Corona-Pandemie

Masken sind trotz Impfungen noch viele Monate nötig

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dpa
Ein Piktogramm weist auf das Einhalten der Maskenpflicht hin.

Ein Piktogramm weist auf das Einhalten der Maskenpflicht hin.

Foto: dpa

Viele Menschen sind mittlerweile gegen Corona geimpft. Die Virusgefahr sieht das Robert Koch-Institut trotzdem noch nicht gebannt, insbesondere im Herbst an den Schulen. Was folgt daraus?

Berlin. Trotz steigender Impfquote müssen sich die Menschen in Deutschland wohl noch viele Monate auf die Einhaltung von Grundregeln zur Corona-Eindämmung wie das Maskentragen in Räumen einstellen.

Darauf hat der Chef des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, die Bürger am Freitag eingestimmt. Impfungen alleine reichten nicht, um steigende Fallzahlen im Herbst zu vermeiden. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte: "Wir müssen alles versuchen, um eine vierte Welle zu verhindern." Testen, Abstand und Masken seien nur kleine Einschränkungen gemessen an dem, "was passieren würde, wenn uns die Dinge außer Kontrolle geraten und wir wieder stärkere Maßnahmen einführen müssten", sagte sie nach dem EU-Gipfel in Brüssel.

Anteil von Delta-Variante steigt in Deutschland

Wieler sagte in Berlin: "Wir müssen die Basismaßnahmen weiter aufrecht erhalten." Dies in Kombination mit den Impfungen sei nötig, um härtere Maßnahmen wie Schließungen von Einrichtungen zu vermeiden. "Das Beispiel Israel zeigt, dass man es machen muss. Man muss beides weiter fahren." Dort gilt seit Freitag nach einer deutlichen Zunahme der Neuinfektionen erneut eine Maskenpflicht in geschlossenen Räumen. Diese war erst Mitte des Monats fast komplett aufgehoben worden. Die meisten Fälle stehen nach offiziellen Angaben in Verbindung mit der in Indien entdeckten, ansteckenderen Delta-Variante.

Deren Anteil wächst auch in Deutschland. In der zweiten Juni-Woche lag er nach jüngsten RKI-Zahlen bei 15 Prozent. "Wir gehen davon aus, dass er heute schon höher sein wird", sagte Wieler. Delta verbreite sich noch schneller, "vor allem natürlich in der ungeimpften Bevölkerung." Durch vollständiges Impfen, behutsames Öffnen, Masketragen in Räumen, Abstandhalten und Hygiene seien auch diejenigen besser geschützt, die noch nicht geimpft seien oder noch nicht geimpft werden könnten - darunter auch viele Kinder.

Spahn will keinen "Sorgenherbst"

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte: "Wir können den Sommer genießen, aber eben mit Vorsicht. Aus einem zu sorglosen Sommer darf kein Sorgenherbst werden." Delta werde auch hierzulande die Oberhand gewinnen, dies sei eher eine Frage von Wochen als von Monaten. Es mache bei der Ausbreitung aber einen Unterschied, wie hoch die Zahl der Ansteckungen und die Impfquote seien. "Es liegt an uns", sagte Spahn. Er appellierte an alle Bürger, Impfangebote zu nutzen - auch Zweitimpfungen als vollen Schutz gegen Virusvarianten.

Wieler hatte zuvor bereits in der "Rheinischen Post" dafür plädiert, Schutzmaßnahmen in Schulen bis ins kommende Frühjahr beizubehalten. "Wir empfehlen, dass in Schulen weiter getestet und Mund-Nasen-Schutz getragen wird. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, das sollte bis zum nächsten Frühjahr so sein." Er rechne mit vermehrt Fällen bei Kindern, es gebe bereits jetzt größere Schulausbrüche.

Am Freitag begründete Wieler die Empfehlung auch damit, dass mit wachsender Impfquote bei Erwachsenen der Infektionsdruck auf die Jüngeren steigen werde. Wie lange an dem Rat festgehalten werde, hänge vom Infektionsverlauf ab. Wieler rief zudem zur Umsetzung guter Testkonzepte mit Labortests auf, um Infizierte früh zu erkennen und um letztlich die Schulen offen zu halten. Es könnten etwa sogenannte Lolli- und Spucktests verwendet werden, die für Kinder nicht so unangenehm seien.

Nach dem Urlaub öfters testen lassen

Spahn sagte: "Wer will, dass die Schulen nach den Ferien sorgenfreier starten können, der sollte sich und seine Familie nach der Rückkehr aus dem Urlaub einfach ein, zwei, drei mal in einigen Tagen Abstand testen." Die Corona-Impfung von Kindern und Jugendlichen bleibe eine individuelle Entscheidung von Kindern, Eltern und dem impfenden Arzt. Dies würden nun sicherlich viele abwägen - im Lichte der Entwicklung rund um Delta und in Israel an Schulen. An deutschen Schulen wolle man möglichst viel Normalität möglich machen - bei gleichzeitig bestmöglicher Sicherheit, so Spahn.

Die Initiative Familien forderte, bei steigendem Infektionsgeschehen im Herbst mit der Pandemiebekämpfung bei Erwachsenen anzusetzen "und nicht erneut Kinder und Jugendliche einseitig belasten". Der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, Dario Schramm, sprach sich in der "Rheinischen Post" für eine Aufhebung der Maskenpflicht auf Schulhöfen nach den Ferien aus, plädierte aber zugleich dafür, den wissenschaftlichen Rat zu Schutzmaßnahmen in Schulen ernst zu nehmen: "Corona existiert weiterhin, und ein Schutz davor ist dringend notwendig."

Die Rate der im Krankenhaus behandelten Infizierten in Deutschland scheint Wieler zufolge bei Delta mit elf Prozent rund doppelt so hoch zu sein wie noch bei der bisher vorherrschenden Variante. Besonders ausgeprägt sei dies bei Menschen zwischen 15 und 34 Jahren. Wie der Charité-Impfexperte Leif Erik Sander sagte, kommt es mit Delta möglicherweise häufiger zu Infektionen bei vollständig Geimpften - diese erkrankten dann aber nicht schwer.

34,1 Prozent aller Bürger haben vollen Impfschutz

Inzwischen haben rund 44 Millionen Menschen oder 52,9 Prozent der Gesamtbevölkerung mindestens eine erste Impfung bekommen, wie Spahn sagte. Den vollen Schutz mit der meist nötigen zweiten Spritze haben demnach nun 28,38 Millionen Menschen oder 34,1 Prozent aller Bürger. Der Minister bekräftigte, dass mit den zu erwarteten Lieferungen bis Ende Juli allen Erwachsenen eine erste Impfung angeboten werden könne - und allen 12- bis 18-Jährigen bis Ende August. Inzwischen hätten 300.000 Kinder und Jugendliche in diesem Alter eine Impfung bekommen. Für jüngere Kinder ist noch kein Impfstoff zugelassen.

Bundesweit sank die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen nach RKI-Angaben von Freitag nun weiter auf 6,2. Vor einer Woche hatte diese Sieben-Tage-Inzidenz bei 10,3 gelegen.

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( dpa )