Gesundheit

Die Extraportion Meer – Mit Thalasso an der Ostsee

Der breite Strand vor der Mündung der Warnow ist zu jeder Jahreszeit erholsam – bei der Klimawanderung, einem Spaziergang oder zum Sonnenbaden.

Foto: picture alliance / HA

Der breite Strand vor der Mündung der Warnow ist zu jeder Jahreszeit erholsam – bei der Klimawanderung, einem Spaziergang oder zum Sonnenbaden.

Eine Therapie mit Schlick und Algen lässt sich nur an der Küste richtig erleben – zum Beispiel in Warnemünde in Mecklenburg-Vorpommern.

Warnemünde.  Eindeutig – sie ist weg. Die salzige Brise, die am Vortag noch so herrlich die Lungen flutete. Dieser leichte Wind, der nach Meer schmeckt und die Botschaft an Hirn und Herz sendet: Achtung, jetzt einfach mal abschalten! Der das Kommando gibt: Ab sofort nur Sand unter den Füßen spüren, den kleinen Wellen zuschauen, wie sie sich sisyphusartig am Küstensaum abarbeiten.

„Sonst weht der Wind immer von See, aber heute ist er ablandig“, sagt Trainer Patrick beinahe entschuldigend zu dem Damengrüppchen, das – die Nordic-Walking-Stöcke fest im Griff – am Strand von Warnemünde mit den Hufen scharrt. „Dann müsst ihr leider die gebrauchte Luft aus Rostock atmen“, ergänzt Patrick grinsend und gibt das Startzeichen zur sogenannten Klimawanderung.

Eine Stunde lang geht es kräftigen Schrittes Richtung Steilküste. Intensives Gehen, dabei tief durchatmen, Arme flott schwingen, den Blick über die in der Sonne gleißende Ostsee schweifen lassen ... Selbst wenn ausnahmsweise der Wind nicht aus der gewünschten Richtung weht, macht auch dieser Teil des Thalasso-Wochenendes Laune. Thalasso, abgeleitet vom altgriechischen Wort „thalassa“ für Meer, steht für die heilsame Wirkung des nassen Elements.

Baden, Inhalieren, Anwendungen mit Algen und Schlick, ergänzt durch gesunde Ernährung und Bewegung: Vor allem bei Rheuma- und Gelenkerkrankungen macht sich diese Kombination positiv bemerkbar. Wer fit ist und es bleiben möchte, nimmt Thalasso schlicht als intensive Auszeit wahr. Eine Woche sollte der Aufenthalt üblicherweise dauern, aber auch ein Kurztrip reicht, um sich erholt und gestärkt zu fühlen. Nur am Meer ist Thalasso wirksam, sind sich Experten einig.

1899 wurde in der Bretagne ein erstes Institut für Thalasso eröffnet

In Warnemünde sind die Voraussetzungen perfekt: Das Meerwasser wird über eine Leitung in den Wellness-Bereich des Hotels Neptun gepumpt, unterwegs läuft es über Steine und wird so gereinigt. Der Strand für ausgedehnte Wanderungen ist extrabreit: Während auf Sylt Sand weggespült wird, bringt die Strömung vor dem Ostseebad überreichlich davon an die Küste.

Die Geschichte von Thalasso reicht bis zum griechischen Arzt Hippokrates (460 bis 370 v. Chr.) zurück. Ob er selbst „Rücken“ hatte? Unklar. Überliefert ist dagegen, dass es Ärzten über die Jahrhunderte auffiel, dass Matrosen selten unter Haut- oder Ischiasbeschwerden litten. 1867 manifestierte der französische Badearzt La Bonnardière die Thalassotherapie als medizinisches Rundumprogramm.

1899 eröffnete Louis Bagot in Roscoff in der Bretagne ein entsprechendes Institut, 1964 entstand das erste Thalasso-Zentrum in Quiberon. Sollten Sie jetzt überlegen, woher Ihnen das bekannt vorkommt: Schauspielstar Romy Schneider verbrachte 1981 sehr besondere „3 Tage in Quiberon“. Das Interview, das sie damals einem „Stern“-Reporter gab, ist Stoff für den gleichnamigen Kinofilm, der derzeit läuft. Das luxuriöse Resort, in dem gedreht wurde, bietet bis heute Thalassokuren an.

Vom Gestern zum Heute, von Romy Schneider in Quiberon zu Petra Pau im Neptun-Hotel: Die Bundestagsvizepräsidentin (54, Die Linke) sitzt abends im Restaurant Dünenfein am Nebentisch der Strandspaziergängerinnen. Trotz aller Diskretion des Fünf-Sterne-Hauses lässt sich schnell herausfinden, dass die Politikerin mit der rötlichen Kurzhaarfrisur zweimal jährlich zur Thalassokur nach Warnemünde kommt.

Norderney gilt als Europas Thalasso-Insel Nummer eins

Das Neptun-Hotel steht für die Geschichte vom geteilten Deutschland aus Sicht von Reisenden und Nicht-reisen-Dürfenden. Seine klotzige Silhouette am Strand ist seit der Eröffnung 1971 praktisch unverändert. Hartnäckig halten sich die Gerüchte, die Zimmer seien auch nach der Wende noch mit Abhörtechnik „verwanzt“ gewesen. Fakt ist: Die 383 Zimmer wurden kürzlich renoviert, alles andere bleibt Schall und Rauch.

Das Haus gehört inzwischen einem russischen Investor, der langjährige Vorbesitzer, der Hamburger Unternehmer Horst Rahe, stellt mit der Deutschen Seereederei nur noch die Betreibergesellschaft. Zu Honeckers Zeiten war es nur wenigen Normalbürgern erlaubt, an Warnemündes bester Adresse abzusteigen. Unter den aktuell rund 4500 Stammgästen ist so mancher, der deshalb jetzt den Besuch besonders genießt. Dazu gehört ein Abstecher in die Grillstube Broiler, wie das Brathuhn früher im Jargon hieß.

Bei der jüngst erfolgten Grundsanierung durfte das Restaurant optisch nicht verändert werden, um das typische Ambiente zu erhalten, erzählt Spa-Managerin Ulrike Wehner. Sie ist Präsidentin des deutschen Thalasso-Verbandes, dem außer dem Neptun fünf weitere Hotels angehören. Die Extraportion Meer lässt sich übrigens auch ohne Bettenanschluss genießen: Auf Norderney, nach eigenen Angaben „Europas Thalasso-Insel Nummer eins“, können Urlauber im „Badehaus“ Anwendungen buchen und auf Wanderpfaden Nordseeluft schnuppern.

Tiefenentspannt nach dem heißen Algenbad

Im Neptun-Hotel wurde für die Strandspaziergängerinnen inzwischen das Bad mit pulverisierten französischen Braunalgen eingelassen. Nach einem Salzpeeling ist die Haut vorbereitet auf das kühle Algengel, das als besonders regenerierend gilt. Dann heißt es: Ab in die heiße Wanne! Genauer gesagt in den Porsche unter den Thalasso-Wannen. 258 Düsen massieren die Körperregionen nacheinander, von Kopf bis Fuß und wieder zurück. Nach 25 Minuten möchte man rufen: Ich bin gar! Ermattet liegen bereits andere Thalasso-Teilnehmerinnen im maritim gestalteten Ruheraum. Jetzt noch ein Gläschen Algentee und die Entspannung ist perfekt.

Nach der Thalasso-Kurzversion inklusive Aquagymnastik im Meerwasserschwimmbecken und der Klimawanderung lässt sich erahnen, wie gut wohl eine ganze Woche mit der Extraportion Meer tun kann. „Trotzdem ist Thalasso bis heute ein Geheimtipp“, sagt Claudia Wagner von Fit Reisen, einem Spezialveranstalter für Wellness- und Gesundheitsreisen. Das mag auch am Preis liegen. Ein Algenbad kostet in Deutschland etwa 60 Euro, mit Peeling und Massage 100 Euro. Günstiger ist es in Tunesien. Aber vielleicht klingt für manch einen eine Ayurveda-Auszeit in Sri Lanka auch schlicht exotischer als eine Kur in Warnemünde.

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Tipps & Informationen

Anreise Mit dem Pkw in etwa
zwei Stunden nach Warnemünde. Mit Bahn/S-Bahn über Rostock .

Unterkunft Hotel Neptun, Doppelzimmer/Frühst. ab ca. 175 Euro, Thalassowoche: 7 Ü/HP, 18 Anwendungen ab 1319 Euro; Tel. 0381/777-77 77, www.hotel-neptun.de


(Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch Fit Reisen.)

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