Von Winterhude nach Europa

Martin Schulz startet EU-Wahlkampf der SPD in Hamburg. Mit großen Gesten und Worten fordert er einen gerechteren Kontinent

Hamburg. Martin Schulz schwebt im Weltall. Hinter ihm baut sich der Erdball auf, blau, ein bisschen dunkel. Der Kontinent Europa aber ist klar zu erkennen. Und darum geht es ja. Schulz, der Genosse für Europa. So zumindest sieht das aus. Denn er fliegt nicht im Weltall. Schulz steht in Winterhude. Auf Kampnagel, dem Kulturzentrum in Hamburg, hat ihm seine SPD eine große Bühne aufgebaut. „Europa besser machen“ steht neben der Weltkugel. Der Slogan der Sozialdemokraten für die Europawahl am 25. Mai. Martin Schulz ist ihr Spitzenkandidat. Einst Bürgermeister der westdeutschen Provinzstadt Würselen will er mit 58 Jahren Europas erster direkt gewählter Kommissionspräsident in Brüssel werden. Und dafür redet er sich gerade heiß. Eine ganze Stunde lang.

„Wir müssen den Schmerz im Bauch fühlen, wenn eine junge Frau in Europa 300 Bewerbungen schreibt und am Ende doch keinen Arbeitsplatz findet“, ruft er in die volle Halle. Man müsse den Schmerz fühlen, wenn eine Mutter in Griechenland nicht mehr genug Geld hat, um ihre Kinder zu ernähren. „Nur wenn wir Sozialdemokraten diesen Schmerz wieder fühlen, dann verdienen wir es überhaupt, diese Wahl zu gewinnen.“ In vielen Momenten schwebt Schulz’ Rhetorik ziemlich hoch im Weltall. Und doch dockt er mit seinen Geschichten bei den Menschen an, am Boden. Und beginnt bei sich selbst.

Nie wieder sei er so stolz gewesen wie damals, als er seine Ausbildung fertig hatte und später die Schlüssel für seine eigene Buchhandlung in der Hand hielt. „Die Buchhandlung gibt es heute noch.“ Er habe sie irgendwann seiner engsten Mitarbeiterin vermacht. Sein Europa soll eines der kleinen und mittleren Unternehmen sein. „Und kein Europa der Spekulanten an der Börse.“

Schon viele Jahre ist Martin Schulz das europäische Gesicht der SPD, er ist seit 2012 sogar Präsident des Parlaments in Brüssel. Zwei Drittel der Deutschen geben an, ihn zu kennen. Für einen Europapolitiker ist das ein Spitzenwert. Aber gehen sie deshalb zur Europawahl im Mai? 2009 haben nur 43 Prozent der Wahlberechtigten abgestimmt. Bei der Bundestagswahl im Herbst waren es mehr als 70 Prozent. Die EU-Wahl ist für viele immer noch ein fremdes demokratisches Betriebssystem. Und deshalb hat sich Schulz bundespolitische und lokale Verstärkung in die Halle geholt, bekannte Gesichter.

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz, Familienministerin Manuela Schwesig und auch Hamburgs Europaparlamentarier Knut Fleckenstein hatten sich vor dem Auftritt von Schulz um eine Moderatorin für eine kleine Diskussionsrunde versammelt. Schwesig warb für die Stärkung der Frauen in Europa. Fleckenstein verlor einige Sätze über Russland und dass man in der Krim-Krise auf Diplomatie setzen müsse. Scholz sagte ein paar Mal, dass Hamburg eine weltoffene Metropole sei, eine europäische Metropole. Und natürlich war Hamburg für die Moderatorin an diesem Tag auch wieder das Tor zur Welt. Der Nachmittag sozialdemokratisiert so vor sich hin. Bis Schulz auf die Bühne kommt.

Erst zeigt ein kurzer Film Schulz, wie er auf roten Teppichen empfangen wird. Wie er mit Bürgern spricht, wie er im Parlament redet. „Einer von uns.“ Mit dieser Botschaft endet der Werbespot. Der kleine Mann für das große Europa. Schulz will Niedriglöhne bekämpfen und Konzerne wie Google stärker zur Kasse bitten. Er fordert die Transaktionssteuer für Finanzgeschäfte und besseren Datenschutz für Internetnutzer. Kaum ein politisches Thema, zu dem er sich nicht äußert. Mehr als 60 Prozent der Gesetzesideen, die von der Kommission eingebracht werden, werden am Ende tatsächlich umgesetzt. Der Kommissionspräsident hat ein mächtiges Amt. Und doch wird es knapp für Schulz. Die Umfragen zur Europawahl sprechen für ein Kopf-an-Kopf-Rennen der Volksparteien: 211 von 751 Sitzen für die Christdemokraten, 206 für die Sozialdemokratie.

Schulz spricht in seiner Rede wenig von der Krim-Krise. Der Name Putin fällt erst gar nicht. Der Sozialdemokrat sieht andere Angriffspunkte auf Europa. Vor allem von Rechtsextremisten. Der Populismus gegen Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien habe gezeigt, dass mit der Wirtschaftskrise eine Sündenbock-Philosophie in Europa wachse. Natürlich gebe es Sozialmissbrauch, aber das seien Einzelfälle. Besonders belastete Kommunen bekämen Hilfe. Aber Deutschland insgesamt profitiere von den Migranten – gerade aus Rumänien und Bulgarien. „Das Problem sind die kriminellen Unternehmer, die beispielsweise auf Schlachthöfen in Deutschland Sklavenhalterlöhne von 2,30 Euro zahlen“, ruft Schulz. Und fordert Mindestlöhne für Europa.

Zum Ende schlägt Schulz wieder den Bogen von der Not des kleinen Mannes bis ins Zentrum der europäischen Politik. Für die Familie, für die 1000 Euro im Monat eine Menge Geld sind, dafür wolle er Politik machen. Viele in Brüssel aber redeten nur noch von Milliarden. Schulz hielt eine Rede für die Armen in Europa. Nicht für die, die nach Europa wollen. „Lasst uns von Hamburg aus in die Schlacht ziehen“, ruft er ins Publikum. Der Saal applaudiert höflich und ausdauernd, einige jubeln. Viele sagen nach der Rede, dass Schulz authentisch wirke, dass er Energie versprühe, die Europa gut vertrage. „War nur etwas lang“, sagen andere. Als Schulz noch im Takt zu den Liedern der Popsängerin Cassandra Steen klatscht, verlassen die hinteren Reihen schon den Saal. Zwei Stunden Warmmachen für Europa reicht ihnen erst mal. Draußen, in Winterhude, scheint ja außerdem die Sonne.