Partei-Geburtstag

40 Jahre Grüne: Party, Skandale und bald im Kanzleramt?

Lebhafte Debatten waren von Beginn an ein Markenzeichen der Grünen: Die Diskussionsleitung auf der 3. Bundesversammlung der jungen Partei 1980 in Dortmund.

Lebhafte Debatten waren von Beginn an ein Markenzeichen der Grünen: Die Diskussionsleitung auf der 3. Bundesversammlung der jungen Partei 1980 in Dortmund.

Foto: imago stock / imago stock&people

Die Grünen feiern mit viel Prominenz ihren erfolgreichen Marsch durch die Institutionen. Aber manche Wunde schmerzt noch immer.

Berlin. Sie fingen vor 40 Jahren als strickende Revoluzzer an und wollten nie zum politischen Establishment gehören. Nun kommt an diesem Freitagabend zur großen Sause in einem ehemaligen Motorenwerk in Berlin-Weißensee, wo die Grünen ihre Gründung 1980 in Karlsruhe und die Vereinigung der West-Grünen mit dem ostdeutschen Bündnis 90 vor 30 Jahren feiern, sogar der Bundespräsident.

Frank-Walter Steinmeier sitzt auf einem großen Anekdotenschatz aus seiner Zeit als Kanzleramtsminister in der ersten und bislang einzigen rot-grünen Bundesregierung (1998 bis 2005) unter Gerhard Schröder. Steinmeier war stets hautnah dabei, wenn zwischen dem großspurigen Kanzler und dem nicht minder selbstbewussten Vizekanzler, Außenminister und zwischenzeitlichem Marathonläufer Joschka Fischer die Fetzen flogen.

Das heutige Staatsoberhaupt Steinmeier war maßgeblich daran beteiligt, dass die Grünen meist kellnerten, statt den SPD-Köchen in die Suppe zu spucken. So blicken viele Grüne selbstkritisch und beschämt auf ihre Mitwirkung an Schröders Agenda-Politik zurück. Geschadet hat es der Ökopartei nicht. Die Prügel für Hartz IV kassiert bis heute die SPD.

Die Grünen wurden von der Anti-Partei zur Regierungspartei

Bei der Geburtstagsparty wollen die Grünen verständlicherweise vor allem auf ihre Meilensteine und Sternstunden zurückblicken. So richtig los ging es 1983. Die Grünen zogen erstmals in den Bundestag ein. Für viele Konservative war das ein Kulturschock. Vollbärtige Männer in Strickpullis, blitzgescheite Feministinnen mit Geltungsanspruch, Anti-Atom-Bewegte, Kommunisten. Es war ein bunter Haufen, der die Bonner Republik verändern wollte.

So werden bei der Geburtstagsparty viele Grüne der ersten Stunde mit dabei sein. Lukas Beckmann, ein bekanntes Gesicht aus der Friedensbewegung, zählte zu den Gründern, die am 13. Januar 1980 in der Karlsruher Stadthalle die Partei aus der Taufe hoben. Erwartet werden der Berliner Kult-Grüne Hans-Christian Ströbele sowie Otto Schily (er führte gemeinsam mit Petra Kelly und Marieluise Beck die erste Bundestagsfraktion, wechselte später zur SPD und wurde ein geachteter Bundesinnenminister).

Die beiden früheren RAF-Anwälte stehen mit ihren schillernden Biografien exemplarisch für Brüche und Wandlungen auf dem langen Weg, der die Grünen von der „Anti-Anti-Partei“ bis in derzeit elf Landesregierungen geführt hat.

Grüne deckelten Diäten anfangs auf Facharbeiterniveau

Als Neulinge im Bundestag wollten die Grünen alles anders machen. Abgeordnete sollten in einem Rotationsprinzip nach zwei Jahren ihr Mandat an Nachrücker von den Listen weiterreichen. Die Diäten, also die Bezahlung der ersten 27 Abgeordneten, waren anfangs selbst gewollt auf Facharbeiterniveau gedeckelt.

Viele dieser basisdemokratischen Ideen erwiesen sich als unpraktisch und wurden schnell verworfen. Schon zum zehnten Geburtstag befand Mitgründer Wolf-Dieter Hasenclever, die Grünen seien „eine stinknormale Partei geworden“. Kelly, die 1992 gemeinsam mit ihrem Partner, dem früheren Bundeswehr-General und Grünen-Politiker Gert Bastian, aus dem Leben schied, lästerte: „Sie sind eine richtige Machterwerbs- und Wahlkampfpartei geworden, sehr taktisch und routiniert, ständig auf sich selbst fixiert.“

Als Virtuose der Macht entpuppte sich Joseph „Joschka“ Fischer. Im Bundestag schreckte er 1983 die Nation mit dem Ausruf „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!“ auf. Kurz darauf wurde er Umweltminister in Hessen. Zur Vereidigung kam er in weißen Turnschuhen.

Fischer strebte mit großem Ego zur Macht – und wusste sie zu nutzen. Erst vor wenigen Wochen trafen sich die Grünen zum Parteitag in Bielefeld, wo die Doppelspitze Annalena Baerbock und Robert Habeck mit Top-Ergebnissen für ihre Führungsarbeit belohnt wurde. Für Fischer war Bielefeld 20 Jahre zuvor ein viel heißeres Pflaster gewesen.

Delegierte kamen im Mai 1999 nur unter Polizeischutz in die Halle. Es ging um Krieg und Frieden in Jugoslawien, den ersten deutschen Kriegseinsatz nach dem Zweiten Weltkrieg im Rahmen der Nato. Fischer sagte in seiner Rede: „Auschwitz ist unvergleichbar. Aber ich stehe auf zwei Grundsätzen, nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus. Beides gehört bei mir zusammen.“ Die Grünen folgten ihm mehrheitlich.

Joschka Fischer sorgte für Zerreißprobe bei den Grünen

Fischer zahlte dafür sinnbildlich einen Preis. Das Bild von der Farbbeutelattacke auf den Außenminister, dessen Trommelfell riss, brannte sich in das kollektive Gedächtnis ein. Die Zerreißprobe hinterließ in der friedensbewegten Partei tiefe Wunden, die bei einigen bis heute nicht vernarbt sind.

So gehören das Kosovo-Trauma und wegen Steuererhöhungen und Veggie Day vergeigte Wahlen zur Geburtstagsbilanz genauso dazu wie Dosenpfand, Atomausstieg, Ökostromförderung und die Erfolge bei der Gleichstellung, die es ohne die Grünen wohl nicht gegeben hätte.

Die Aussichten für die nähere Zukunft erscheinen rosig. Bald werden die Grünen 100.000 Mitglieder zählen. Auf den Straßen sorgt Fridays for Future für Nachwuchs. Deren deutsches Gesicht, Luisa Neubauer, steht beim Festakt neben dem Bundespräsidenten auf der Rednerliste.

Mit dem Klimawandel ist die Ökopartei zu einem heißen Anwärter auf das Kanzleramt aufgestiegen. In Umfragen liegt sie bei 20 und mehr Prozent. Habeck (50) und Baerbock (die mit 39 Jahren jünger als ihre eigene Partei ist) werden unter sich klären, wer von beiden als Kanzlerkandidat/-in ganz vorn stehen wird. Im Februar könnte nach Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg in Hamburg die Grüne Katharina Fegebank ein zweites Bundesland erobern.

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