Ist das Elterngeld ein Milliardenflop?

Der Lohnersatz sollte die Geburtenrate heben. Nun zeigt eine Studie, dass Mütter im Gegenteil eher auf weitere Kinder verzichten

Berlin. Die Lust der Väter auf eine Babypause wächst. Wie die aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen, nimmt mittlerweile fast jeder Vierte von ihnen Elternzeit. In Sachsen, Bayern und Berlin liegen die Quoten am höchsten. Doch das 2007 eingeführte Elterngeld hat das Familienleben nicht nur in den ersten Monaten nach der Geburt verändert. Dass der Effekt viel nachhaltiger ist als gedacht, zeigt eine Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen (RWI).

So kehren die jungen Mütter heute deutlich schneller als früher in ihren Job zurück und verzichten dafür häufiger auf weitere Kinder. Und auch die Wahrscheinlichkeit zu heiraten hat sich durch die neue Familienförderung verändert. Die „neuen Väter“ gelten mittlerweile als der größte Erfolg der Elterngeldreform. Denn eine partnerschaftliche Aufteilung der Familienarbeit war eines der erklärten Ziele bei der Einführung der Geldleistung, die jährlich gut fünf Milliarden Euro kostet. Da zwei Monate verfallen, wenn nicht auch der Vater eine Auszeit nimmt, sind heute mehr Männer bereit, einige Zeit zu Hause beim Nachwuchs zu verbringen. Allerdings beschränkt sich das Gros der Väter dabei auf die zwei Partnermonate.

Bei den Müttern hat die neue Familienpolitik eine stärkere Berufsorientierung bewirkt, was die Politik ebenfalls als großen Erfolg verbucht. Das Elterngeld von bis zu 1800 Euro monatlich ist als Lohnfortzahlung gestaltet: Wer ein hohes Einkommen hat, bekommt den Höchstbetrag. Das ist auch der Grund, warum die Statistiker auf Basis der 2012 geborenen Kinder registrieren, dass die Väter im Schnitt 440 Euro mehr als Mütter kassieren. Hausfrauen, Studenten oder Geringverdiener erhalten hingegen lediglich den Mindestsatz von 300 Euro. Die Familienleistung wird nach der Geburt eines Kindes maximal 14 Monate lang gezahlt.

Die Ausgestaltung des Elterngeldes mit einem hohen Betrag und einer kurzen Laufzeit bedeute „eine deutliche Botschaft an die Mütter, wieder arbeiten zu gehen, sobald die Leistung ausläuft“, stellen die Autoren der RWI-Studie, Jochen Kluve und Sebastian Schmitz, fest. Mit der neuen Geldleistung habe die Politik erstmals einen „natürlichen Zeitpunkt“ für die Rückkehr in den Job definiert: Dies sei eine bemerkenswerte Änderung, schließlich sei Familienpolitik zuvor darauf ausgerichtet gewesen, Müttern längere Erwerbsunterbrechungen zu ermöglichen.

Und die jungen Mütter reagierten wie gewünscht: Ihre Erwerbsneigung nahm zu, was angesichts des wachsenden Fachkräftemangels von der Politik und auch von der Wirtschaft angestrebt wurde. Stiegen die Frauen früher häufig für viele Jahre oder sogar ganz aus dem Beruf aus, so kehrt jetzt das Gros der jungen Mütter zurück. Allerdings weisen die Wissenschaftler darauf hin, dass die höhere Erwerbsquote fast ausschließlich auf einer Zunahme von Teilzeitjobs beruhe. Die Mehrzahl der Frauen reduziert also nach der Elternzeit ihre Wochenarbeitszeit, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Um den Effekt des Elterngeldes zu messen, verglichen die Ökonomen rund 5800 Mütter, die 2007 ein Kind bekommen haben, mit einer gleich großen Gruppe von Frauen, die vor Einführung des Elterngeldes ihr Baby zur Welt brachten.

Die neue Geldleistung ließ die Müttererwerbstätigkeit im ersten Jahr nach der Geburt zunächst sinken. Extrem kurze Babypausen wurden also seltener, da der Staat die längere Auszeit finanziell erleichtert. Dieser Effekt war besonders stark bei gut ausgebildeten Frauen mit hohen Einkommen, zumal diese in der Regel auch den Höchstsatz beim Elterngeld erhalten. In den Folgejahren war die Erwerbsquote unter den Elterngeldmüttern dann aber signifikant höher als unter den Frauen, die früher ihr Baby bekommen hatten. Und wieder war die Veränderung bei den hoch qualifizierten Müttern am stärksten. Der Politikwechsel habe dazu geführt, dass viele Frauen, die früher in den ersten fünf Jahren nach der Geburt zu Hause geblieben wären, jetzt in Teilzeit – meist 23 bis 32 Stunden – berufstätig seien. Die stärkere Berufsorientierung ist durchaus karrierefördernd. So haben mehr Elterngeldmütter einen unbefristeten Arbeitsvertrag als die Frauen der Vergleichsgruppe und überdies anspruchsvollere Jobs.

Doch die RWI-Forscher fanden auch Auswirkungen, die Familienpolitiker wohl nicht erwartet hatten. So sind weniger Elterngeldmütter verheiratet als andere Frauen. Dies ist auch fünf Jahre nach der Geburt noch so. Die Experten führen die gesunkene Heiratsneigung auf steuerliche Gründe zurück: Wenn die Frauen selbst mehr Geld verdienen, schrumpft der Splittingvorteil einer gemeinsamen Steuerveranlagung. „Die Elterngeldreform hat es für Paare weniger lukrativ gemacht zu heiraten“, so die Studie. Und noch einen Effekt registrierten die Wissenschaftler: Elterngeldmütter bekamen seltener als die anderen Frauen innerhalb von fünf Jahren ein weiteres Kind. Vor allem junge Frauen, die bei der Geburt noch keine 30 Jahre alt waren, verzichteten auf weiteren Nachwuchs. Einen Babyboom hat das Elterngeld nicht ausgelöst.