Riechen

Duftexperte fordert: „Wir sollten unserer Nase vertrauen“

Das menschliche Riechvermögen wird unterschätzt.

Das menschliche Riechvermögen wird unterschätzt.

Foto: anneleven / Getty Images

„Ich kann dich gut riechen“: Ein Duftexperte erklärt im Interview, welche Bedeutung das Riechen hat – nicht nur bei der Partnerwahl.

Berlin.  „Obwohl dieser Sinn den höchsten Einfluss auf unsere Gefühle hat, ist der Mensch beim Riechen vergleichsweise unwissend.“ Das sagt Duftexperte Robert Müller-Grünow. Der 50-Jährige beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Gerüchen und deren Wirkung. Er appelliert an uns, der eigenen Nase mehr zu vertrauen.

Herr Müller-Grünow, im Tierreich gibt es echte Supernasen. Der Aal etwa kann einen Fingerhut voll Rosenwasser in einem See wahrnehmen, der 60-mal größer ist als der Bodensee. Wie gut können wir Menschen riechen?

Robert Müller-Grünow: Angemessen gut, würde ich sagen. Wir können für uns relevante Gefahren noch immer riechen. Wenn es brennt etwa oder irgendwo Gas ausströmt. Für die Nahrungsfindung oder zur Abwehr von Tieren im Wald müssen wir nicht mehr so ausgeprägt gut riechen können. Hunde, Ratten, Haie oder Aale sind da viel besser.

Trotzdem sagen Sie, das menschliche Riechvermögen werde unterschätzt.

Müller-Grünow: Mich hat es schon gewundert, dass die Wissenschaft bis vor Kurzem gesagt hat, dass wir 10.000 Düfte unterscheiden können. Das ist doch ein Witz, wir können natürlich viel, viel mehr Düfte auseinanderhalten und identifizieren.

Woher kommt diese Fehleinschätzung?

Müller-Grünow: Das ist auch kulturell bedingt. Die Philosophen haben dem Riechsinn in den letzten 100 Jahren keine große Bedeutung beigemessen. Sie haben ihn eher als niederen Sinn beschrieben, weil er rational schwer zu fassen ist. Meine These deshalb: Je intellektueller eine Gesellschaft ist, desto weniger spielt Duft in ihrem Bewusstsein eine Rolle. Ein Indiz dafür ist, dass wir keine richtige Sprache dafür haben. Wir müssen uns immer mit Behelfskonstruktionen über Wasser halten und gucken, wie man Düfte über visuelle Attribute oder andere Dinge beschreiben kann. Naturvölker in Mittelamerika oder Asien hingegen haben ein sehr ausgeprägtes Vokabular für Düfte.

Was genau passiert beim Riechen?

Müller-Grünow: Ich vereinfache das mal: Wir atmen. Und durch das Atmen kommen Duftmoleküle in unsere Nase. Und in der Nase sitzen die Riechrezeptoren. Moleküle und Rezeptoren funktionieren nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip – bestimmte Rezeptoren können nur bestimmte Moleküle aufnehmen. Jeder Mensch hat etwa 350 verschiedene Riechrezeptoren, die kommen aber aus einem Genpool von etwa 700. Das heißt: Menschen haben nicht alle Riechrezeptoren und sie haben sie in einer sehr individuellen Zusammensetzung. Jeder Mensch kann unterschiedlich riechen. Beim Andocken von Molekül an Rezeptor werden dann elektrische Impulse übertragen, die ins limbische System geleitet werden. Das ist der Bereich des Gehirns, der beim Menschen unter anderem für Emotionen und das Erinnerungsvermögen verantwortlich ist.

Sie empfehlen Menschen, ihren Riechsinn zu trainieren. Warum?

Müller-Grünow: Duft ist immer da. Er ruft in uns unmittelbar eine emotionale Reaktion hervor, er weckt oder bildet Erinnerungen. Duft hat damit einen sehr großen Einfluss auf unser Handeln, auf unser Denken, auf unsere Entscheidungen. Das vergegenwärtigen wir uns zu wenig.

Ihr konkreter Tipp?

Müller-Grünow: Wir sollten versuchen, wahrzunehmen, was wir riechen, wenn wir einen neuen Raum betreten, einen Menschen treffen oder ein Produkt in die Hand nehmen. Wir sollten versuchen, zu identifizieren, was da riecht und das auch bewerten.

Sie sagen, Duft beeinflusst sogar unsere Partnerwahl.

Müller-Grünow: Wir vermitteln das Profil unseres gesamten Immunsystems, alle relevanten genetischen Informationen über unseren Körpergeruch. Am Geruch kann sich entscheiden, ob ich jemanden treffe, mit dem ich gesunde Kinder zeugen kann. Bewusst wird uns das aber erst, wenn wir jemanden nicht mehr riechen können. Denn dann ist eine Beziehung eigentlich hinfällig.

Können Menschen ihr Geruchsempfinden denn verändern?

Müller-Grünow: Ja. Ein prägnanter und gut untersuchter Auslöser dafür war zum Beispiel die Pille. Dazu gibt es Langzeituntersuchungen. Paare, die zusammengekommen sind, während die Frau die Pille genommen hat, hatten eine signifikant höhere Scheidungsrate als Paare, die zusammengekommen sind, als die Frau die Pille nicht genommen hat. Warum? Weil die Pille die Hormone manchmal so verändert hat, dass das Präferenzprofil der Frau verdreht wurde. Sie hat nicht den Mann gesucht, der ein konträres genetisches Profil hat, was normal wäre, sondern das gleiche. Haben Frauen die Pille dann abgesetzt, hat das häufig dazu geführt, dass sie den Mann nicht mehr riechen konnten.

Ist das denn heute noch so?

Müller-Grünow: Die Pille war früher sicherlich höher dosiert. Ob auch die niedriger dosierten Präparate Einfluss auf die Partnerschaft haben, müssten neue Langzeituntersuchungen zeigen. Ich denke, das ist nicht auszuschließen.

Sie benutzen Ihr Wissen, um Geschäfte, Marken und vieles mehr zu beduften.

Müller-Grünow: Der bewusste Einsatz von Duft ist alt. Das hat schon die katholische Kirche gemacht, mit Weihrauch. Das euphorisiert und steigert die Konzentration.

Ist das nicht manipulativ?

Müller-Grünow: Ich beurteile Duft als Kommunikationsmedium. Wenn sich etwa Händler große Mühe geben, über Architektur, Farben oder Licht eine besondere Aussage zu treffen oder Haltung zu zeigen, dann haben sie vielleicht Gerüche im Raum, die kontraproduktiv sind. Die unterstützen nicht das, was sie sagen wollen. Also gehe ich hin und ändere vorsichtig den Duft. Das ist doch gut.

Wann wird es aus ihrer Sicht schlecht?

Müller-Grünow: Wenn man etwas unterstützen will, was nicht da ist. Etwa einen Obstgeruch erzeugen für Obst, das gar nicht mehr riecht und schmeckt. Und genau deshalb appelliere ich ja, nicht nasenblind zu sein. Wären wir besser trainiert, wären wir in der Lage, zu sagen, was unglaubwürdig ist.

Sie haben auch mal Kinos beduftet, um die Wirkung von Filmen zu betonen.

Müller-Grünow: Ja, das ist bis heute technisch sehr aufwendig und komplex. Und das gibt es auch kaum noch. Dafür gibt es jetzt andere spannende Anwendungen mit Duft.

Welche denn?

Müller-Grünow: VR steht für virtuelle Realität. Die wird bisher mit Bildern und einer Brille hergestellt. Eine Realität ohne Duft aber ist weit weg von der Realität. Also arbeitet die Technische Universität in Wien daran, zu untersuchen, wie virtuelle Realität wahrgenommen wird, wenn sie durch Haptik und Duft unterstützt wird. Und da machen wir mit.

Wie sind die Ergebnisse?

Müller-Grünow: Wir können sehen, dass die Wahrnehmung viel intensiver ist, wenn Duft dabei ist. Ein Beispiel: Wir haben gerade ein Projekt in den USA gemacht, dass Tree heißt, also Baum. In einem kurzen Film schlüpft der Zuschauer in die Rolle eines Regenwaldbaums. Erst ist er ein Samen in der Erde, dann wächst er und wird groß. Um ihn herum stehen viele andere Bäume. Plötzlich kommt ein Feuer. Und irgendwann fängt auch der Baum, den man im Film spielt, zu brennen an. Ziel ist es, auf Brandrodung aufmerksam zu machen. Und wenn der Duft dazukommt, tut es fast weh. Wir haben diese Düfte hinzugefügt.

Wie das?

Müller-Grünow: Schon vor Jahren haben wir trockene Duftspeicher entwickelt, die erst heute richtig zum Einsatz kommen. Das sind Glasröhrchen, in denen Granulat gespeichert ist. Durch sie leiten wir kalte Luft. Die mit Molekülen angefüllte Luft wird quasi Richtung Nase geschossen. Die Düsen sind verteilt um einen herum.

Wo könnte das noch hinführen?

Müller-Grünow: Für die Zukunft würde ich gern einen Duftchip entwickeln, der an die VR-Brille gesteckt wird. Eigentlich wissen wir schon, wie das geht. Aber wir bräuchten noch einen Partner, mit dem wir das entwickeln. Es gäbe unendlich viele Anwendungsgebiete, das wäre fantastisch.

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