Ausbreitung

Eingeschleppte Tierarten bedrohen menschliche Gesundheit

Niedlich, aber nicht willkommen: Der Chinesische Muntjak (Bild) breitet sich in Europa aus.

Niedlich, aber nicht willkommen: Der Chinesische Muntjak (Bild) breitet sich in Europa aus.

Foto: imago stock / imago/blickwinkel

Invasive Arten bedrohen die biologische Vielfalt in der Heimat – einige auch die Gesundheit. Lange ist das Problem verdrängt worden.

Berlin.  Einige Zeit war es ruhiger um den Buchsbaumzünsler geworden – jetzt aber ist der gefräßige Schädling zurück. Und das um einiges stärker als in den Vorjahren, wie Revierförster überall im Land berichten. Bedingt durch den milden Herbst und das warme Wetter der vergangenen Wochen ist offenbar eine Generation mehr als üblich geschlüpft. Wirklich weg war er aber nie, der Kleinschmetterling, dessen Raupen Kahlfraß an Deutschlands beliebten immergrünen, immerdankbaren Gartenpflanzen anrichten.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde der Falter vermutlich durch den internationalen Handel mit Baumschulware von Ostasien eingeschleppt, breitete sich rasant aus und vernichtete selbst jahrhundertealte Buchsbaumbestände. „Für die Buchsbäume sieht es nicht gut aus. Ich würde niemandem mehr raten, sich einen anzuschaffen“, sagt Stefan Nehring, Experte für gebietsfremde Arten beim Bundesamt für Naturschutz (BfN).

Zahl gebietsfremder Tiere steigt weltweit

Tigermücken in Thüringen, gefährliche Schildkröten in Baggerseen oder einfach Klatschmohn und Kamille: Viele eingeschleppte Arten leben längst unter uns – während die einen als Bereicherung empfunden werden, können andere ganze Ökosysteme kippen und auch die menschliche Gesundheit bedrohen. Fest steht: Weltweit steigt die Zahl gebietsfremder Tier- und Pflanzenarten kontinuierlich.

EU-weit gehen Experten von rund 12.000 „eingewanderten“ Arten aus, von denen 15 Prozent als invasiv eingestuft werden und damit potenziell Schäden ausrichten. In Deutschland sind 168 dieser Arten bekannt, die nachweislich negative Auswirkungen haben – und damit die biologische Vielfalt bedrohen. „Invasive Arten haben oft keine natürlichen Feinde und verdrängen heimische Arten, die sich über Jahrtausende optimal angepasst haben. Einige gebietsfremde Arten sind auch Parasiten oder übertragen Krankheiten oder Organismen“, sagt Nehring.

Fremde Arten verdrängen einheimische

Hauptverantwortlich für Einschleppung, da ist man sich einig, sind der internationale Artenhandel sowie globale Transportwege, die immer schneller unerwünschte Einwanderer mit sich bringen. Allein in Ballastwassertanks von Schiffen reisen einer Studie der Umweltstiftung WWF zufolge täglich rund 7000 Arten um den Globus. Die EU-Kommission beziffert den ökonomischen Schaden auf rund zwölf Milliarden Euro pro Jahr. Außerdem begünstigt der Klimawandel die Ausbreitung eingeschleppter Arten.

Die Beispiele sind mannigfaltig. Asiatische Marienkäfer verdrängen die Einheimischen, der Kamberkrebs den europäischen Flusskrebs, das stärkere Grauhörnchen das europäische Eichhörnchen. „Wenn sich erst mal invasive Arten flächendeckend ausgebreitet haben, ist nicht mehr viel zu retten – auch nicht durch Ausrottungsaktionen“, sagt Experte Nehring. Er sieht derzeit 80 bis 90 invasive Arten, die „massive Probleme“ bereiten könnten.

Irgendwann drohen Seuchen

So gilt der Waschbär derzeit als eine der größten Plagen: Eigentlich aus Nordamerika kommend, breitet er sich immer schneller aus und hat bald den Fuchs eingeholt. Die Tiere gefährden Vogelarten, bei Überpopulationen drohen irgendwann Seuchen. Inzwischen kommen die Kleinbären in 43 Prozent der rund 24.000 Jagdreviere vor, zeigt die aktuelle Statistik des Deutschen Jagdverbands. In der vergangenen Saison seien mit rund 128.000 Exemplaren so viele Waschbären wie noch nie von Jägern erlegt worden.

Den Abschuss der Tiere sehen aber selbst sie nicht als wirklich Erfolg bringende Maßnahme. Je mehr man ihm auf den Pelz rücke, desto stärker reproduziere er sich. Ähnlich große Sorgen macht die aus Nordamerika stammende Schwarzkopfruderente, die sich Gartenbesitzer gern in den heimischen Teich setzen. Allerdings haben sich entflogene Exemplare bereits mit den in Europa ansässigen Weißkopfruderenten vermischt – und drohen diese langfristig zu verdrängen.

Besitz- und Verkaufsverbot

Lange ist das Problem verdrängt worden, im vergangenen Jahr hat die EU-Kommission reagiert und erstmals eine „Unionsliste“ herausgegeben, für deren 37 aufgezählte Arten es seither ein Besitz- und Verkaufsverbot gilt. Für BfN-Mann Nehring ist damit ein wichtiger Schritt gemacht: „Bei Wasserhyazinthen und einigen Flusskrebsarten hat der Handel bereits reagiert – und sie aus dem Programm genommen.“

Naturschutzorganisationen geht die Liste aber nicht weit genug. Viele kritische Arten lasse die EU außen vor, etwa den Riesenbärenklau, der beim Menschen Hautverbrennungen auslösen kann. Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, sieht indes „massive Belastungen“ auf die Tierheime zukommen. Diese seien jetzt schon randvoll mit abgegebenen Schildkröten. „Tötungen von Tieren, nur weil sie als invasiv gelten, wären absolut inakzeptabel“, so Schröder.

Hilfe für Tiere in Kolumbiens Überschwemmungsgebieten
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