Audienz: Florin Cioabas will sein Volk aus der sozialen Not führen

Der Roma-König von Hermannstadt

Es ist auch sein Verdienst, dass seine Heimat Kulturhauptstadt Europas wurde. Sein Gegenspieler residiert gegenüber, nennt sich Kaiser, hat aber keine Autorität.

Sibiu (Hermannstadt). Sibiu (Hermannstadt)

Am verschnörkelten Portal wacht ein bulliger Aufpasser. Der Palast ist eine große Villa mit Säulenportalen, Türmchen und Giebeln an der Ausfallstraße nach Sighisoara (Schäßburg). Es ist kühl in der Empfangshalle, die übersät ist mit Nippesfiguren, künstlichen Blüten und Bildern des Königs mit Untertanen, Repräsentanten des Weltverbands der Roma und Sinti, Politikern und Monarchen. Kitschige Möbel, bräsige Sessel, Kronleuchter und Gemälde an der Wand. Nach einer Stunde ist der König noch nicht eingetroffen. Die Zeiger der kupfernen Wanduhr stehen still.

Gheorge Lefter ist die ganze Zeit aufgeregt. Der grauhaarige Rumäne (39), von König Florin als Berater angeheuert, kämpft um eine gelingende Audienz. "Fragen Sie ihn nach der EU", wärmt er die Gäste auf. "Darüber haben auch Prinz Charles und Henry, der Großherzog von Luxemburg, mit ihm gesprochen. Und bitte kein Wort über Kaiser Julian . . . "

Kaiser Julian residiert im Viertel auf der anderen Straßenseite, seine Familie und die von Florin sind seit Jahren verfeindet. Manchmal kommt es zu spontanen Gewaltausbrüchen von Anhängern beider Clans mit Latten, Pflastersteinen und Messern. Florin gilt als Freund des Bürgermeisters und privilegiert, Julian gibt sich als Outlaw und Mann des Volkes, hat sich aber eine Villa bauen lassen, die noch prunkvoller ist als der Palast des Königs. Danach ernannte er sich kurzerhand zum Kaiser. Polizisten hocken zwischen den Fronten in kleinen Holzhäusern, bewaffnet und mit dauerquäkenden Walkie-Talkies.

Es ist nicht leicht, unter den Roma eine Führungsrolle zu haben. Man ist Neid und Hass ausgesetzt, und die niederen Chargen glauben, dass die Oberen sich vor allem bereichern. Rund 50 000 Roma leben in und um Sibiu, etwa drei Millionen in Rumänien. Doch keine Volkszählung hat sie je exakt erfasst, die meisten von ihnen besitzen weder Pässe noch andere Papiere, fast alle sind bitterarm, nur reich an Kindern. König Florin hat vier Kinder, zwei Töchter leben mit den Enkeln am Hofe. Mehrere Häuser stehen verschachtelt nebeneinander, im Bürotrakt sitzt eine junge Frau am Computer, eine andere telefoniert mit raumgreifender Gestik. Am riesigen Grill blubbern in einem Topf von enormen Ausmaßen Hammelbatzen. Zwei stämmige Frauen mit langen Zöpfen, bunte Fäden hineingeflochten, Kopftüchern, knöchellangen Röcken und speckigen Schürzen rühren mit Kochlöffeln im Sud. Bedienstete richten Haus und Garten. Florins Frau Sozia lässt sich nicht sehen, sie ist vor zwei Jahren Pfingstlerin geworden und verbringt fromme Tage im Palast.

Nach zwei Stunden chauffiert der König seinen S-Klasse-Mercedes auf das Anwesen. Florin Cioaba (52) ist ein Mann von schwerer Statur, sein Händedruck ist lasch, seine Blicke rastern die Besucher kurz ab. Limonade wird gereicht, alkoholische Getränke sind am Hof verpönt, und der König raucht nicht mehr, weil er Vorbild sein will. Florin lobt in einem Völkerfreundschafts-Statement Deutschland, als spräche er vor dem Parlament. "Ein großes Land, nirgendwoher bekommen wir mehr Hilfe für das Kulturhauptstadtjahr."

Seit über hundert Jahren werden die Könige der Roma aus der in Sibiu ansässigen Familie Cioaba erkoren. Florin ist der Vierte in Folge. Die Cioabas betreiben eine Firma, die Möbel und Gartenartikel, folkloristische Produkte wie Kupfergeschirr und Textilien herstellt. Florins Schwester Mihai hat sich als Schriftstellerin einen Namen gemacht, sie beherrscht Fremdsprachen. Ihr Bruder spricht nicht einmal einige Brocken Englisch, obwohl er oft im Ausland unterwegs ist. Zu Hause muss er über Land fahren, um unter seinesgleichen Recht zu sprechen und Übeltäter zu bestrafen. Florin ist die höchste Autorität der fahrenden Roma, trotzdem ein tief melancholischer Mann. Seine Lider hängen, die Mundwinkel auch, steile Kerben haben sich in sein Gesicht gefräst. Er meidet jeden Blickkontakt.

Hermannstadt - benannt nach dem Kolonisten Hermann, Urvater der Siebenbürger Sachsen, der Mitte des 12. Jahrhunderts den Ort gründete - tüncht seine Fassaden straßenzügeweit, bessert Alleen aus und verschönert Plätze. Hunderte Häuser erhalten neue Dächer, meist turnen darauf Roma herum. "Sie sind hervorragende Handwerker", bescheinigt ihnen Steffen Mildner (58), Leiter des Sibiuer Büros der in Eschborn bei Frankfurt ansässigen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), federführend bei der Altstadtsanierung. König Florin hat ihn persönlich aufgesucht und ihm von den Roma-Dachdeckern vorgeschwärmt. Zuvor hatte Florin sich mit Bürgermeister Klaus Johannis (47), ein Nachfahre Siebenbürger Sachsen, angefreundet. Als Tandem haben die beiden in drei Jahren mehr bewirkt als alle Politiker zuvor.

Sibiu (160 000 Einwohner) ist Rumäniens einzige Stadt, die von Vertretern der Minderheiten gelenkt wird. Der größte Bevölkerungsteil, die Rumänen, nehmen das hin, sie sehen die Vorteile: eine renovierte Stadt, neue Wohnungen, Jobs, Investoren, Perspektiven. Florin wittert die Chance auf sozialen Aufstieg seines Volkes. Er sitzt im Kreisrat von Sibiu, und es gelang ihm, einen Vertreter in der Minderheitenabteilung des rumänischen Parlaments zu installieren. Durch Rumäniens EU-Beitritt sollen auch internationale Minderheitenschutzrechte im Karpatenstaat Gültigkeit erlangen. "Sie müssen Gesetz werden", darauf pocht er.

Man traut dem schlaff auf dem Stuhl sitzenden, teigigen Mann nicht die Energie zu, mit der er die Dinge angeht. "Nach Ceaucescu haben wir eigene Parteien und Zeitungen gegründet", sagt Florin. "Nur dadurch konnten wir die Ausschreitungen 1991, bei denen Roma zu Tode kamen, an die Öffentlichkeit bringen. Wir versuchen für unsere Leute Urkunden zu besorgen, damit sie Arbeit bekommen, kranken- und rentenversichert sind. Wir haben ein Gesetz erwirkt, dass es jungen Roma leichter macht, Hochschulen zu besuchen. Wir verhandeln mit der EU über spezielle Projekte für Roma, Computerkurse oder Weiterbildung. Erziehung und Berufsausbildung sind das Wichtigste, ich will meine Leute nicht mehr auf der Straße haben. Und wir wollen einen Ausgleich: Im Zweiten Weltkrieg deportierte das faschistische Rumänien 90 000 Roma in bessarabische Vernichtungslager, 35 000 verloren ihr Leben. Es gibt nicht einmal eine Gedenkstätte."

In Sibiu ist König Florin eine anerkannte Persönlichkeit. Spaziert er mit seinem Clan über den Piata Mare (Großer Ring), den größten offenen Platz Osteuropas, huldigen ihm Erwachsene, und Kinder küssen seine Hand. Sein Trumpf ist die Wirtschafts- und soziale Förderung, von der Roma unmittelbar profitieren. Der König hat mithilfe des Bürgermeisters durchgesetzt, dass Familien Sozialwohnungen erhalten und Kinder in die Schule gehen, statt in der Fußgängerzone zu betteln. Der Kulturhauptstadttitel hat zu weit reichenden bevölkerungspolitischen Folgen geführt - das Beste, was Sibiu widerfahren konnte. Die Stadt wird zum Modell des Zusammenlebens verschiedener Volksgruppen auf dem Balkan.

Nach dem Sturz des Diktators erhielt König Florin Gold zurück, das 1960 konfisziert worden war. "Etwa hundert Kilo", sagt er. Gold ist die Währung der Roma, ihre Bank. Der König trägt im Mund goldene Zähne, besitzt wuchtige goldene Ringe, und zu offiziellen Anlässen setzt er sich seine goldene Krone auf. Der Fotograf am Tisch gerät in Aufregung und bittet den König, für ein Bild die Krone holen zu lassen. Das ginge nicht, sagt der, sie sei in einer Bank deponiert. Auf dringliches Bitten hin entschließt er sich, das Prunkstück unter Sicherheitsvorkehrungen holen zu lassen. Als es eingetroffen ist, wird es sofort verdeckt in die Empfangshalle gebracht.

Warum, barmt der Fotograf, im Sonnenlicht würde es glänzen. Der König winkt ab, wird ärgerlich: "Die Bauarbeiter." Sie sollen nicht die Krone sehen, sie könnten auf dumme Gedanken kommen. Aber das sind doch Roma! Ja, die Versuchung ist groß. Florin fällt in bleiernes Schweigen. Dann sagt er mit dünner Stimme: "Ja, es gibt immer noch Roma, die stehlen . . . Aber immerhin werden keine Kinder mehr gestohlen, wir haben schon einiges erreicht."

Die Audienz ist beendet, Berater Gheorge Lefter eilt herbei und wedelt mit den Händen, man möge sich erheben. Die Hand des Königs schlappt in die des Besuchers und zieht sich gleich wieder zurück, der Blick huscht an den fremden Augen vorüber. Es ist nicht leicht, König der fahrenden Roma zu sein, eine Krone zu hüten und ein Volk aus seiner sozialen Misere zu führen. Doch das Kulturhauptstadtjahr ist ein großer Schritt dahin.