Pegida sucht einen neuen Kopf

Wer beerbt den zurückgetretenen Lutz Bachmann? Nur Kathrin Oertel, die Sprecherin der islamfeindlichen Bewegung, hat sich bislang profiliert

Dresden. Der Rücktritt ihres Frontmanns Lutz Bachmann reißt eine tiefe Lücke in die Führungsriege der islamkritischen Pegida-Bewegung. Der Mann hinter den Dresdner Demonstrationen stürzte über menschenverachtende Beleidigungen gegen Ausländer und ein Selfie, das ihn mit Hitler-Bärtchen zeigt – und das zu einem Zeitpunkt, da die Bewegung an einem Scheideweg steht. Denn wurde Pegida von vielen Politikern lange als ein Sammelbecken für latent fremdenfeindliche und sich unverstanden fühlende Ostdeutsche abgetan, hat sich das Bild jüngst gewandelt. Mittlerweile ist sehr viel häufiger zu hören, berechtigte Sorgen und Ängste der Pegida-Anhänger sollten gehört, diskutiert, womöglich sogar aufgenommen werden. Das neue Zauberwort lautet Dialog – auch mit der Pegida-Führung.

Es sei eine andere Wahrnehmung im Land spürbar, meint auch Pegida-Sprecherin Kathrin Oertel. „Diesen Prozess wollen wir kontinuierlich vorantreiben“, schrieb sie in der Erklärung, in der sie den Rücktritt Bachmanns verkündete. Dass trotz des Sturzes des Frontmanns die Bewegung nicht am Ende ist, sei klar: Über Bachmanns Nachfolge sei zwar noch nicht entschieden, sie gehe aber davon aus, dass die Arbeit „genauso weitergeht wie bisher“, sagte Oertel dem Berliner „Tagesspiegel“. Zwar sei es nach dem deutschen Vereinsrecht notwendig, einen Vorsitzenden zu wählen, doch das sei „nur eine Formsache und hat keine Bedeutung“. Schon am Montag soll es in Dresden eine neue Kundgebung geben.

Wen aber meint Oertel mit „wir“? Bachmann wird zumindest offiziell nicht mehr dabei sein. Anders als er und Oertel haben sich die anderen zehn Mitglieder des Pegida-Vereinsvorstands bislang aber im Hintergrund gehalten und sind in der Öffentlichkeit kaum bekannt.

Gleich nach Bekanntwerden seiner kriminellen Vergangenheit – Bachmann ist wegen Einbruchs- und Drogendelikten vorbestraft und hat mehrfach im Gefängnis gesessen – hatte der 41-Jährige schon einmal seinen Rückzug aus der ersten Reihe angekündigt, aber dann nie vollzogen. Zum Wohle der Bewegung oder aus Eitelkeit? Die Öffentlichkeit genießt er jedenfalls sichtlich. Und Fans hat er auch weiterhin. „Ihr werdet ungemütlich für die Politiker, da musste ja was kommen“, kommentiert eine Rose Marie auf der Facebook-Seite der Pegida den Rücktritt.

Ein anderer Anhänger fordert, Bachmann trotz seiner demaskierenden Facebook-Posts und der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Dresden wegen des Verdachts der Volksverhetzung zum Pegida-Ehrenvorsitzenden zu machen – „ob seiner Verdienste um die Demokratie“.

Kathrin Oertel ist spätestens seit ihrem Auftritt am vergangenen Sonntag in Günther Jauchs Talkshow über Dresden hinaus bekannt. Die 36-Jährige mit den langen blonden Haaren und den zu Strichen gezeichneten Augenbrauen hat sich zum weiblichen Gesicht der Pegida entwickelt.

Der Dresdner Politikprofessor und Pegida-Kenner Werner J. Patzelt glaubt, dass das bisherige Führungsduo von der rasanten Entwicklung überrascht und überfordert ist. Noch sei unklar, ob die Kompetenz der dreifachen Mutter aus Coswig bei Meißen ausreicht, um professionell Politik zu machen. „Ein halbwegs gelungener Auftritt bei Günther Jauch macht ja noch keine Timoschenko“, gibt Patzelt zu bedenken.

Für Oertel, die an diesem Freitag 37 wird, geht es nun darum, die Reihen geschlossen zu halten und ein klares Profil zu zeigen, aus dem deutlich wird, dass die Beteuerungen glaubhaft sind, zwar islamkritisch, aber eben nicht fremdenfeindlich und rechtsextrem. Und das gilt auch für die Pegida-Ableger, die sich in ganz Deutschland gebildet und teils Verbindungen in die rechtsextreme Szene haben.

Den Führungsanspruch und das Markenrecht hat Oertel für das Dresdner Original bereits angemeldet. Zu Kögida, Bogida und Dügida in Köln, Bonn und Düsseldorf gingen die Sachsen bereits auf Abstand, da hier die rechtsextreme Partei Pro NRW im Hintergrund steht.

Und auch mit der Leipziger Legida, die am Mittwochabend bis zu 15.000 Anhänger, aber auch 20.000 Gegendemonstranten mobilisierte, liegt Pegida im Clinch. Die Führung des Leipziger Ablegers – den der sächsische Verfassungsschutz unter dem Einfluss von Rechtsextremisten sieht – lehnt bisher ab, den unverfänglichen Pegida-Forderungskatalog zu übernehmen. „Das kann sich für die einheitliche Wahrnehmung unserer Bewegung als kontraproduktiv erweisen“, warnt Oertel und droht mit Klage.

Ein einheitliches Bild braucht eine einheitliche Führung, so ist das in der Politik. Sie wolle aber gar keine Politikerin sein, betont Oertel immer wieder, sieht sich selbst als „eine ganz normale Frau aus dem Volk“. Ob das reicht, um Lutz Bachmann zu beerben, muss sich erst noch erweisen.

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