Insel

Hallig Süderoog: Besuch auf der Arche Noah im weiten Watt

| Lesedauer: 8 Minuten
Oliver Abraham
Traditionell halten Halligbewohner Schafe zur Beweidung der Salzwiesen.

Traditionell halten Halligbewohner Schafe zur Beweidung der Salzwiesen.

Foto: spreer / PR

Zwei Pächter kümmern sich auf der Hallig Süderoog um den Küstenschutz sowie um bedrohte Tierarten. Ein Besuch vor Ort.

Süderoog.  Es ist spät im Jahr, Wolken jagen über die Hallig im Wattenmeer. Einsam im Wind und vor den langen Herbst- und Winternächten ist dies eine der letzten Wandergruppen, die Süderoog erreicht. Zwei Leute aber leben das ganze Jahr dort: Nele Wree (33) und Holger Spreer (36). Vereinsamen tun sie gewiss nicht – persönlichen Kontakt mit dem Rest der Welt haben sie über den Watt-Postboten Knud Knudsen, der auch in der dunklen Jahreszeit von Pellworm herüberkommt. Und zu tun gibt’s genug.

Schnell kommt man mit den beiden Halligbewohnern ins Gespräch. Warum sie hier draußen leben, wie das so ist – vor allem wenn die Tage deutlich kürzer werden. Ein schönes Beispiel, meint Holger (draußen duzt man sich): „Un­sere Hallig hat keinen Stromanschluss – wir müssen unseren Strom selbst gewinnen. Dafür haben wir Solarmodule, mit denen wir die Batterien aufladen“, erklärt Holger, „und unsere Lichtanlage betreiben oder kleinere Küchenmaschinen.“ Für größere Stromverbraucher wie Waschmaschine oder Kreissäge werfen sie den Dieselgenerator an.

Ein Leben mit der Natur

Der steht allerdings im Gegensatz zum selbst erklärten Ziel einer ökolo­gischen Lebensweise. „Bereits ab Ende Oktober spüren wir schon den niedrigen Stand der Sonne und die kürzeren Tage“, berichtet Nele. Die Sonne wird nun deutlich schwächer. Es reiche dann manchmal selbst für die kleinen Geräte kaum mehr. Dies ändere sich nun, berichtet Nele, dieser Tage bekommen die beiden neue Module und einen neuen Generator für ihre Stromversorgung.

Beide haben die Stelle auf der Hallig vor drei Jahren angetreten. „Ich habe Kunstgeschichte studiert und zuletzt als Assistentin der Geschäftsführung eines Hamburger Architekturbüros mit angeschlossener Galerie gearbeitet“, sagt Nele. Holger hat als 16-Jähriger eine Lehre als Krabbenfischer angefangen, hält zwei Kapitänspatente und fuhr ­zuletzt als Kapitän eines Kutters. Im Anschluss wurde er Versicherungsfachmann in Süddeutschland, „und bin dann doch wieder an der Küste gelandet, weil ich sie vermisst habe.“

Leidenschaft für Arbeit und Elemente

Pellworm kannten die beiden gut, und als sie das Angebot bekamen, haben sie gut überlegt, aber spontan entschieden „Wir machen das!“ Es ging um diese Stelle als Pächter der Hallig Süderoog, „… und wir haben die Stelle bekommen!“ Die Freude darüber, die Leidenschaft für ihre Arbeit, das merkt man den beiden noch heute an. „Wir wollten in der Natur leben, mit unseren Tieren und mit den Elementen – mittendrin“, sagt Nele.

Seit drei Jahren halten es die zwei schon mit der Hallig und der Nordsee, den Elementen und ihren Tieren gut aus – und vor allem mit sich selbst. Wer sie während eines Besuches beobachtet, merkt, wie harmonisch sie arbeiten und miteinander umgehen. Und mit ihrer Landwirtschaft haben sie sich im wahren Wortsinn neue Horizonte eröffnet.

Im Sommer kommen pro Tag bis zu 50 Gäste auf die Hallig

Und eindrückliche Naturerlebnisse haben sie gleich zu Anfang erlebt: Sie waren noch keine zwei Monate auf der Hallig, als ihnen der erste Orkan „Land unter“ bescherte, einen Monat später kam der zweite. „Der Hof und die Ställe blieben zum Glück trocken, aber die Wellen schafften es trotzdem bis ans Haus“, erinnert sich Nele. Die beiden standen im extra gesicherten Schutzraum – den hat jedes Haus auf jeder ­Hallig – und blickten über das tobende Meer. „Der Lärm bei einem Orkan ist einfach unglaublich: Die kreischenden Vögel, klappernde Fensterläden, alles ist unruhig und aufbrausend“, beschreibt Nele. Und ganz gewiss ein ­Naturerlebnis mit Gänsehautgarantie. ­Nele und Holger wollten hinaus in die Natur und eins mit den Elementen sein – und Land unter gehört auf einer Hallig dazu. Mit Süderoog haben sie bekommen, was sie sich gewünscht haben.

Hauptaufgabe der beiden ist der Küstenschutz. Angestellt beim Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz kümmern sie sich um den Erhalt der rund 60 Hektar großen Hallig. Dazu gehört unter anderem das Ausbessern von weggespülten Flächen oder die Reparatur von Lahnungen. „Die Halligen haben eine enorme Bedeutung für den Schutz der Inseln und der Festlandsküste – sie nehmen der Nordsee bei einer Sturmflut die Kraft, wir sitzen hier auf einem Wellenbrecher!“ Unterstützung für die Maßnahmen gibt’s bei schweren Sachen durch Arbeiter von Pellworm.

Auf dem Hof leben vom aussterben bedrohte Rassen

Neben seinen Aufgaben im Küsten- und Vogelschutz hat das Paar einen ­„Archehof“ aufgebaut, es hält und vermehrt vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen, in Deutschland leben mehr als 100 Rassen mit diesem Status. Nele und Holger möchten einen Beitrag zur Erhaltung der Artenvielfalt leisten. „Wir haben daher bei der Auswahl unserer Tiere darauf geachtet, dass diese nicht nur für die besonderen Gegebenheiten der Hallig geeignet sind, sondern auch, dass sie auf der Roten Liste vertreten sind“, erklärt Holger.

Seit 2015 sind sie eingetragener „Archehof“ und stehen auch mit anderen Züchtern im Austausch, sie tauschen Tiere oder Zuchteier. So ist Hallig Süderoog nicht nur ein Archehof, sondern, wenn Kapitän Holger das kleine Boot von der Hallig nach Pellworm steuert und seltene Fuchsschafe oder Bronzeputer zum Rest der Welt bringt, auch eine echte Arche Noah.

Schafe dienen zur Beweidung der Salzwiesen

Wichtig ist, dass sie auch die Wattwanderer mit den Produkten ihrer Tiere verpflegen können; im Sommer kommen bis zu 50 Gäste pro Tag im Rahmen geführter Wanderungen auf die Hallig – die Bewirtung gehört auch zu den Aufgaben von Nele und Holger. „Für uns selbst und für die Bewirtung der Gäste brauchen wir zum Beispiel Eier“, erklärt Nele, „die liefern uns die Ramelsloher Hühner, diese Rasse stammt aus dem Norden und ist von daher mit dem Klima hier auf der Hallig vertraut.“ Holger geht auf die Salzwiesen, verlässt das schöne, prachtvolle Gehöft durch den Stall und steht am Zaun. Tang und Algen hängen am Schafdraht, die Schafe stehen still auf der Weide.

Traditionell halten Halligbewohner Schafe zur Beweidung der Salzwiesen. Nele und Holger haben das Coburger Fuchsschaf nach Süderoog gebracht. „Das Schaf frisst zum einen Disteln und zum anderen ist es sehr robust – der Tierarzt kann ja nicht sofort zu uns kommen, falls einmal ein Notfall eintritt. Außerdem lammen die Schafe recht problemlos, auch das ist ein Grund, warum wir uns für diese Rasse entschieden haben.“ Nele geht in das Gatter und versorgt die Gänse mit Futter. „Das sind Pommersche Landgänse. Ebenfalls eine robuste und gefährdete Nutztierrasse“, sagt Nele. „Und sie schmecken ganz köstlich“, ergänzt Holger, „vielleicht wäre das ja eine Idee für den Festtagsbraten. Und unser Salzwiesenlamm ist ebenfalls eine Delikatesse.“ Seltene Nutztierrassen für die Küche (man kann sich Fleisch bestellen und zuschicken lassen) – „Überleben durch Aufessen!“ sagt Holger. Wahrlich; es sind ganz neue Horizonte hier auf der Arche mitten im Wattenmeer.

Tipps & Informationen

Anreise Die Hallig Süderoog kann im Rahmen geführter Wattwanderungen oder mit einem Schiffsausflug von der Insel Pellworm aus besucht werden.

Termine Letzte Wattwanderung für 2016 am 25. Oktober, letzter Schiffs­ausflug am 20. Oktober. Auskunft und Termine für 2017 auf www.pellworm.de und www.halligsuederoog.de

(Die Reise wurde unterstützt von Nordsee-Tourismus-Service/Husum.)

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Ratgeber