Der Osten wählt Rot

In Thüringen will Bodo Ramelow, Spitzenkandidat der Linken, nach der Landtagswahl eine Koalition mit SPD und Grünen schmieden

Erfurt. Vor acht Jahren zog der Wittenberger Pastor Friedrich Schorlemmer in die Braunschweiger Burg und forderte beim Neujahrsempfang vor 400 begeisterten Prominenten, inklusive Oberbürgermeister: Schließt endlich die PDS freudig in eure Arme – damit die Einheit gelinge! Doch nicht nur im Westen litten die Nachkommen der Kommunisten unter Liebesentzug, auch im Osten stellten CDU und SPD alle Regierungschefs. Dies könnte sich am Sonntag ändern, in Thüringen.

Die Nachfolgepartei der SED, Die Linke, ist in Thüringen deutlich erfolgreicher als die SPD: Zusammen könnte Rot-Rot am Sonntag die Mehrheit bekommen; wenn ein paar Sitze fehlen, stehen die Grünen bereit.

Wie ist dies möglich, ausgerechnet im wirtschaftlich erfolgreichsten Ostland, in dem die Arbeitslosigkeit schon geringer ist als in Nordrhein-Westfalen? Es gibt drei Gründe:

1. Die CDU wird stärkste Partei bleiben, aber sie hat viel von ihrer Stärke verloren. Den Rücktritt des Patriarchen Bernhard Vogel vor einigen Jahren konnte sie nicht verkraften – anders als in Sachsen, wo Kurt Biedenkopf auch wie ein Fürst regierte, aber heute ein Nachfolger zur Stelle ist, der zwar farblos ist, aber solide regiert.

Christine Lieberknecht in Thüringen, eine ostdeutsche Pfarrerin, bringt dagegen Farbe in die Politik, forderte als Erste vehement den Mindestlohn, als wäre sie in die SPD eingetreten; aber gleichzeitig stolperte sie von einer Affäre in die nächste, musste Minister auswechseln, bekam keine Ruhe in ihre Regierung und wirkte am Ende führungsschwach.

2. In dieses Vakuum stoßen die Linken. Bodo Ramelow, ihr Kandidat, ist ein Westdeutscher, ein Gewerkschafter, der vor der Wende schon in Hessen mit Westkommunisten sympathisierte. Ein Wessi ist eigentlich immer noch ein Manko in Thüringen, doch mangels geeigneter Konkurrenten und dank rhetorischer Brillanz verzeiht ihm die Partei dieses Missgeschick der Geburt. Viele in seiner Partei mögen ihn nicht; das verbindet ihn mit seiner CDU-Konkurrentin und Duz-Freundin Lieberknecht. Doch bei den Linken ist der Wille zur Macht stärker.

3. So hat sich eine leichte Wechselstimmung aufgebaut: Wäre es nicht zweckmäßig, mal die Regierung zu wechseln – gerade wenn es uns gut geht? Und lebt nicht die Demokratie vom Wechsel? Wenn da nicht die Last der Geschichte drückte! Gerade die älteren SPD-Mitglieder haben noch nicht verwunden, dass sie die Kommunisten in der DDR unterdrückt hatten – und ihre Partei in der SED aufgelöst wurde; zudem wäre sie, die Volkspartei, nur Juniorpartner der Linken. Und die Grünen im Osten sind hervorgegangen aus dem Neuen Forum, der Bürgerbewegung, die wesentlich die SED-Diktatur zu Fall brachte. Das sind Gründe, nicht unter einem Ministerpräsidenten der Linken zu dienen, sondern lieber in der ungeliebten Großen Koalition oder der Opposition zu bleiben. So werden wohl vor allem die Mitglieder entscheiden – und nicht die Wähler –, welche Koalition künftig Thüringen regiert. Ach ja, und da sind auch noch die Protestler der AfD, der einige CDU-Politiker schon die Hand ausstrecken. Es wird am Sonntag spannend in Thüringen – und noch spannender in den Wochen danach.