Roadtrip

Deutsche Märchenstraße – Auf den Spuren der Brüder Grimm

Das Schneewittchenhaus in dem Dorf Bergfreiheit, mit Küche und einem einzigen Zimmer zum Schlafen und Wohnen, also gerade passend für sieben Zwerge.

Foto: Sabine Mattern

Das Schneewittchenhaus in dem Dorf Bergfreiheit, mit Küche und einem einzigen Zimmer zum Schlafen und Wohnen, also gerade passend für sieben Zwerge.

Zwischen Main und Meer führt die Deutsche Märchenstraße entlang. Es geht vorbei an Orten aus den vielen Erzählungen der Gebrüder Grimm.

Hanau.  „Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“ Es ist ein Sonntagnachmittag gegen drei, und wie immer um diese Zeit drängeln sich kleine und große Füße auf dem Pflaster des Burghofs, während ihre Besitzer, den Kopf im Nacken, zu dem Balkon über ihnen hochrufen.

Dann endlich: Die holde Maid betritt die Brüstung des aus rotbraunen Steinen zusammengesetzten Rundturms und tut, wie ihr geheißen. Doch anders als im Märchen hat dieser sowohl Treppe als auch Tür, sodass Rapunzel herabsteigen und ihrem Publikum ihre Geschichte erzählen kann.

Keine Frage, ein Besuchermagnet ist das Fräulein mit dem goldenen Zopf auf jeden Fall. Aber auch ohne das sonntägliche Spektakel erfreut sich die Trendelburg größter Beliebtheit. Diese trutzige Feste, die seit Jahrhunderten über dem Flusstal der Diemel verharrt und aufs Grün des Reinhardswaldes blickt.

Mit dicken Wällen, in deren Ritzen die Schwalben brüten, und efeuumrankten Burgmauern, hinter denen ein Hotelbetrieb die romantische Ader seiner Gäste mit knarzendem Holz, düsteren Ritterrüstungen und verträumten Himmelbetten befriedigt. Wer hier nicht wohnt, kommt als Ausflügler – um die enge Stiege des Rapunzelturms zu erklimmen oder einfach nur, um bei einer Landknecht-Vesper mit Schinken-„Woscht“ im Hof unter uralten Kastanien zu sitzen.

Märchenstraße beginnt im Geburtsort der beliebten Dichter

So wie die nahe gelegene Sababurg, Dornröschens Zuhause, ist die Trendelburg eines von etlichen Zielen auf der Deutschen Märchenstraße, die – mit ­einigen Abzweigungen – vom hessischen Hanau nach Bremen und damit vom Main fast bis zur Nordsee führt. Schon seit 1975 nimmt uns die Ferienroute mit zu den Lebensstationen der Brüder Grimm, die Hunderte Märchen und Sagen sammelten, bearbeiteten und von 1812 bis 1818 als „Kinder- und Hausmärchen“ und „Deutsche Sagen“ pu­­blizierten.

Und natürlich geht es an die Orte und in die Landschaften, wo sich ihre Geschichten aufspüren lassen. In bunte Fachwerkstädte und auf malerische Schlösser, durch geheimnisvolle Wälder und zu verwunschenen Wassern, wo Rotkäppchen, Aschenputtel & Co. bei Führungen, Lesestunden und Aufführungen in ihre Welt einladen.

Offizieller Startpunkt der Märchenstraße ist Hanau, der Geburtsort des unzertrennlichen Brüderpaars. Und gerade mal eine halbe Autostunde weiter auf der 600 Kilometer langen Route liegt Steinau an der Straße, wo Jacob und Wilhelm Grimm glückliche Kindertage verbrachten.

Neben Renaissanceschloss und Kirche ist es vor allem das einstige Amtshaus, das uns zu einem Besuch im Städtchen an der Kinzig überredet. Hier ging der Vater in dem 1562 entstandenen Gebäude seinen Geschäften als Amtmann nach, und hier wohnte die Familie. Heute ist das Haus ein Museum, das wissenschaftlich brillant, aber kein bisschen langweilig Leben und Werk der Brüder unter die Lupe nimmt.

Durch Clemens Brentano entdeckten die Grimms ihre Liebe für Märchen

Um die grimmschen Lebensstationen zu komplettieren, muss man sich vor Kassel und Göttingen zunächst nach Marburg aufmachen. Wo Jacob und Wilhelm die Universität besuchten und durch die Bekanntschaft mit dem Dichter Clemens Brentano ihre Liebe für Märchen entdeckten. Wo man auf den Spuren der Jurastudenten über die steilen Gassen und Treppen der fachwerkfeinen Altstadt bis hinauf zum Landgrafenschloss steigen und dabei neben einem überdimensionalen, eine Krone tragenden Froschkönig allerlei Märchenfiguren begegnen kann.

Mit ihren wundervollen Sammlungen bereicherten die Grimms unsere Kultur und nährten unsere Träume. Aber sie konnten auch anders. Kassel, nach Marburg 25 Jahre lang Lebens­mittelpunkt der Brüder, zeigt das berühmte Duo mit der „Grimmwelt“ noch von einer weiteren, weniger bekannten Seite: als bedeutende Sprachforscher und Mitbegründer der Germanistik.

Im neuen Ausstellungsgebäude auf dem Weinberg arbeiten die Museumsmacher mit wertvollen Originalen, Film und Ton oder künstlerischen Installationen und erzählen uns viel Neues über die Arbeits- und Lebensgemeinschaft der Grimms.

Das „echte“ Schneewittchen stammte wohl aus Bad Wildungen

Der Rundgang folgt den Einträgen aus dem Deutschen Wörterbuch, ihrem umfassendsten Projekt, quer durchs Alphabet und bringt uns etwa bei Ä wie Ärschlein zu einer gigantischen Schimpfwortmaschine, die uns beim Hineinsprechen eines unflätigen Worts mit einem aus dem Grimmschen Wörterbuch beschenkt.

Klar sind auch die milliardenfach verkauften „Kinder- und Hausmärchen“ originell verpacktes Thema in der Grimmwelt. Was Lust macht, auf die Ferienroute zurückzukehren. Beispielsweise nach Bergfreiheit, einem Bergmannsdörfchen im Kellerwald, in dem der Heimatforscher Eckhard Sander den Ursprungsort von Schneewittchen und den sieben Zwergen vermutet.

Es gibt jedenfalls genügend Paral­lelen zwischen Märchen und realen ­Fakten rund um die schöne, aus dem benachbarten Bad Wildungen stammende Margaretha von Waldeck, die im 16. Jahrhundert hinter den sieben Bergen am kaiserlichen Hof in Brüssel lebte und ebenfalls vergiftet wurde.

Hessisch Lichtenau öffnet das Tor zum Frau-Holle-Land

Wie andere Touristen auch können wir ein Stück längst verblasste Lebenswirklichkeit schnuppern, indem wir in die ört­liche Grube „einfahren“, in der einst Kinder – durch die harten Arbeitsbedingungen im Wachstum zurückgeblieben und mit ihren Filzkappen an Zwerge erinnernd – in feuchten Felsspalten Kupfererz abbauten. Können oben im Dorf einen Blick ins „Schneewittchenhaus“ werfen, ein für Berg­freiheit typisches Haus mit Küche und einem einzigen Zimmer zum Schlafen und Wohnen, was es in der Form nirgendwo sonst in Deutschland gibt.

Und das Beste: „Die Einraumhäuser der Bergarbeiter entsprechen durchaus realistisch der Beschreibung des Zwergenhauses im Märchen“, sagt Sander. So passt es doch, dass in dem kleinen Museumsraum ein für sieben Personen gedeckter Tisch und sieben kleine Betten stehen, während an der Wandgarderobe sieben Zipfelmützen baumeln.

Bleiben wir noch eine Weile im Dunstkreis Kassels, wo die Grimms einen Großteil ihrer Märchen sammelten. Und machen uns auf ins 30 Kilometer entfernte Hessisch Lichtenau, einen netten Fachwerkort hinter starken Stadtmauern, der das Tor zum Frau-Holle-Land öffnet. Natürlich nicht, ohne die Betten schüttelnde Dame mit einem eigenen Rundweg zu ehren, dessen Herzstück das Holleum, das kleine Museum im Alten Rathaus, bildet.

Märchenstraße ist auch mehrere Reisen wert

Von hier ist es ein Katzensprung zum Hohen Meißner, dem König unter Nordhessens Bergen, an dessen Fuß im kühlen Schatten der Bäume der Frau-Holle-Teich ruht. Der Eingang ins Reich der Märchengestalt. Ein trübes, dunkles Auge, umrahmt von Gräsern, in dessen unergründlicher Tiefe das Schloss der Frau Holle liegen soll. Ein mystisches Wasser, auf dessen Oberfläche zum Gesang der Vögel und Rauschen der Blätter Libellen tanzen.

Es gäbe noch vieles zu entdecken auf der Märchenstraße: Alsfeld mit seinem Märchenhaus, die Rattenfängerstadt Hameln oder Buxtehude, wo Hase und Igel um die Wette liefen. Und damit genügend Stoff für eine weitere Reise.

Tipps & Informationen

Unterkünfte an der Route z. B. im Hotel Burg Trendelburg: Seine 22 Zimmer bieten ein perfektes Domizil für Romantiker. DZ/F ab 155 Euro. Die Rapunzel-Aufführung findet von März bis Oktober statt.
Vila Vita Rosenpark: Das stylish-elegante Luxushotel mit 194 modern eingerichteten Gästeunterkünften liegt ruhig und doch zen­trumsnah in Marburg. DZ/F ab 180 Euro.
Hotel Gude: Familienhotel im Märchenviertel des Kasseler Ortsteils Niederzwehren, das das Grimmsche Wörterbuch als pfif­figes Designkonzept nutzt. DZ/F
ab 117 Euro.
Göbel’s Hotel Quellenhof: gediegener Vier-Sterne-Komfort hinter prächtiger Jugendstilfassade an Bad Wildungens Flaniermeile, der Brunnenallee, DZ/F ab 120 Euro.

Auskunft www.deutsche-maerchenstrasse.de

(Die Reise wurde unterstützt von der Deutschen Märchenstraße.)

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