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Wie Internet-Größen Start-ups aufkaufen und Talente anheuern

Lesedauer: 11 Minuten

Vom Wilden Westen zum Virtuellen Westen, Sommerreise durchs Silicon Valley, Teil 4: Ein Programmierer aus einem Start-up arbeitet nun unter offenbar paradiesischen Umständen bei Dropbox. Ein Rollenmodell.

San Francisco. Bei Dropbox zur Mittagszeit. In der Kantine tummeln sich Hunderte von Mitarbeitern an den Theken des „Tuckshop“ von Meisterkoch Brian Mattingly. Die Mittagsgerichte – Mattingly schwört, dass seit seinem Start vor zwei Jahren sich kein Gericht wiederholt hat – sehen so köstlich aus, dass viele Gästen sie mit ihren iPhones fotografieren. Wir treffen Leo Fink, 37, er ist studierter Physiker und Informatiker, Mitgründer der erfolgreichen Übersetzungs-Platform Linguee.de und arbeitet heute als Entwickler bei Dropbox. Ich spreche mit ihm über das Gründerdasein, den Kampf um Qualität und den Krieg um die talentiertesten Köpfe.

Gerriet Danz: Leo, ich habe mal auf einer Internet-Übersetzungsseite „zwischen Tür und Angel“ übersetzen lassen. Ergebnis war „between door and fishing-rod“. Das war nicht linguee.de. Als ich eben dort nachgesehen habe, war das Ergebnis „on the fly“, was vermutlich richtig ist. Du hast lingue.de gegründet – gemeinsam mit deinem Partner Dr. Gereon Fahling zusammen. Wie kam es dazu?

Leo Fink: Gereon und ich – wir waren zusammen auf der Schule – hatten vor allem auch die technischen Fächer gemeinsam: Mathe, Physik, Informatik. Danach haben wir uns einige Jahre aus den Augen verloren. Er ging nach New York, zu Google in die Forschungsabteilung. Dort kam er auf eine Idee: Er fragte sich: „Wie kann man die Suchmaschinen-Technologie anwenden auf das Problem der Übersetzung durch Wörterbücher?“ Weil eben die Wörterbücher, die man so zu dem Zeitpunkt so hatte, technologisch auf dem Stand vom letzten Jahrhundert waren.

Die haben sich die Worte nur einfach aus der Datenbank gezogen – und so entsteht dann „between door and fishing-rod“...

Fink: Genau. Wie ein gedrucktes Wörterbuch, nur dass man schneller durchsuchen konnte – und nicht so speziell. Wenn man dann bei Google arbeitet und sieht, wie man dort Informationen sucht – das war die Inspiration: Was wäre, wenn man eine Suchmaschine baut, die Übersetzungen anbietet? Er kam dann mit der Idee nach Deutschland zurück und sprach seinen alten Schulfreund Leo an, von dem er dachte, der kann das, und hat mich dann sofort überzeugt. Wir haben uns 18 Monate vergraben, auf ganz kleiner Flamme gelebt, und mehr oder weniger nur dieses Produkt programmiert. Bis zu einem Prototypen, der schon sehr reif war, der eigentlich mehr oder weniger aussieht, wie das, was jetzt online ist, nur die Anzahl der Sprache und die Übersetzungsqualität hat natürlich immer weiter zugenommen.

Linguee.de ist jetzt fünf Jahre alt, was ja eigentlich nicht so richtig viel ist. Wie sieht’s heute aus?

Fink: Die Webseite an sich hat wirklich einen phänomenalen Anstieg erlebt. Was die Nutzerzahlen angeht - das ist so eine richtig schöne exponentielle Kurve, wie man sich das wünscht, das ist kein Ende abzusehen. Und linguee hat sich auch in der Zeit etabliert – ganz klar in bestimmten Segmenten, gerade in dem der sehr anspruchsvollen Nutzer. Mittlerweile haben wir über ein Dutzend Mitarbeiter und ich sehe einige nette Produkte in der Zukunft: Es wird mehr Sprachen geben; es laufen gerade sehr interessante Anstrengungen, dass die Qualität der Wörterbücher besser ist als alles, was bisher online zu Verfügung steht.

Wie wird eigentlich sichergestellt, dass da nicht irgendjemand irgendeinen Quatsch reinschreibt? Die Suchmaschine bedient sich ja aus den Quellen des Internets ...

Fink: Richtig. Ein großer Teil der linguee-Technologie und der Schwierigkeiten, die wir zu lösen hatten, war eben nicht nur an diese Materialien heranzukommen, sondern eben herauszufiltern: das Beste vom Besten. Man muss sich das wirklich so vorstellen, dass wir 99,99 Prozent von allem wegschmeißen, was man da so findet. Ein verdammt komplexes System, in dem ein Computer trainiert wird, die Qualität von übersetzen Satzpaaren zu erkennen.

Ok, Du sagtest eben, das Produkt war schon fertig, als ihr rausgegangen seid damit. In Amerika ist es oftmals so, dass das Produkt noch nicht fertig ist, wenn man damit rausgeht...der Kunde testet mit...

Fink: Ja, in Deutschland schon auch. Das war etwas unüblich, für Start-ups, dass man das Produkt schon so weit fertig entwickelt hat, bevor man öffentlich geht, in unserm Fall sogar: bevor man überhaupt Investitionen reinholt. Unser Prototyp war schon sehr leistungsfähig. Das zeichnet linguee auch aus und macht es dann auch zu einem Sonderling in der Start-Up-Szene.

Was ist denn besser – fertig oder noch nicht fertig?

Fink: Es hat Vor- und Nachteile und ich glaube, es funktioniert auch nicht mit jedem Produkt. In unserem Fall war es eben so, dass es ein reines Software-Produkt war, das heißt man brauchte nicht viel mehr als unsere Gehirne. Das wird nicht mit jeder Geschäftsidee möglich sein, da hast du einfach viel größere Anforderungen an die Ressourcen, damit du das überhaupt auch in der ersten Version auf die Beine stellen kannst.

Du bist dann irgendwann bei Linguee raus, dort nicht mehr im operativen Geschäft.

Fink: Genau, ich habe nach drei Jahren neue Herausforderungen gesucht, war und bin denen aber sehr, sehr eng verbunden und auch immer noch Gesellschafter. Relativ bald habe ich über Bekannte eine andere Firma kennengelernt, die hier in San Francisco ansässig war: Loom. Die Firma wurde von drei Deutschen gegründet, die extra dafür nach San Francisco gegangen sind. Der Rest des Teams war über die ganze Welt verstreut. Also ich war in Köln, andere in Hamburg, in Cambridge, in London. Das Produkt – eine App für Foto-Storage in der Cloud - war dann so erfolgreich, dass die Großen darauf aufmerksam wurden – und schließlich wurde Loom von Dropbox Anfang 2014 gekauft. Unser Team ist dann geschlossen von Deutschland in die USA gewechselt – eben zu Dropbox.

Wie sieht es eigentlich mit den Lebenshaltungskosten hier in San Francisco aus?

Fink: Allein die Miete schlägt schon ordentlich zu Buche. In den zentralen Stadtteilen zahlst du schnell für 70 Quadratmeter 3500 Dollar – das sind rund 2600 Euro.

Oha. Du warst also Unternehmer bei linguee, du warst Freelancer bei Loom. Jetzt bist Du Angestellter ...

Fink: Ich war Freelancer bei Loom, hatte aber Anteile, weil ich an das Potenzial der Firma geglaubt habe. Entsprechend hab‘ ich dort weniger verdient, als wenn ich bei linguee weitergemacht hätte. Mir war klar: ein Start-up, da geht es erst mal darum, dass man ein bisschen Risiko mitträgt, also nicht ganz so viel Geld. Hat aber wunderbar gereicht.

Eigentlich ein guter Gedanke, wenn man immer verlangt, dass jeder Mitarbeiter auch unternehmerisch denken soll. Anteile, damit man mehr Anteil nimmt.

Fink: Klar. Das ist so ein typischer Start-up-Mix. Es gibt einfach nicht so viel Kapital, dafür eben hat man einen Erwartungswert, was hinterher rauskommt, wenn die Firma guten Umsatz macht oder eben gewinnbringend verkauft wird. Und ich sah bei Loom einen genialen Markt.

Und davon hat dann auch dropbox Wind bekommen und hat gesagt: „Gefällt uns gut, die kaufen wir.“ Hier bist du jetzt angestellter Entwickler – wie gefällt’s Dir?

Fink: Wunderbar! Dropbox ist ein ganz großartiger Arbeitgeber, man hat hier sehr viele Möglichkeiten, seine Talente zu nutzen. Und die geben auch extrem viel – das läuft alles auf Vertrauen. Plus: du siehst hier das tolle Angebot an Speisen – selbst unser Koch ist ein Innovator. Wenn man so isst, ist man auch gut. Also in seinem Job.

Es gibt also einen „war for talents“ im Silicon Valley und hier in San Francisco.

Fink: Ganz klar. Firmen wie Google, Twitter, facebook, Dropbox kümmern sich um ihre Angestellten. Die kümmern sich wirklich ganz hervorragend: Es wird wunderbares Essen serviert, alles ist da, was die Programmiererumgebung angeht, es gibt sehr viel Freizeitangebote, es wird für ein sehr angenehmes Arbeitsverhältnis gesorgt. Davon können sich viele europäische Firmen eine Scheibe abschneiden...“

Müssen sie wohl auch, oder?

Fink: Klar, das Angebot an wirklich guten Leuten ist so groß nicht. Mit wurde zum Beispiel der Übergang so einfach gemacht. Mein Umzug wurde bezahlt, mein Visumsprozess wurde begleitet und bezahlt. Ich muss sagen. sehr professionell.

Also kann man sagen, eine besondere Form der Wertschätzung, die den Unterschied macht?

Fink: Ab einem gewissen Niveau der finanziellen Kompensation liegt es vor allem eben daran: Wo bin ich glücklich? Wo komme ich mir nützlich vor, wo kann ich meinen Fußabdruck in der Welt hinterlassen? Kann ich wirklich etwas bewegen? Und darin sind, glaube ich, die amerikanischen Start-ups besonders gut, den Leuten das Gefühl zu geben und auch die Erfolge so zu zeigen...

Also Tipp an die deutsche Wirtschaft: Nehmt das ernst, es gibt einen „war for talents“ und der ist nicht nur im Silicon Valley oder in San Francisco, der wird weltweit ausgetragen.

Fink: In Berlin hat man das auch schon mitbekommen, dass Softwareentwickler mit bestimmten auswählen können. Um die muss man sich kümmern. Es entwickelt sich, es hat ein bisschen Verzug, aber es wird in dieselbe Richtung gehen.

Gutes Schlusswort. Danke, Leo.

Gerriet Danz ist Innovationsexperte und Hamburger aus Leidenschaft. Im Silicon Valley erforscht er die Innovationskultur erfolgreicher Unternehmen und aufstrebender Startups. Danz ist außerdem Lehrbeauftragter an der Steinbeis Hochschule Berlin, Mitglied der German Speakers Association (GSA) und der Global Speakers Federation (GSF). Er berät Unternehmen und Institutionen wie z.B. das Europäische Patentamt.