Persönlichkeitsstörung

Krankhaft narzisstisch – Die Gier nach Bewunderung

Verliebt in das eigene Spiegelbild: Narzissten leiden an einer übertriebenen Selbstbezogenheit.

Verliebt in das eigene Spiegelbild: Narzissten leiden an einer übertriebenen Selbstbezogenheit.

Foto: Getty Images / Cultura/Getty Images

Narzissten sind von sich überzeugt, gelten als besonders selbstbewusst. Doch hinter der Fassade stecken häufig Einsamkeit und Zweifel.

Berlin.  Sie sabotiert – Sie erniedrigt, kritisiert und macht dich schlecht – Sie ist neidisch. Punkt für Punkt ging Gabriele Nicoleta die Liste durch, die sie im Internet gefunden hatte. Sie manipuliert Gefühle – Sie ist infantil und kleinlich – Sie ist egozentrisch. 25 Merkmale, die auf ihre Mutter zutrafen, als hätte diese für den Autor der Liste Modell gestanden. Und am Ende ein Wort, das all die Kränkungen der letzten Jahrzehnte erklären sollte: Narzissmus. „In diesem Moment vor dem Computer ist mir alles klar geworden“, sagt Gabriele Nicoleta. Die Mutter ist inzwischen tot, die Tochter leidet bis heute und hat über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben.

Je nach Studie leben ein bis vier Prozent der Menschen mit der Diagnose einer übertriebenen Selbstbezogenheit, die ihren Namen aus der griechischen Mythologie hat: Der schöne Göttersohn Narziss verliebte sich in sein eigenes Spiegelbild. Die Dunkelziffer der Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung dürfte bedeutend höher sein, liegt es doch in der Natur der Sache, dass sich der krankhaft narzisstische Mensch nur selten Hilfe holt.

Diese Erfahrung hat auch Gabriele Nicoleta gemacht, als sie eine Gruppe für die Opfer narzisstischer Mütter gründete. „Ich habe so viele Frauen kennengelernt, die aufwachsen mussten wie ich. Aber keine der Mütter war als narzisstisch diagnostiziert.“ Die Kindheit der heute 51-Jährigen war geprägt von dem Gefühl, der Mutter nicht genug zu sein. ‚Was sollen andere von mir denken, wenn sie mich mit dir sehen?‘, habe die Mutter gesagt. ‚Du bist von Grund auf böse. Wer dich sieht, weiß: Du machst deiner Mutter nur Kummer. Warum kannst du nicht so ein Mensch sein wie Tony oder ich?‘ Tony ist der kleine Bruder, der Engel. Die Hand ihrer Tochter nahm die Mutter nie, wie Höllenfeuer fühle sie sich an.

Der offene Narzisst ist eloquent und knüpft schnell Kontakte

Die narzisstische Störung ist durch innere Widersprüche charakterisiert. „Der pathologische Narzisst versucht unbewusst durch übersteigerte Größenfantasien ein eigentlich tief empfundenes Minderwertigkeitserleben, seine innere Verlorenheit abzumildern“, sagt Bernhard Haslinger, Leiter des Früherkennungs- & Therapiezentrums für beginnende Psychosen Berlin-Brandenburg (FeTZ) an der Berliner Charité. Die Wissenschaft unterscheidet zwei Formen: Der offene Narzisst hat viel Selbstwert, ist optimistisch, leistungsorientiert, eloquent, er knüpft schnell Kontakte. Ein Erfolgsmensch. Untersuchungen bestätigen, dass Narzissten die Karriereleiter schneller nach oben klettern. „Sie wollen auch gerne Führung übernehmen und sind absolut überzeugt, dass sie das können“, weiß Hans-Werner Bierhoff, Sozialpsychologe und pensionierter Professor an der Ruhr-Universität Bochum. Der verdeckte Narzissmus ist hingegen geprägt von Selbstzweifeln, sozialer Angst und Neid.

Doch beiden Formen sei eines gemein: „Sie gehen mit wenig Empathie einher“, sagt Bierhoff. Dadurch seien Narzissten häufig rücksichtslos. „Sie lassen Menschen fallen. Besonders in Partnerschaften ist das ein Problem“, erklärt der Sozialpsychologe. Und: Der Narzisst mache keine Ausnahmen. „Viele denken, wenn sie den Menschen erst einmal näher kennenlernen, wird er sich schon verändern. Das ist aber eine Illusion“, so Bierhoff. Diese Illusion ließ Gabriele Nicoleta erst mit dem Tod der Mutter fallen. „Ich habe immer vergeblich gehofft, meine Mutter würde irgendwann erkennen, dass ich kein Monster bin“, sagt sie. Die Sehnsucht auf eine Versöhnung war es auch, die sie die Demütigungen aushalten ließ.

Narzissmus ist auch genetisch bedingt

Wo die Ursachen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung liegen, weiß man nicht genau. Sie werden einerseits in der frühen Kindheit vermutet, beispielsweise durch emotionale Verwahrlosung. „Man kann sich den kleinen unverstandenen Jungen vorstellen, für den sich niemand interessiert“, erklärt Psychiater Haslinger, „er muss sich für sich selbst interessieren, muss eine Größenfantasie für die eigene Person entwickeln, um das Leben aushalten zu können. Eigentlich ist das eine starke Leistung.“ Doch diese Kinder entwickeln kein normales Verhältnis zu sich selbst und anderen. Es gebe auch einen genetischen Anteil, sagt Hans-Werner Bierhoff: „Zwei wesentliche Merkmale des Narzissmus sind Extravertiertheit und Unverträglichkeit. Beide sind zu 30 bis 50 Prozent genetisch bedingt.“ Den anderen Anteil haben Umweltfaktoren wie die Erziehung.

Doch Narzissmus ist nicht grundsätzlich schlecht. Jeder Mensch trägt eine Portion in sich. Auch im Alltag ist die Beschreibung „narzisstisch“ schnell ausgesprochen: Der sehr von sich überzeugte Chef – ein Narzisst. Die zielstrebige Kollegin – hält sich wohl für grandios. Zum Problem wird die übersteigerte Selbstliebe, wenn Leidensdruck entsteht. „Wenn mindestens eine Seite darunter leidet, sprechen wir von pathologischem Narzissmus“, sagt Bernhard Haslinger. „So lange Betroffene auf der Welle des Erfolgs schwimmen, ist zumindest für sie alles in Ordnung“, erklärt Bierhoff. Schwierig werde es bei Misserfolgen. Denn für Narzissten ist ein Scheitern eine Existenzfrage. „Es steht nicht ein Projekt auf der Kippe, sondern die gesamte Person wird infrage gestellt“, erklärt Haslinger. Die eigene Vorstellung von Großartigkeit und Unverwundbarkeit ist stets bedroht vom Scheitern. Diese Spannung ist für sie kaum zu ertragen. Narzissten sind auf die Bestätigung von anderen angewiesen, um das eigene Selbst zu stabilisieren. Der amerikanische Psychoanalytiker Otto Kernberg beschreibt das Wertesystem eines Narzissten als sehr kindlich. „Sie möchten für ihre Schönheit, für ihre Stärke und schönen Dinge bewundert werden, die sie besitzen.“ Es sei wie bei Kindern, die ihre Spielsachen präsentieren, erklärte er einmal in einem Vortrag.

Narzissten fühlen sich oft sehr allein

Auch die Mutter von Gabriele Nicoleta nutzte Menschen für ihre Selbstdarstellung. Sie galt als liebenswert, hilfsbereit und einfühlsam. „Sie hat Bekanntschaften so lange aufrecht erhalten, wie sie das Gefühl hatte, sie wird bewundert“, erzählt Gabriele Nicoleta. Bröckelte die Bewunderung, weil die Menschen hinter die Fassade blickten, beendete die Mutter die Verbindung. So paradox es klingt, aber Narzissten fühlen sich oft sehr allein.

Auch die Geschichte um den schönen Narziss nimmt ein schlechtes Ende. Denn die Liebe zum Spiegelbild bleibt unerfüllt, Narziss stirbt einen einsamen Tod. Dieser Punkt ist Bernhard Haslinger ein Anliegen. „Oft wird der Begriff Narzissmus sehr abwertend verwendet“, sagt er. Übersehen werde dabei jedoch häufig das große persönliche Leiden im Zusammenhang mit Minderwertigkeitsgefühl und Einsamkeit durch die Unfähigkeit zu echten Beziehungen. Depressionen, Suchterkrankungen oder Angststörungen können die Folge sein und häufig erst der Auslöser, sich in eine Therapie zu begeben. Auch Suizid kann eine destruktive Folge einer narzisstischen Störung sein.

Gabriele Nicoletas Mutter inszenierte auch den eigenen Tod

Lange galt die narzisstische Persönlichkeitsstörung als nicht therapierbar. Heute weiß man es besser, doch eine Behandlung ist nicht einfach. Kann es der Narzisst doch schon als Kränkung empfinden, wenn man ihm eine Therapie anrät. Und die braucht Zeit. „Eine schwere Entwicklungsstörung ist nicht mit 20 Stunden Psychotherapie zu behandeln“, erklärt Haslinger. Bei einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sei eine mehrjährige Therapie notwendig. Häufig hätten Patienten einen Therapeutenmarathon hinter sich, weiß er aus Erfahrung. „Niemand war gut genug für sie.“ Am Ende der Therapie geht der Patient im besten Fall mit der Fähigkeit heraus, beziehungsfähiger zu sein und die Spaltung in Idealisierung und Abwertung seiner Umwelt weniger nötig zu haben.

Am Ende ihres Lebens inszenierte die Mutter von Gabriele Nicoleta auch den eigenen Tod. An dem Tag, als ihre Schwiegertochter mit Geburtswehen ins Krankenhaus kam, ließ sie sich auch in eine Klinik einweisen. Der Fokus der Familie sollte nicht auf der Geburt des Enkels liegen. Dann weigerte sie sich, ihre lebenserhaltenden Medikamente zu nehmen. Die Trauerrede war geschrieben, der Anzug für ihren Partner ausgesucht. Es sollte ein Fest sein, wie es ein Mensch wie sie verdient hatte.