Unis sollen Abbrüche verhindern

Im neuen Hochschulpakt nehmen Bund und Länder die Lehranstalten in die Pflicht. 26.000 Euro für jeden Studienplatz

Berlin. In vieles einfach mal reinschnuppern können – das war einmal einer der ganz großen Vorzüge des Studentenlebens. Die jungen Menschen waren geradezu angehalten, sich vieles anzusehen, vieles auszuprobieren, um dann ihren Weg zu finden. Das ist vorbei. Wer heute ein Studium anfängt und es wieder abbricht, darf kaum noch auf Verständnis hoffen. Vielmehr wird ihm vorgeworfen, sich an der Gemeinschaft versündigt zu haben.

Zumindest von der Politik. Die hat dem Phänomen Studienabbruch den Kampf angesagt – bisher eher verbal. Nun greift sie durch, und zwar an den Hochschulen selbst. Laut dem Entwurf der Bund-Länder-Vereinbarung zum Hochschulpakt 2020 sollen die Länder ab 2016 zehn Prozent der Mittel, die ihnen der Bund für jeden neuen Studienplatz gibt, einsetzen, „um mehr Studierende qualitätsgesichert zu einem erfolgreichen Abschluss zu führen“.

Die Länder ihrerseits werden noch einmal zehn Prozent ihres Anteils drauflegen. Für einen Studienplatz werden pro Jahr insgesamt 26.000 Euro kalkuliert, die eine Hälfte kommt vom Bund, die andere vom Land. Damit würden davon künftig 2600 Euro in „zielgerichtete Maßnahmen“ gegen Studienabbruch fließen. Geld, das den Unis an anderer Stelle wohl fehlen wird. Schon im zweiten Hochschulpakt, der noch bis 2015 läuft, wurden für einen Studienplatz 26.000 Euro angesetzt. Dabei bleibt es bis zum Jahr 2023 – ungeachtet der Inflation, der wirtschaftlichen Entwicklung oder der tatsächlichen Zahl der Studenten. Dass die Hochschulen sich nun Maßnahmen überlegen sollen, mit denen sie gezielt Studienabbruch verhindern, dürfte sie finanziell und organisatorisch empfindlich treffen.

Damit werden sie erstmals in die Verantwortung genommen, überhaupt etwas dagegen zu tun. Bisher konnte es den Hochschulen relativ egal sein, wie viele ein Studium nicht zu Ende führten.

Das könnte sich nun ändern. Das Papier führt zwar nicht auf, was passiert, wenn die Hochschulen das Geld nicht entsprechend einsetzen oder die Abbrecherzahlen hoch bleiben. Allerdings müssen sie jährlich über die Erreichung der Ziele und die durchgeführten Maßnahmen berichten. Diesen Druck, den die Hochschulen von den Bundesländern und dem Bund erfahren, werden die Studenten spüren.

Wie genau er sich auswirkt, kann man nicht vorhersagen. Einfacher wird es jedenfalls nicht werden, sein Fach zu wechseln. Laut dem Papier, über das die gemeinsame Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern Ende Oktober befinden soll, bevor es die Ministerpräsidenten beschließen, soll der Schwerpunkt bei den neuen Studienplätzen an den Fachhochschulen und in den Fächergruppen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik liegen. Schon die vorangegangen beiden Hochschulpakte führten zu einem enormen Anstieg der Studienplätze an Fachhochschulen. Dies lag auch daran, dass ein Studienplatz an einer Fachhochschule (FH) weniger kostet, man für weniger Geld mehr Plätze erhält. Denn die FH treiben weit weniger Forschungsaufwand als die Universitäten.

Selbst unter den Hochschulrektoren herrscht die Haltung vor, dass es sinnvoll wäre, wenn zwei Drittel der Studenten an eine FH gingen und nur ein Drittel eine Universität besuchen würde. So könnten die Unis sich wieder mehr auf die Wissenschaft konzentrieren. Doch die jungen Leute spielen da nicht mit. Zwar steigt die Zahl der FH-Studenten kontinuierlich, aber der Drang an die Unis bleibt ebenso unvermindert hoch. Nach wie vor studieren etwa zwei Drittel der 2,5 Millionen Studenten an Universitäten. Und es sind eben gerade die geisteswissenschaftlichen und wirtschaftswissenschaftlichen Fächer oder auch Medizin und Jura, in die es viele zieht.

Insgesamt wird der Bund zwischen 2015 und 2023 für die Ausfinanzierung des alten und den neuen Hochschulpakts mehr als 14,1 Milliarden Euro bereitstellen. Die Ländergemeinschaft wird mehr als 18,3 Milliarden Euro aufbringen. Grundlage für die Berechnung ist die Prognose der Studienanfängerzahlen der Kultusministerkonferenz (KMK) von Mai 2014. Damals musste sich die KMK deutlich nach oben korrigieren. Bis über das Jahr 2020 hinaus geht sie davon aus, dass die Anfängerzahlen hoch bleiben. Danach sollen sie sinken. Doch bisher war noch jede KMK-Prognose falsch. So lag dem ersten Hochschulpakt eine Prognose von 2004 zugrunde. Man ging bis 2011 von 91.000 nötigen neuen Plätzen aus. Tatsächlich waren es 183.000. In der zweiten Phase bis 2015 kalkulierte man mit 275.000 zusätzlichen Anfängern. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) nimmt mittlerweile eine Zahl von 625.000 an.

Trotz oder gerade wegen dieser Erfahrungen will der Bund in der dritten Phase seinen Finanzierungsanteil nicht mehr anpassen. „Sollte die Zahl der statistisch nachgewiesenen zusätzlichen Studienanfänger die aus der KMK-Vorausberechnung von 2014 berechnete Zahl zusätzlicher Studienanfänger... übersteigen, so werden hierfür keine Bundesmittel bereitgestellt“, heißt es in dem Papier. Damit blieben die Länder auf den Kosten allein sitzen. Oder es kann nicht mehr jeder studieren, der möchte.