Festmahl

Was gegen die Völlerei der Feiertage wirklich hilft

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Das schwere Essen rund um die Weihnachtstage schlägt vielen Menschen auf den Magen. Wie das Völlegefühl entsteht und was dagegen hilft.

Berlin.  Die knusprig braune Haut des Festtagsbratens glänzt verführerisch, ohne die dicke dunkle Soße schmecken die Klöße nicht und obwohl die reichliche Portion für den ganzen Tag gereicht hätte, muss auch die Schokoladencreme zum Nachtisch noch dran glauben – es ist schließlich Weihnachten.

Da kann man das mal machen. Würde der Magen nur danach nicht so unangenehm drücken. Obwohl er stark dehnbar ist, fühlt er sich übervoll an, die eben noch so leckeren Speisen scheinen in alle Richtungen wieder aus der Enge des Magens herausgedrückt zu werden: das klassische Völlegefühl. Experten erklären, was im Körper geschieht und was dagegen hilft.

Wie funktioniert Verdauung?

„Der komplexe Vorgang der Verdauung lässt sich grob vereinfacht erklären“, sagt Dagmar Mainz, Fachärztin für Innere Medizin und Vorstandsmitglied des Berufsverbands Niedergelassener Gastroenterologen Deutschland (BNG): Die Zähne zerkleinern das Essen, mit dem Speichel werden zusätzlich Enzyme freigesetzt, die das Essen schon im Mund zersetzen und zu einem Brei werden lassen.

Nach dem Schlucken wird alles mit Muskelkontraktion die Speiseröhre hinunterbefördert und gelangt in den Magen. Die Magensäure zersetzt den Nahrungsbrei weiter, der sogenannte Magenpförtner – ein Schließmuskel – entlässt ihn anschließend in kleinen Häppchen Richtung Zwölffingerdarm. Gallensaft aus der Gallenblase und Enzyme aus der Bauchspeicheldrüse beginnen hier Fette, Kohlenhydrate und Eiweiße zu zersetzen, damit der Körper sie verwerten kann.

Der Weihnachtsmann ist unterwegs

Wie entsteht das Völlegefühl?

Weiter unten im Dünndarm greift sich der Organismus noch Vitamine wie etwa B12, bevor die Überbleibsel der aufgenommenen Nahrung durch einen weiteren Schließmuskel in den Dickdarm wandern. „Hier warten schon die Bakterien darauf, die Nahrungsreste zu verstoffwechseln, der Körper zieht letzte Flüssigkeit aus ihnen, bevor die ringförmigen Muskeln den nicht verwertbaren Teil Richtung Enddarm transportieren“, schließt die Medizinerin die kleine Reise durch den Körper ab. „Kommt es zu Völlegefühl, ist an einer der zahlreichen Schaltstellen im Verdauungssystem etwas ins Stocken geraten.“


Zu viel, besonders fettiges, Essen sei der klassische Auslöser. „Es entsteht Druck im oberen Magendarmtrakt, die Magenwand wird stark gedehnt. Rezeptoren in der Magenwand leiten dieses Signal an das Gehirn weiter, der Mensch empfindet Unwohlsein bis zum Schmerz“, erklärt Jutta Keller, Leiterin der Funktionsdiagnostik am Israelitischen Krankenhaus Hamburg und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS).

Was sind Ursachen für anhaltende Beschwerden?

Erst wenn sich der Magen entleert, lässt die unangenehme Dehnung nach. Besonders fettige Mahlzeiten sorgen jedoch für die vermehrte Ausschüttung eines bestimmten Hormons – Cholecystokinin (CCK). Es führt zur Freisetzung des Gallensaftes, der im Dünndarm Fette zersetzt, gleichzeitig verzögert es aber die Entleerung des Magens Richtung Dünndarm. Es entsteht eine Art Stau. Ballaststoffe können einen ähnlichen Effekt haben. „Weil der Magen länger braucht, sie soweit zu zerkleinern, dass er sie entleeren kann“, erläutert Keller. Ballaststoffe stecken vor allem in Brot und Getreideprodukten.

„Wenn ein Völlegefühl ausnahmsweise auftritt und die Ursache klar ist – wenn etwa zu viel oder zu fett gegessen oder zu viel Alkohol getrunken wurde – dann ist das ganz normal. Wenn die Beschwerden länger als vier Wochen anhalten, sollte beim Arzt eine Magenspiegelung gemacht werden“, sagt Mainz. Ärztlicher Rat sei auch sinnvoll, wenn das Völlegefühl unangenehm werde, regelmäßig auftrete oder die Patienten daran hindere, normale Portionen zu verzehren, ergänzt Keller. Denn es können auch ernstere Erkrankungen hinter dem Gefühl ständiger Völle stecken. Etwa eine Magenlähmung.

Welche Begleitbeschwerden treten auf?

Sie kann zum Beispiel bei Diabetespatienten auftreten, deren Nervensystem durch die Erkrankung bereits Schaden genommen hat. Geben die Nerven den Muskeln im Magen keinen Impuls, sorgen diese nur verlangsamt oder gar nicht mehr dafür, dass die Nahrung durch den Magen weiter in den Dünndarm transportiert wird.“ Auch eine chronische Entzündung kann die Ursache des Problems sein. „Die Magenwand ist dabei geschwollen und dehnt sich nicht mehr richtig“, sagt Mainz. Magenkrebs sei eine zwar mögliche aber recht unwahrscheinliche Erklärung für häufiges Völlegefühl, so Keller: „Ist auch das Bauchfell befallen, verhärtet die Magenwand und kann sich kaum noch dehnen.“

Teils findet sich aber auch gar keine organische Ursache, etwa bei der sogenannten Funktionellen Dyspepsie – dem Reizmagen. „Patienten haben dann eine übersteigerte Wahrnehmung der Magenfüllung“, erklärt die Ärztin. Oft werden die Beschwerden begleitet von Übelkeit, Sodbrennen oder Blähungen. Sind ernstere Erkrankungen ärztlich ausgeschlossen worden, ist der Reizmagen ungefährlich und wird meist symptomatisch behandelt.

Was hilft?

„Spazieren gehen!“, so lautet die einhellige Meinung der Expertinnen. Wer nicht gleich zu Medikamenten greifen möchte, geht mit Bewegung auf Nummer sicher. „Studien belegen den positiven Effekt bei der Magenentleerung“, sagt Keller. Sich nach dem Essen direkt auf die Couch zu legen, sei hingegen kontraproduktiv bei Völlegefühl, ergänzt Mainz. Ein weiterer Helfer bei der schnelleren Magenentleerung sei Ingwer, so Keller.

Studien der Chang Gung Universität in Taiwan zeigten etwa 2008 und 2011, dass die Einnahme von drei Ingwer-Kapseln mit insgesamt 1,2 Gramm Extrakt vor dem Essen die Magenentleerung bei gesunden Patienten beschleunigen und so das Völlegefühl mildern kann. Andere Symptome, die etwa mit einem Reizmagen einhergehen, ließen sich so allerdings nicht beeinflussen. Was andere vermeintliche Verdauungshelferlein betrifft, ist die Studienlage unübersichtlich. Ein Aperitif vor dem Festmahl oder ein Kräuterschnaps danach gilt vielen als Hausmittel, über den tatsächlichen Effekt ist jedoch wenig bekannt.

Was bewirkt ein Aperitif vor dem Mahl?

„Der Alkohol selbst spielt bei der Magenentleerung keine Rolle, wichtig sind die beigemengten Stoffe“, so Keller, „grundsätzliche Aussagen lassen sich kaum treffen.“ Wissenschaftler vom Universitätsklinikum Heidelberg untersuchten 2008 an einer kleinen Probandengruppe die Wirkung von Brandy, Kräuterlikör, Aquavit, Obstbrand und Espresso auf die Magenentleerung und konnten keinen signifikanten Effekt feststellen. Negative Auswirkungen zeigte eine Schweizer Studie aus 2010, bei der Probanden radioaktiv markiertes Käsefondue verspeisten und im Anschluss entweder Tee und Wasser oder alkoholische Getränke bekamen.

Die Wissenschaftler verfolgten das markierte Essen durch den Körper und stellten fest, dass es sich umso langsamer bewegte, je mehr Alkohol die Teilnehmer getrunken hatten. Auch bei schwarzem Kaffee sind die Erkenntnisse nicht eindeutig. „Einige Studien zeigen, dass er die Magenentleerung beschleunigen kann, bei anderen zeigte sich keine Wirkung“, sagt Keller. Dass das Völlegefühl bei einigen nach dem Genuss von Alkohol oder Kaffee trotzdem etwas nachlasse, könne eine psychologische Ursache haben, glaubt die Medizinerin: „Der Wohlfühleffekt.“