Deutschland

Warum sich Dresden trotz negativem Image wieder lohnt

Blick auf die Brühlsche Terrasse, Hofkirche und Semperoper.

Blick auf die Brühlsche Terrasse, Hofkirche und Semperoper.

Foto: Westend61 / Getty Images/Westend61

Dresden hat noch immer mit einem schlechten Image durch den Pegida-Effekte zu kämpfen. Deshalb wirbt die Stadt massiv mit ihrer Kultur.

Dresden.  „In dem reichen Lande der im Morgenlicht glänzende Strom, daran die im Dufte schimmernde Stadt mit ihren Türmen“, notierte der Bildhauer Ernst Rietschel tief beeindruckt, als er 1814 noch als Kind zum ersten Mal die Dresdner Silhouette sah.

Er muss ­damals ziemlich genau dort gestanden haben, wo wir jetzt bei letzter Spätherbstsonne sitzen, nämlich auf der Terrasse des Brauhauses am Waldschlösschen, das es zwar zu Rietschels Zeiten noch nicht gab, von dessen Standort aus sich aber damals wie heute ein ganz besonderer Blick eröffnet.

Atemberaubendes Panorama

Man sieht die breiten Elbwiesen, hinten links den Turm der Kreuzkirche, geradezu die noch immer helle Sandsteinkuppel der Frauenkirche, gleich anschließend die Brühlsche Terrasse, rechts die geschweifte Haube des Schlossturms und daneben die schon auf der Neustädter Elbseite gelegene Staatskanzlei, deren Kuppel mit einer goldenen Krone ­abschließt.

Und die Brücke, über die viele Jahre lang so heftig gestritten wurde, weil sie diesen wunderbaren Blick zunichtemachen würde? Die skandalöse Waldschlösschenbrücke, deren Bau das Dresdner Elbtal am Ende den Unesco-Welterbetitel gekostet hat, ja wo ist sie eigentlich? Man muss nach links schauen, um die neue Elbquerung mit ihrem flachen Bogen zu sehen. Den berühmten und von Künstlern immer wieder besungenen Blick auf die Stadt mit ihren Türmen, Kuppeln und Brücken verbaut sie jedenfalls nicht. Und wenn man hier in der Sonne sitzt und schaut, erscheint der erbitterte Streit über die Brücke, der Freundeskreise und sogar Familien in der sächsischen Landeshauptstadt entzweit hat, heute so irrational und überzogen wie die Aberkennung des Welterbetitels durch die Unesco.

Die Stadt an der Elbe hat ein Imageproblem

Dresden ist schön, das weiß jeder, auch wenn er vielleicht die Sätze von Erich Kästner nicht kennt, der beschrieben hat, dass die Dresdner die Schönheit so selbstverständlich einatmeten wie „Försterskinder die Waldluft“. Aber das ist nur die eine Seite der ehemaligen sächsischen Residenz, die sich so gern im Glanz der Vergangenheit sonnt. Die andere ist weniger schön. „Ja, Dresden hat ein Imageproblem“, sagt Oberbürgermeister Dirk Hilbert, den wir in der Kaminbar des schicken Gewandhaus­hotels treffen.

„Wir sind Deutschlands Geburtenhauptstadt, die erste schuldenfreie Stadt der Bundesrepublik, haben eine enorme wirtschaftliche Dynamik, sind inzwischen der wichtigste Mikroelektronikstandort in Europa, besitzen eine Exzellenz-Universität, zwölf Frauenhofer-, drei Max-Planck- und fünf Leibnitz-Institute und natürlich unsere weltberühmten Kultureinrichtungen. Aber das alles nützt uns nichts, denn wir fahren sozusagen mit angezogener Handbremse“, sagt der 45-Jährige, der von einer „erschreckenden Enthemmung“ in seiner Stadt spricht. „Früher haben manche Leute nur am Stammtisch gehetzt, jetzt tun sie es in aller Öffentlichkeit“, sagt der Politiker.

, der zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober wieder mal als „Volksverräter“ angepöbelt wurde. Der Großteil der Bürger ist für ein offenes Dresden

Auf die Frage, woher der Hass gegen die Ausländer und alles Fremde kommt, wirkt Hilbert ratlos. Der Ausländeranteil in seiner Stadt liege noch unter fünf Prozent. „Weit mehr als 90 Prozent sind für ein weltoffenes Dresden und leiden unter den Pegida-Leuten, die nicht allein ein Dresdner Phänomen sind, aber hier ihre Bühne finden“, sagt Hilbert.

Das schreckt Besucher ab, wie sich an der Statistik ablesen lässt. Bettina Bunge, die Chefin der Dresden Marketing GmbH, spricht aktuell von einem Rückgang von 2,1 Prozent der Übernachtungen, die 2015 bei 4,4 Millionen lagen. „Die Rückgänge beziehen sich ausschließlich auf Deutsche, bei ausländischen Gästen wirkt dieser Pegida-Effekt offenbar nicht, hier gibt es sogar ein Wachstum“, sagt sie.

In Dresden spielte sich Weltgeschichte ab

Die Bühne, von der Bürgermeister Hilbert sprach, das sind die schönen Plätze der Stadt, für die Semperoper, Zwinger, Kathedrale und Frauenkirche die Kulissen abgeben. „Wer sich hier hinstellt und schreit, der bekommt Fernsehbilder und wird weltweit gehört und gesehen“, sagt Frank Richter. Der ehemalige Bürgerrechtler war im Oktober 1989 Gründer der „Gruppe der 20“, die am 9. Oktober 1989 den ersten Dialog mit einem SED-Funktionär erzwingen konnte und damit wesentlich zur friedlichen Revolution beigetragen hat. Als langjähriger Direktor der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung hat Richter am Anfang mit Pegida-Anhängern diskutiert und ist dafür gescholten worden.

Heute sagt er: „In Dresden tickt man irgendwie autoritärer als anderswo, trotzdem gibt es aber gerade in der Stadt auch viele Initiativen, die sich für Toleranz einsetzen.“ Und Rechtsextremismus? „Das ist in der Tat ein sächsisches Problem, das Dresden allerdings deutlich weniger betrifft als den wirtschaftlich abgehängten ländlichen Raum.“

Theater gab es schon fast immer

Der Hang zum Theatralischen in Dresden geht bis ins frühe 18. Jahrhundert zurück, als August der Starke, der nicht nur sächsischer Kurfürst, sondern auch noch König von Polen war, seine Residenz mit enormen Aufwand zu einer europäischen Kulturhauptstadt gemacht hat. Mit einer Architektur, die an Venedig oder Versailles erinnerte, mit einer Schatzkammer, dem berühmten „Grünen Gewölbe“, deren Glanz auch heutigen Besuchern noch den Atem stocken lässt, mit der weltgrößten Porzellansammlung und einer Gemäldegalerie, die international in der ersten Liga mitspielt.

Dass das nur mit Ausländern möglich war, mit italienischen Architekten, süddeutschen Bildhauern, französischen Hofmalern und anderen Spezialisten, die aus halb Europa in die Stadt kamen, ist den Pegida-Anhängern sicher kaum bekannt, der übergroßen Mehrzahl der kulturbewussten Dresdner aber sehr wohl. Und so versucht die Stadt den rechten Populisten vor allem mit Kultur Paroli zu bieten. „Für ein weltoffenes Dresden“, steht unübersehbar an der Fassade der Semperoper. Und die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, in denen 14 Museen mit Werken aus allen Kontinenten zusammengefasst sind, bezeichnen sich als „ein großes Haus voller Ausländer“. Fast alles, was den Reichtum Dresdens ausmacht, beruht auf dem Dialog der Kulturen.

Die Region bietet Natur, Kultur und Architektur

Und Kultur ist auch heute der Schlüsselbegriff, wenn es um die Strategie geht, mit der die Stadt gegen die Beschädigungen vorgeht, die ihr die Rechtspopulisten zufügen. So will sich Dresden für 2025 um den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ bewerben. „Dabei werden wir nicht nur auf die Geschichte schauen und unsere Schmuckstücke in die Vitrine stellen, sondern sehen, wie wir uns als Stadt neu erfinden können“, sagt Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch von den Linken. Das klingt sehr mutig, wenn man an die Bilder der ­pöbelnden Sachsen denkt, die beim Festakt zum Tag der Einheit am 3. Oktober gegenüber der Bundeskanzlerin und dem Bundespräsidenten fast handgreiflich geworden sind.

„Aber gerade denen dürfen wir nicht das Feld überlassen“, meint Klepsch und erzählt vom Kraftwerk Mitte. Nur ein paar 100 Meter von Zwinger entfernt entsteht in einem 1994 still­gelegten ehemaligen Heizkraftwerk für mehr als 90 Millionen Euro auf rund 40.000 Quadratmeter Fläche ein Kunst-, Theater- und Kreativstandort unter einer gemeinsamen Dachmarke.

In Kultur wird investiert

Die Staatsoperette und ein traditionsreiches Kinder- und Jugendtheater erhalten hier neue Spielstätten, außerdem gibt es in dem Industriedenkmal Ateliers, Ausstellungsräume, eine Musikhochschule und ein „Energiemuseum“. Eröffnung ist am 16. Dezember. Und direkt am Altmarkt wird derzeit der 1969 eröffnete Kulturpalast saniert. Im Frühjahr 2017 ziehen in den Bau der Nachkriegsmoderne die Stadtbibliothek und die Dresdner Philharmonie ein. Das berühmte Orchester erhält einen Konzertsaal, der – ähnlich wie der der Hamburger Elbphilharmonie – nach dem Modell des Weinbergs gestaltet ist.

Neben der wunderschönen Landschaft und der vielfältigen Architektur ist Kultur der wichtigste Grund, das heutige Dresden zu besuchen, das in den 27 Jahren, die seit der friedlichen Revolution vergangen sind, viel von seiner viel gerühmten Schönheit zurückgewonnen hat. Wenn man die schmucken Barockfassaden der in den letzten Jahren neu erstandenen Häuser am Neumarkt und der Rampischen Gasse betrachtet, wirkt Dresden mitunter sogar allzu schön, vergangenheitsfixiert und ein bisschen selbstverliebt.

Tipps & Informationen

Übernachtung Das stilvoll sanierte Gewandhaushotel liegt direkt
in der historischen Altstadt. Viele Sehenswürdigkeiten wie Altmarkt, Frauenkirche, Brühlsche Terrasse und Schloss sind bequem zu Fuß zu erreichen. www.gewandhaus-hotel.de

Kultur Das Kraftwerk Mitte wird am 16. Dezember mit den Spielstätten für die Staatsoperette und das Theater der Jungen Generation eröffnet.

Advent Der Striezelmarkt, einer der ältesten Weihnachtsmärkte Deutschlands, ist vom 24. November bis zum 24. Dezember geöffnet.

Stadtrundgänge zu unterschiedlichen Themen bietet igeltour an. www.igeltour-dresden.de

Auskunft www.dmg.dresden.de