Abendblatt-Serie

Grenzzäune zu Gartenpforten — Begegnungen mit der DDR

Teil 13: Heiner Schmidt über nette Grüße vom NVA-Soldaten, die Einsamkeit des Westlers in der Interflug-Maschine, Gartentore aus Streckmetall – und wie er noch zum Wende-Gewinner wurde.

Die Flex am Streckmetall des DDR-Grenzzauns anzusetzen ist keine gute Idee. Das rautenförmige Gitter ist engmaschig und dick, die Trennscheibe schmilzt fast schneller als das, was da durchtrennt werden soll. Ich brauche vier Abschnitte, um einen allseits gut belüfteten Kompostbehälter zu bauen. Zwei Tage später baue ich ihn wieder ab. Er sah blöd aus.

Die vollverzinkten Zaunmatten, drei Meter lang, einen Meter hoch, sehr schwer und sehr unhandlich, lagen auf dem Grundstück herum, als wir vor gut zehn Jahren das Haus am Ostufer des einst geteilten Schaalsees bezogen. Das mecklenburgische Dorf gehörte bis 1989 zum Sperrgebiet. Der drei Meter hohe Zaun stand kurz hinter den letzten Häusern.

Die Bewohner sahen den See, ans Ufer konnten sie nicht. Vor nahezu 25 Jahren abgebaut, ist der Zaun bis heute präsent. Die, die im Dorf blieben, friedeten mit dem Streckmetall ihre Grundstücke ein, errichteten Hühnergehege daraus und bastelten Gartenpforten, die immer noch rostfrei sind. Grenzzäune zu Gartenpforten – sehr schöne Symbolik.

Sozialismus-Lehrstunde an Bord der Iljuschin 62

Es war Nacht geworden über dem Flughafen des neufundländischen Gander, und in der Passagierkabine der Iljuschin 62 machte sich leichte Ungeduld breit. Längst hätte die Interflug-Maschine Richtung Havanna abheben sollen, doch es geschah nichts. Dann sickerte durch: Einer der Passagiere habe während des Zwischenstopps in Kanada um Asyl gebeten. Bis entschieden war, ob er bleiben darf, musste der DDR-Flieger am Boden bleiben. Dann hieß es, der Aussteiger sei ein Pole. Mancher Ostdeutsche an Bord, und es waren fast ausschließlich Ostdeutsche, schien darüber erleichtert zu sein. Immerhin war es nicht einer von ihnen, der vor den Augen des Klassenfeinds so offensichtlich Zweifel an der Überlegenheit des sozialistischen Gesellschaftssystems demonstrierte.

Meine Freundin und ich hatten den Flug von Berlin-Schönefeld nach Kuba bei einem Hamburger Studenten-Reisebüro gebucht, dessen Chef nach der Wiedervereinigung Spionage für die DDR vorgeworfen werden sollte. Billiger als mit Interflug kam man 1987 nicht auf die sozialistische Karibikinsel. Wir hatten da auch gar keine Berührungsängste. Die anderen Passagiere in der Iljuschin aber sehr wohl: Man redetet nicht mit uns, man blickte uns nicht einmal an. Die Einsamkeit des Westlers im DDR-Flieger war total.

Warum das so war, lernten wir im Strandhotel bei Havanna. Die Bewohner der anderen Reihenbungalows waren in unserem Alter, sprachen deutsch, aber ebenfalls nie mit uns. Abends saßen sie auf der Terrasse und diskutierten, wie man die Weltrevolution vorantreiben könne, und als einer sich unbeobachtet fühlte und mit meiner Freundin doch einige Worte wechselte, stauchte seine Gruppenleiterin ihn heftig zusammen. Es waren wohl junge FDJ-Kader, ausgereifte sozialistische Persönlichkeiten mit eindeutigem Klassenstandpunkt. Jeder Westkontakt – und sei es nur ein Blick oder ein Wort – war da verdächtig.

Auf dem Rückflug erteilte mir der Sozialismus eine Lektion: Die Bordlektüre, die SED-Parteizeitung „Neues Deutschland“, hing über einer Haltestange in der Kabine. Ich – an dicke Westzeitungen gewöhnt – griff zu, wurde aber von einer Flugbegleiterin umgehend scharf ermahnt „nur ein Exemplar“ zu nehmen und die anderen „sofort“ zurückzugeben. In einer der Sitzreihen wurde lauthals eingeschätzt, das sei „ja mal wieder typisch“. Ich hatte schlicht übersehen, dass es ungefähr zehn ziemlich dünne Ausgaben waren, die ineinander steckten. Die endlosen Grußworte des Staatsratsvorsitzenden der Deutschen Demokratischen Republik und Ersten Sekretärs des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Erich Honecker, zu lesen war dann auch kein Vergnügen. Immerhin: Interflug verteilte Kulturtäschchen. Den Waschlappen mit dem Airline-Logo habe ich benutzt, bis er fadenscheinig wurde. Die Zahnpasta schmeckte sonderbar.

Wir hatten gelernt: Bier ist in der DDR erfreulich billig

Zum Unwillen unserer Eltern schauten wir Kinder am Sonntagmorgen gern die Jugendsendung „Mach mit, mach’s nach, mach’s besser“ im DDR-Fernsehen. Und weil mein Cousin den Part über den innerdeutschen Handel geschrieben hatte, stand im Bücherregal meines Jugendzimmers das DDR-Lexikon. Ein Wälzer, der Westdeutschen von A bis Z erklärte, was man damals über die DDR wissen sollte.

Mit einem Buch aus der DDR kam ich erstmals im Gymnasium in Berührung, als unser Geschichtslehrer einen Stapel neue Schulbücher anschleppte: DDR-Schulbücher! Die fühlten sich billig an, und es ging um Thomas Müntzer und die Bauernkriege. Unser Lehrer wollte, dass wir durch den Vergleich der ost- mit den westdeutschen Schulbüchern herausfinden, dass Geschichtsdarstellungen von höheren Interessen geleitet sein können. Zumindest meine Erkenntnisfähigkeit hatte er damit überschätzt.

Völlig unterschätzt hatte er, dass die westdeutsche Öffentlichkeit wenig mehr als 15 Jahre nach dem Mauerbau nicht darauf vorbereitet war, dass in einem Harburger Gymnasium DDR-Geschichtsbücher als Unterrichtsmaterial eingesetzt wurden. Eltern protestierten, die Bücher wurden bald wieder eingesammelt. Der Neuntklässler hatte gelernt: Schulbücher aus der DDR haben einen Papp-Einband und können jede Menge Ärger für den Lehrer auslösen.

Für die Klassenreise in der Zehnten war Berlin ein Standardziel und ein Tag im Osten der geteilten Stadt fester Teil des Programms. Wir fuhren gemeinsam hin, durften dann aber machen, was wir wollten. Wir wollten auf dem Alexanderplatz herumstehen. Das machte einen Volkspolizisten sehr nervös. Barsch forderte er uns auf, weiterzugehen. Der Mutigste unter uns fragte: Warum? Dann fuhren wir mit der S-Bahn nach Köpenick und gaben diese komischen Aluminium-Münzen für ein Mittagessen und Bier in einer Eck-Kneipe aus. Der Zehntklässler hatte gelernt: Bier ist in der DDR erfreulich billig, die Polizisten sind völlig verspannt.

Kurz vor dem Abitur sollte die Abschlussreise des Leistungskurses Geschichte in die DDR führen, inklusive Diskussion mit Mitgliedern der Freien Deutschen Jugend. Ich wollte mit ihnen darüber reden, ob man den Sozialismus nicht auch mit ein bisschen mehr Freiheit haben könne, und fragte meinen DDR-Handel-Cousin, wie man da argumentieren sollte. „Vergiss es“, sagte er. „Die sind gut geschult. Guck es dir einfach an.“ Dazu kam es dann doch nicht, weil die DDR unsere Reise kurzfristig absagte. Es war Anfang der 1980er-Jahre, und wegen des Einmarsches der Roten Armee in Afghanistan und des Boykotts der Olympischen Spiele in Moskau waren die Beziehungen gerade ziemlich frostig.

Der Leistungskurs Geschichte fuhr stattdessen in das Wochenendhaus des Lehrers. Wir sollten „Dantons Tod“ zum Hörspiel umschreiben, fühlten uns als Spielball im großen Ost-West-Konflikt und tranken die Kästen Flensburger Pilsener schneller leer, als uns guttat. Der 13.-Klässler hatte gelernt: Bier entfaltet schneller Wirkung, wenn man es am Kaminofen erwärmt.

„Auto ausräumen, Rückbank ausbauen“, befahl der Grenzer

Auf der Rückreise aus Masuren erreichten wir die Grenze zwischen Polen und der DDR erst kurz vor Ablauf des Visums um Mitternacht. Die Transitfahrt über die Autobahn wurde noch durch ein ohne ersichtlichen Grund verhängtes Tempolimit von 50 km/h verzögert. Ich wollte die restlichen 200 Mark in der Reisekasse nicht mit der Volkspolizei teilen. Jedenfalls dürfte es drei Uhr nachts gewesen sein, als wir bei Zarrentin die Westgrenze erreichten. Wir hielten, und nach einigen Minuten bequemte sich ein DDR-Grenzer aus seiner Wachstube. Fühlte er sich durch das langhaarige Paar im windschnittigen Audi 100 provoziert? Hatte er grundsätzlich schlechte Laune? „Auto ausräumen, Rückbank ausbauen“, befahl er und zog sich zurück. Wir räumten aus und gaben uns keine Mühe, die in Polen reichlich erworbenen Zigaretten und die Wodkaflaschen zu verbergen. Etwas anderes halbwegs Sinnvolles hatten wir nicht gefunden für die zwangseingetauschten Zloty.

Nachdem wir ausgeräumt hatten, ließ er uns warten. Nach zehn Minuten wagte ich mich an die Tür der Wachstube und meldete, es sei ausgeräumt, die Rückbank lasse sich aber leider nicht ausbauen. Der Grenzer schlenderte heran, warf einen Sekundenblick auf die Gepäckberge und entschied: „Einpacken, weiterfahren.“

„Machen Sie mal bitte den Kofferraum auf“, hieß es – höflicher, aber ebenso bestimmt – ein paar Kilometer weiter am Westübergang in Gudow. Allein die 500 Filterlosen der Marke „Klubowe“ – ein grässliches Kraut für umgerechnet zwei Pfennig pro Stück – kosteten an Steuer und Strafe fast so viel, wie die Reisekasse noch hergab. Die Beamten zeigten sich gnädig: „Den Alkohol berechnen wir mal gar nicht, das könnten Sie gar nicht bezahlen!“

Ich hatte wohl ein wenig zu lang gezögert, bevor ich log, dass wir nichts zu verzollen hätten. Aber manchmal stelle ich mir vor, der Ostgrenzer habe uns auf dem kleinen Dienstweg bei seinen Westkollegen verpetzt.

Von der Maueröffnung erfuhr ich in der Estetal-Kaserne auf dem Zahnarztstuhl

Von der Maueröffnung erfuhr ich auf dem Zahnarztstuhl. Der stand in der Estetal-Kaserne in Buxtehude, und der Funker Schmidt hatte am Morgen des 10. November 1989 einen Termin wegen einer Wurzelentzündung. Im Behandlungsraum lief NDR 2. Am Vorabend hatte ich nichts mitbekommen, weil während der Grundausbildung ab 22 Uhr Nachtruhe befohlen war, auf der Stube hörten wir die Fine Young Cannibals, nicht die Nachrichten.

Die Bundeswehr hatte mich, den Jahre zuvor im Anerkennungsverfahren für die Wehrdienstverweigerung Gescheiterten, ein halbes Jahr vor dem rettenden 28. Geburtstag doch noch eingezogen. Die geburtenstarken Jahrgänge waren durch, der Pillenknick bedrohte die Vorgabe, 495.000 Mann unter Waffen zu halten. „Der Bund“ holte jeden, den er kriegen konnte, sogar eine Verlängerung der Wehrdienstzeit von 15 auf 18 Monate war im Gespräch.

Das Lästigste am Dienst als Stabsdienstsoldat der 3. Panzerdivision war, dass man alle paar Wochen Gefreiter vom Dienst sein musste. Der GvD streifte nachts durch die Stabsgebäude und quittierte im Abstand von zwei, drei Stunden, dass die Panzerschränke verschlossen waren. Was in den Tresoren lag, war geheim. Vermutlich die Pläne, wo die Division Stellung zu beziehen hatte, falls die Truppen auf der anderen Seite Anstalten machen sollten, die norddeutsche Tiefebene zu erobern.

Das aber war nun komplett unwahrscheinlich, die Wehrdienstzeit wurde um drei auf zwölf Monate reduziert. Am 30. September gab ich die Uniform ab, am 3. Oktober 1990 schrieb ich meinen ersten Artikel für das Abendblatt. Ich war ein Wende-Gewinner.

Wir sahen uns an, und der Soldat grüßte zurück. Das war 1988

Manchmal fahre ich über eine Brücke, die den schmalen, verkrauteten Grenzgraben zwischen Mecklenburg und dem Ratzeburgischen überspannt. 1988 stand dort noch eine Brücke aus bröckelndem Beton. Während einer Radtour setzte ich mich auf sie und ließ die Beine baumeln. Um auszuruhen, vor allem aber, weil mir niemand verbieten konnte, mich einen Meter neben dem schwarz-rot-goldenen Grenzpfahl mit der Hammer-und-Sichel-Plakette niederzulassen. Eine Art Demonstration, leider ohne Zuschauer – dachte ich.

Doch plötzlich stand da ein Mensch im Gestrüpp auf der DDR-Seite, vielleicht 20 Meter entfernt, Uniform, das Gewehr geschultert. Ich wusste: Nur die 100-prozentig von ihrem Staat überzeugten Grenzsoldaten durften vor den Zaun, und sie waren immer zu zweit unterwegs. Ein zweiter Mann aber war nicht zu sehen, wahrscheinlich hockte er noch im Gestrüpp. Wir sahen uns an, dann hob ich kurz die Hand, und es geschah völlig Unerwartetes: Der Grenzer grüßte zurück. Mit der Hand, die er vor der Schulter unter den Gewehrriemen geklemmt hatte und deshalb nicht wahrnehmbar für jemanden, der hinter ihm war. Zwei Menschen gaben sich unerwartet Begrüßungszeichen, es war das Normalste von der Welt. Mich machte es glücklich.

Wo der Grenzzaun stand, wachsen heute hohe Birken

Die Ureinwohner im Dorf am Ostufer des Schaalsees reagieren auch fast 25 Jahre nachdem der Grenzzaun verschwunden ist, allergisch auf jede Art von Absperrung. Als die Stadt neulich einen Klapp-Poller auf dem alten Kolonnenweg aufstellte, war er am nächsten Morgen spurlos verschwunden. Ein neuer kommt nicht hin, man nimmt da Rücksicht auf Sensibilitäten.

Auf dem jahrzehntelang regelmäßig mit Pflanzenvernichter besprühten Sandstreifen auf der ehemaligen Landseite des Zauns wachsen heute erstaunlich hohe Birken, er kann gefahrlos betreten werden. „Hier wurden nie Minen gelegt“, versichern die Alteingesessenen. Einige Kilometer weiter nördlich aber ist eine Gedenkstätte für einen jungen Ingenieur aus Wismar, der 1983 beim Versuch starb, sich unter dem Zaun hindurchzubuddeln. Getroffen von den Splittern einer Selbstschussanlage. Und im Wald an der Umgehungsstraße zwischen Gudow und Büchen wird an Michael Gartenschläger erinnert. Der vom Westen freigekaufte DDR-Häftling starb Mitte der 70er-Jahre, als er einen der Todesautomaten vom Typ SM-70 abmontierte. Gartenschläger wollte die Unmenschlichkeit des Grenzregimes belegen. Er wurde verraten, die Stasi lauerte ihm auf, er wurde erschossen.

Von Ureinwohnern im alten Grenzgebiet wird gern erzählt, am rostresistenten Streckmetall seien damals bei Anlieferung die Hersteller-Embleme namhafter westdeutscher Stahlkonzernen angebracht gewesen. Es gibt Momente, da widern die Zaunabschnitte im Garten mich an.