Frühchen

Frühgeborene: Sprache der Kleinsten wichtiger als gedacht

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62.500 Kinder kamen 2014 in Deutschland zu früh auf die Welt – also nach weniger als 37 Schwangerschaftswochen.

62.500 Kinder kamen 2014 in Deutschland zu früh auf die Welt – also nach weniger als 37 Schwangerschaftswochen.

Foto: iStock/MichaelBlackburn / iStock

Bei der Versorgung von Frühchen geht es nicht mehr nur um medizinisch Notwendiges. Ein Konzept aus den USA übersetzt die Körpersprache.

Berlin.  Beinahe jedes elfte Kind in Deutschland kommt zu früh auf die Welt. Das waren im Jahr 2014 laut der Bundesauswertung Geburtshilfe rund 62.500 Babys, die nach weniger als 37 Schwangerschaftswochen geboren wurden.

Rund 800 dieser Frühchen hatten ein Gewicht von weniger als 500 Gramm. Ihre Wahrscheinlichkeit zu überleben lag laut der Auswertung bei etwas über 50 Prozent. Als Grenze der Lebensfähigkeit gilt in Deutschland eine Schwangerschaftsdauer von mindestens 22 Wochen. Medizinisch sind das bemerkenswerte Fortschritte. Dennoch blieb lange eine Lücke in der Versorgung.

Fokus bisher auf Überlebenstaktik

Die für Ärzte und Pflegende zen­trale Frage war immer: Wie können wir diese fragilen Wesen am Leben halten, deren Körper noch nicht für ein Leben außerhalb des Mutterleibes bereit ist? Die Technik, die Operationsmethoden – alles wurde immer ausgeklügelter. „Was die Kinder fühlten, war zweitrangig“, sagt Natalie Broghammer, die als Kinderkrankenschwester am Uniklinikum Tübingen arbeitet. Irgendwann stellte sie fest: „Die Art, wie ich meine Pflege gestalte, hat Einfluss auf die Entwicklung des Kindes.“

Vor sieben Jahren ließ sich Natalie Broghammer in einem Pflegekonzept schulen: NIDCAP (Newborn Individualized Developmental Care and Assessment Program). Erfunden hat es in den 80er-Jahren die deutsche Psychologin und Professorin an der Harvard Medical School (HMS) Heidelise Als. „Ich habe damals versucht, die Sprache der Frühgeborenen zu entziffern. Worte zu finden für ihre Art, sich auszudrücken“, erzählt Als, die heute an dem zur HMS gehörenden Boston Children’s Hospital arbeitet.

Formen sie den Mund zu einem O?

Tage- und nächtelang stand sie auf den Frühchenstationen und beobachtete die Kinder. Wie geht es ihnen, wenn das Stethoskop auf ihrer Brust liegt? Wie, wenn der Arzt die Patientenakten einfach auf dem Inkubator ablegt? Welche Farbe hat ihre Haut, sind die Arme schlaff, gebeugt oder gestreckt? Seufzen sie, oder runzeln sie die Stirn? Formen sie den Mund zu einem O? Rund 90 Verhaltensweisen gingen in einen Beobachtungsbogen ein.

In Deutschland ist das Programm anders als etwa in Schweden oder Frankreich kaum verbreitet – obwohl Studien seine positive Wirkung auf die Entwicklung der Frühchen belegen. Sie haben weniger Blutungen im Hirn, können früher vom künstlichen Sauerstoff genommen werden, wachsen schneller und können früher nach Hause entlassen werden.

Es gibt auch kritische Stimmen

Auch langfristig hat NIDCAP einen positiven Einfluss auf die Entwicklung des Kindes, wie eine kanadische Studie zeigt. „Das Gehirn der Kinder entwickelt sich auf einer Intensivstation in anderer Umgebung als eigentlich vorgesehen“, erklärt Broghammer.

Deswegen hätten es Frühgeborene später im Leben etwas schwerer. So seien etwa ADHS oder Schwierigkeiten in der Schule häufiger im Vergleich zu Reifgeborenen. Die untersuchten Kinder aus der kanadischen Studie konnten sich im Alter von neun Jahren besser konzentrieren und organisieren als Frühgeborene, die nicht mit dem Pflegekonzept in Kontakt gekommen waren.

Dienst nach Liste überzeugt Experten nicht

Doch es gibt kritische Stimmen. „Die Idee, eine Liste abzuarbeiten, ist mir zu formal“, sagt Professor Christoph Bührer. Er leitet die Klinik für Neonatologie der Charité in Berlin. Das Ausfüllen eines Bogens ziehe Ressourcen ab, die an anderer Stelle besser eingesetzt seien. „Das Wichtigste bleibt die Empathie.“ Es sei trotzdem gut, was NIDCAP angestoßen habe.

Der Grundgedanke hinter NIDCAP und anderen Konzepten, die langsam in immer mehr Kliniken angewandt werden, ist derselbe: Wie können Kinder abgesehen von dem medizinisch Notwendigen so gefördert werden, dass sie sich bestmöglich entwickeln?

Eltern spielen inzwischen eine zentrale Rolle

Die Eltern spielen inzwischen eine zentrale Rolle. Durften sie früher ihre Kinder manchmal wochenlang nicht sehen, sind sie heute häufig fester Bestandteil des Teams auf der Station. Auf der Neonatologie in der Charité wurden etwa die Besuchszeiten abgeschafft. 24 Stunden am Tag können sie auf die Station. „Wir ermutigen die Eltern, aktiv auf ihre Kinder zuzugehen. Denn häufig trauen sie sich das nicht“, erzählt Christoph Bührer.

Doch mit der Zeit wachsen die Eltern in ihre Rolle hinein – mit langfristig positiven Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes. „Eine Mutter, die Zutrauen zu sich und ihren natürlichen Instinkten hat, ist eine bessere Mutter“, erklärt Bührer. Das Kind wachse angstfreier auf. „Bei Frühchen sehen wir häufig, dass sie in späteren Jahren eher scheu sind.“ Das habe nichts mit ihrer frühen Geburt zu tun, „sondern mit einem angstvollen Umgang der Eltern mit ihrem Kind“.

An der Uniklinik in Tübingen überlegen Ärzte und Pfleger nach Auswertung des Bogens deswegen gemeinsam mit den Eltern, was diese tun können. So ist es etwa gut, wenn die Kinder die Stimmen der Eltern hören. Wenn aber Natalie Broghammer und ihre Kollegen diesen Rat geben, könne es passieren, erzählt sie, dass Eltern das Gefühl bekommen, die ganze Zeit mit ihrem Kind sprechen zu müssen. „Aber darum geht es nicht. Mit ‘sein Kind lesen zu lernen’ ist auch gemeint, den richtigen Zeitpunkt für Ruhe und Kontaktaufnahme zu finden.“

Von alten Vorstellungen verabschieden

Auch Ärzte und Pfleger müssen ihre Routine hinterfragen. „Wir müssen uns von alten Vorstellungen verabschieden“, sagt Christoph Bührer. „Auf vielen Krankhausstationen folgt alles einem festen Plan“, sagt Heidelise Als. „Das macht in einem gewissen Rahmen Sinn. Aber trotzdem kann man fragen: Muss denn alles auf einmal passieren? Füttern, wickeln, abhören. Dabei möchte das Kind vielleicht schlafen.“

Die entwicklungspsychologischen Konzepte erfordern eine lange Zeit der Implementierung. Seit sieben Jahren arbeitet die Neonatologie in Tübingen daran, alle Beteiligten mit ins Boot zu holen. Inzwischen gibt es an der Uniklinik auch das erste NIDCAP-Trainingszentrum in Deutschland. Natalie Broghammer bildet gemeinsam mit einer Kinderärztin Kollegen aus.

Mittlerweile kommen auch Anfragen aus anderen Häusern. „Zurzeit haben wir sehr viel Wissen im Bereich der Entwicklungsförderung von Frühgeborenen“, sagt Broghammer. Doch die Entwicklung im Gesundheitswesen stehe dem entgegen. Der zeitliche und ökonomische Druck sei so hoch wie nie.