England

Auf den Spuren von Robin Hood im Sherwood Forest

Mystische Natur in Nottinghamshire bietet die perfekte Plattform für Legenden. Vielleicht haben Robin Hood und seine Gefährten hier einst im See gebadet ...?

Mystische Natur in Nottinghamshire bietet die perfekte Plattform für Legenden. Vielleicht haben Robin Hood und seine Gefährten hier einst im See gebadet ...?

Foto: Lee Davison Photography / Getty Images

Robin Hood gilt bis heute als Volksheld. Anfang des 13. Jahrhunderts sollen ihm die Wälder von Nottinghamshire Schutz geboten haben.

Nottingham.  Die Schritte hallen in den Gängen. Tief unten in den Verliesen der alten Shire Hall von Nottingham quietschen die Scharniere der Türen zu den Todeszellen. Wer hier gelandet war, sollte nie wieder das Licht der Welt erblicken – „Oubliette“ heißt diese Kammer im vierten Untergeschoss; ein Ort, um ein für alle Mal vergessen zu werden. Ein Mann in mittelalterlichem Gewand sucht den Weg nach draußen. Links? Rechts? Egal, nur nach oben. Im Hinterhof baumelt der Strick am Galgen. Saß er hier ein, der legendäre Held vom Sherwood Forest?

Die alte Shire Hall, das heutige Museum „Galleries of Justice“, war der Sitz des bösen Sheriffs, und nicht die Burg. Diese wurde im Mittelalter ohnehin abgerissen, der heutige Herrensitz auf dem Burgberg ist sehr viel jünger. Wer sich in Nottingham und im Sherwood Forest auf die Suche nach dem rechtschaffenen Räuber macht und sich auf seine Spuren begibt, wird manches Mal überrascht sein: So, wie mancher Kino­film den Helden beschreibt, gab es ihn nicht – aber möglicherweise jemanden wie Robin Hood, denn einige Fragen werden beantwortet. Und schöne, spannende Geschichten erzählt. Wenn man sich mit dem modernen Robin Hood, Ade Andrews, auf den Weg macht.

Die Sage von „Robin Hood“ wurde erzählt, ergänzt, frisiert

Das, was er an Kleidung trägt, war damals das Kleid der Zeit. Dass er unten im Verlies Bilder mit dem Mobiltelefon macht und mit dem Taxi zum Termin gekommen ist – nur normal: „Robin Hood als legendäre Figur wurde über die Jahrhunderte stets an die Bedürfnisse der jeweiligen Zeit angepasst. Er ist ein Composite Hero“, erklärt Ade. Ein vielfältiger Held. Wir huschen durch die Gänge der alten Shire Hall, stürzen über Treppen hinauf und hinunter, vorbei an weiteren Zellen kommen wir wieder ans Tageslicht und gehen zur St.-Mary’s-Kirche. Hierher soll sich angeblich ein Robin Hood zum Beten zurückgezogen haben. Er wurde verraten und in die Verliese der Shire Hall verbracht. Das zumindest kann stimmen, denn Verbrecher – echte wie vermeintliche – wurden damals hier eingesperrt.

Dies konnte zu Beginn des 13. Jahrhunderts schnell geschehen. Bislang ging man in den Wald und holte sich, was man zum Leben brauchte – Holz und Wild zum Beispiel. Oder man ließ sein Vieh dort weiden. Das war den ­armen Kleinbauern verboten, der Wald war dem König und dem Adel vor­be­halten; wer sich trotzdem – und war’s aus schierer Not – bediente, war ein Straftäter. Zu dieser Zeit, im Jahre 1228, verzeichnen Gerichtsakten einen gewissen „Robert Hood“ oder „Hobbehead“ als einen solchen. Gut möglich, dass Wegelagerer, die sich in den damals riesigen Wald­gebieten von reichen Reisenden ein schnelles Zubrot erbeuteten, beim Sheriff landeten. Oder auch Hungerleider auf der Suche nach dem Überleben für den nächsten Tag.

Mit Ade geht es nicht nur auf eine Reise durch Nottingham, sondern auch durch die Zeit. Wir kommen zum Marktplatz von Nottingham, dort sitzt ein Mann und spielt auf einer Leier. Das mittelalterliche Instrument mit markantem Klang war damals auf Märkten und Festen zu hören. Im Frühjahr wurden die „May-Days“ gefeiert, ­jedes Dorf hatte seinen Jahrmarkt – dort traten auch Geschichtenerzähler und Theatergruppen auf. Von Ort zu Ort, von Generation zu Generation wurden die Legenden weitererzählt. Auch die von den Entrechteten, die einst aus Not beim Sheriff landeten. Die Geschichte von dem, der den Reichen nahm und den Armen gab – die Sage von „Robin Hood“ – wurde erzählt, ergänzt, frisiert, wie es passte, wie sie sich verkaufen ließ. Maid Marion und der ­böse Sheriff tauchen erst im Laufe der Zeit auf, drei Jahrhunderte nach der ersten Erwähnung des „Robert Hood“.

In Edwinstowe stehen die Reste des Sherwood Forest

Wir landen im nach eigenen Angaben ältesten Pub Englands. Der „Ye olde Trip to Jerusalem“ schenkt seit 1189 Bier aus und liegt wenige Schritte von der weltberühmten Robin-Hood-Statue vor dem Burgberg entfernt. Ein gemüt­liches Gasthaus. Karl zapft Bier und zeigt uns geheime Gänge, die vom Pub direkt in den Berg führen. Er öffnet die Tür und wir gehen durch einen engen Gang tiefer in den Fels. Karl führt zu einem Loch im Sandstein. „Von hier aus haben die Herren auf der Burg damals ihre Bestellungen aufgegeben“, sagt er. Ein in den Fels gehauenes Sprechrohr soll bis nach oben zur Burg führen. Dann zeigt er uns noch weitere Kammern. Das waren damals Todeszellen, heute lagern hier Bierfässer und Weinflaschen.

Ich verabschiede mich von Ade und gehe hinauf zum Herrensitz. Hier befindet sich im Schlossmuseum auch eine Ausstellung über die sagenhafte Figur. Und es wird eine Führung angeboten, die in das Höhlensystem hineinführt. Der Berg – ebenso wie das gesamte historische Nottingham – ist von einem Höhlensystem durchzogen. Im weichen Sandstein gelang es leicht, Grotten, Gänge und Kammern zu schlagen. Zu ­jeder Zeit waren diese Höhlen auch Zufluchtsorte für Verdammte und Ver­folgte. Die Führung macht „Friar Tuck“, der freundliche Mönch, der sich den „Merry Men“ einst angeschlossen haben soll. David Steele heißt er heute und auch er tritt auf in authentischem Gewand. Der Gang ist steil und es ist feucht, ein paar Funzeln werfen spärliches Licht. „Friar Tuck“ erhebt sein Schwert und erzählt Geschichten. Ob Robin Hood und seine Gesellen hier unterwegs waren?

Eine gute Autostunde nördlich von Nottingham steht nahe dem Ort Edwinstowe das, was vom Sherwood Forest übrig geblieben ist. Das Mosaik aus Heiden, Waldweiden und Eichenbeständen war zur Zeit der Legendenbildung nie ein geschlossener Wald; mit knapp 1,8 Quadratkilometern ist das Natur­reservat ein spärlicher Rest, ein halbes Prozent dessen, was die Region einst bedeckte. Aber es ist ein wundersamer Wald, voller Baumriesen. Hier steht nicht der älteste Baum Englands und nicht der mächtigste, aber es ist die größte Ansammlung alter Eichen. Fünf sind älter als 1000 Jahre, etliche haben stattliche 500 Jahre überschritten.

Viele der ältesten Bäume sind kaum mehr als Ruinen, die meisten sind hohl. Und manche bieten Platz, um ein ganzes Rugby-Team darin zu verstecken. Dass Strauchdiebe und Wegelagerer sich hier verbergen konnten, ist glaubwürdig. Und dass sie das hier taten, auch: Durch den Wald verläuft die alte Nord-Süd-Straße, die einzige durchgehende Verbindung der damaligen Zeit von London nach Edinburgh. Wer einen Überfall starten wollte, hatte hier die besten Chancen auf reiche Beute.

Der Wald bietet Geschichten in einer wundersamen Kulisse

Ich verliere mich auf Trampelpfaden. Eichelhäher fliegen keckernd vorüber, Krähen krächzen und das klingt ob dieser Waldeinsamkeit und Kulisse lebendiger Rieseneichen und toter Baumruinen spukig. Der Trampelpfad windet sich immer weiter, vorbei an Farnkraut führt der Pfad durchs Unterholz. Vorbei an Verstecken in Baumstämmen. Bienen summen, ein Rotkehlchen singt.

Bald stehe ich an der „Major Oak“ – der Eiche, an der Robin Hood und seine treuen Gesellen einst gelebt haben sollen. Auch dieser Baum ist mehr als 1000 Jahre alt, die ausladenden Äste sind von Stützen getragen, auch er ist innen hohl. Dass der Baum einst das Hauptquartier gewesen sein soll, ist mehr als unwahrscheinlich. Erstens steht er keine halbe Stunde zu Fuß vom Dorf Edwinstowe (das es schon damals gab) entfernt. Zweitens verläuft die alte Nord-Süd-Strecke in der Nähe – das Risiko einer Entdeckung wäre viel zu groß gewesen. Trotzdem: Neben schönen Geschichten bietet dieser Wald vor allem eine wundersame Kulisse.

Gleich daneben hat Colin Brooks seine Zielscheiben aufgestellt. An Sommerwochenenden ist er hier und zeigt den Leuten, wie Bogenschießen geht. „Jeder Junge ab acht Jahren trug damals eine solche Waffe“, sagt er und drückt mir den Bogen in die Hand. Dass Robin Hood ein guter Schütze gewesen sein muss, ist völlig klar – nur so kamen die Menschen damals an Wild. Zudem konnten sie sich mit der Waffe verteidigen. Der erste Schuss geht daneben, die nächsten treffen schon besser. Geduldig erklärt Colin, wie es geht. Den Bogen in die linke Hand und über den Fingerknöchel das Ziel anvisieren. Mit der rechten den Pfeil weit durchziehen, beim Ausatmen loslassen. Zum Schluss treffe ich das Plastikreh. Wer damals auf Wild anlegte, war automatisch ein Outlaw. Oder einer, der den Reichen aus schierer Not etwas zum Überleben nahm und teilte. Das zumindest ist sehr wahr an dieser Legende. Neben einem schönen Stück England gibt es auf den Spuren von Robin Hood immerhin auch Antworten.

Tipps & Informationen

• Anreise Fähre Rotterdam–Hull (nächster Fährhafen) ab 169 Euro oneway auf Basis ein Auto/zwei Pers./Kabine, www. poferries.com; Fähre Amsterdam–Newcastle ab 179 Euro oneway für ein Auto/ zwei Pers./Kabine. www.dfdsseaways.de

Übernachtung The Lace Market Hotel in Nottingham, gelegen direkt gegenüber der „Galleries of Justice“, DZ ab ca. 146 Euro, Frühstück p. P. ca. 17 Euro, www.lacemarkethotel.co.uk oder Forest Lodge, in der Nähe des Sherwood Forest Naturreservats, eine Nacht mit Frühstück ab ca. 114 Euro (DZ), www.forestlodgehotel.co.uk

Essen und Trinken z. B. im „The Hand and Heart“ in Nottingham, www.thehandandheart.co.uk – in Edwin­stowe in Launays Restaurant, www.launaysrestaurant.co.uk

„Robin Hood Führer“ Ade Andrews, ca. zweieinhalb Stunden, ca. 15 Euro (Erw.) / ca. 9 Euro (Kinder), in der Gruppe, www.ezekialbone.com

Bogenschießen Colin ist am Wochenende an der Major Oak, 15 Schuss ca.
6 Euro mit Eins-zu-eins-Betreuung.

Auskunft www.visitbritain.org, www.experiencenottinghamshire.com

Die Reise wurde unterstützt von Visit Britain.