricht, versichert mir, dass bislang noch niemand gekommen sei, sie zu besuchen, und dass mich einer der Männer später gern auf dem Motorrad in die Stadt mitnehmen möchte.

Der Gipfel des Müllgebirges übertrifft meine Erwartungen, er erweist sich als höchste Erhebung in und um Agra. Ein Vertreter der East India Company, der 1631 in der damaligen Hauptstadt des Mogulreiches war, hat in seinem Bericht festgehalten, dass Shah Jahan das Terrain weiträumig einebnen ließ, bevor die Bauarbeiten begannen, damit der Anblick des Tadsch Mahals nicht von Hügeln verstellt werden würde.

Die Betrachtung des Mausoleums ist ein heiliger Moment

Und tatsächlich, von der Spitze des Müllbergs sieht man weit über die flache Stadt hinweg, sieht die Kuppeln und Minarette des Tadsch überm weißen Dunst aufragen, der während des Winters so häufig auf dem Fluss liegt.

Mit beiden Beinen stehen wir im Müll, doch das schmälert den Eindruck nicht. Im Gegenteil! Bereits die Silhouette des Tadsch ist Verheißung einer anderen Welt, tröstlich und beflügelnd zugleich. Die Männer nicken mir stumm zu, das Weltwunder funktioniert unabhängig von seinen Rahmenbedingungen.

Mit Fremden vereint in der Betrachtung des Schönen

Wir stehen stumm und geradezu andächtig. Niemand kommt auf die Idee, ein Gruppenfoto zu schießen. Ich bin gebannt nicht nur vom Anblick des fernen Tadsch Mahals, das über allem zu schweben scheint, was es sonst gibt in der Stadt und der Welt, Vorbote der Transzendenz. Mindestens so gebannt bin ich von der jähen Verbundenheit mit den fremden Männern.

Ich weiß so gut wie nichts von ihnen, fühle mich ihnen dennoch so nah wie kaum einem anderen auf dieser Reise. Wir sind vereint in der Betrachtung des Schönen, über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg, ein heiliger Moment.

Tipps & Informationen

Die Anreise ist z. B. mit Lufthansa über Frankfurt nach Neu-Delhi möglich. Von dort mit Bahn oder Auto nach Agra.

Ein Beispiel zum Übernachten ist das Hotel ITC Mughal nahe dem Tadsch Mahal, DZ ab 79 Euro, Tel. 0091/562/ 402 17 00, www.itchotels.in

Weitere Sehenswürdigkeiten sind das Rote Fort sowie die Freitagsmoschee am Rande der Altstadt in Agra.

• Der Text von Matthias Politycki ist angelehnt an sein Buch „Meine Reise zum Tadsch Mahal“, 160 Seiten, Verlag Hoffmann und Campe, 18 Euro.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.