Bundestag gedenkt der Nazi-Opfer

Am Holocaust-Gedenktag stand in diesem Jahr das Ende der Belagerung Leningrads vor 70 Jahren im Mittelpunkt

Berlin/Auschwitz. In der Holocaust-Gedenkstunde des Bundestags hat der russische Schriftsteller Daniil Alexandrowitsch Granin über das Sterben und Überleben in Leningrad im Zweiten Weltkrieg berichtet. „Der Tod war jemand, der schweigend seine Arbeit tat in diesem Krieg“, sagte der 95-jährige Schriftsteller am Montag – genau 70 Jahre nach dem Ende der Belagerung der Stadt. Wassermangel, Hunger, Kälte, Krankheiten und der Beschuss der deutschen Wehrmacht brachten nach Schätzungen bis zu einer Millionen Menschen in Leningrad (heute Sankt Petersburg) den Tod.

Bundestagspräsident Norbert Lammert wies auf den Zusammenhang zwischen Auschwitz und Leningrad hin, zwischen dem Völkermord an den europäischen Juden und dem Vernichtungsfeldzug in Osteuropa. „Sie wurzelten in der menschenverachtenden nationalsozialistischen Rassenideologie.“

Granin sagte in seiner Rede: „Ich konnte lange den Deutschen nicht verzeihen.“ Sie hätten einfach auf das Sterben der Stadt gewartet. „Diese Blockade kam so plötzlich, so unerwartet. Es gab keine Vorräte an Brennstoffen, an Lebensmitteln.“ Granin berichtete von den Leichen auf den Straßen und dem Versuch, sie wegzutransportieren, von der starken Rationierung des letzten Brots, von der verzweifelten Suche nach Wasser und Holz als Brennstoff sowie einem tragischen Fall von Kannibalismus. Die Haupthelden in der Stadt seien jene unbekannt gebliebenen Bewohner gewesen, die versucht hätten, anderen auf die Beine zu helfen. „Ein Schluck heißes Wasser hat den Menschen häufig das Leben gerettet.“ Granin, der als Soldat der sowjetischen Armee an der Leningrader Front kämpfte, hatte später als Schriftsteller mit Zeugen und Tagebüchern die fast 900-tägige Belagerung aufgearbeitet.

Die Belagerung Leningrads brachen russische Soldaten am 27. Januar 1944 auf. Genau ein Jahr später befreiten Soldaten der Roten Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

„Wir wissen um die Abermillionen Tote“, sagte Lammert. „Wir wissen auch um die Täter.“ Bis heute treibe ihn die Frage um: „Wie ist eine solche Entmenschlichung möglich geworden?“ Lammert betonte, dass die Belagerung von Leningrad im Westen Deutschlands lange Zeit wenig bekannt gewesen sei. Im Mythos einer vermeintlich sauberen Wehrmacht habe sie keinen Platz gefunden. In der DDR habe der Sieg der Sowjetunion über den Faschismus Vorrang vor dem konkreten Erinnern gehabt. „Die Verantwortung, die wir Deutsche tragen, bleibt“, sagte Lammert. Nie wieder dürften Staat und Gesellschaft zulassen, dass Menschen etwa wegen ihrer Andersartigkeit zum Feindbild einer schweigenden Mehrheit gemacht werden. Lammert nannte die Morde der Neonazi-Terrorzelle NSU, Proteste gegen Flüchtlingsheime und antisemitische Straftaten. „In Deutschland jedenfalls ist Intoleranz nicht mehr tolerierbar.“

An der Gedenkstunde des Bundestags zum Jahrestag der Auschwitz-Befreiung nahmen auch Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesratspräsident Stephan Weil und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, teil.

Im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz haben zusammen mit Holocaust-Überlebenden 61 Abgeordnete der israelischen Knesset der Opfer des Holocaust gedacht. „Auschwitz wird für immer das schwarze Loch in der gesamten Menschheitsgeschichte sein“, sagte Isaak Herzog, Fraktionschef der oppositionellen Arbeitspartei, in einer Ansprache. In dem größten nationalsozialistischen Vernichtungslager wurden mindestens 1,1 Millionen meist jüdische Häftlinge ermordet; das Todeslager wurde am 27. Januar vor 69 Jahren von Soldaten der Roten Armee befreiten. Insgesamt ermordeten die Nationalsozialisten rund sechs Millionen Juden aus ganz Europa. In Israel leben heute noch rund 193.000 Holocaust-Überlebende.

Nie wieder dürften Menschen gleichgültig auf das Schicksal anderer reagieren oder vor Antisemitismus und Rassenhass resignieren, betonte der Abgeordnete Herzog, der auch an das Schicksal seiner in Auschwitz ermordeten Tante erinnerte. „Wenn wir die Hoffnung verlieren, dass eine bessere Welt aufgebaut werden kann, dann verlieren wir gegen Auschwitz.“ Vor der Gedenkfeier hatten die Knesset-Vertreter mit mehr als 20 hochbetagten Holocaust-Überlebenden und Vertretern des israelischen Militärs das Stammlager Auschwitz besucht, wo unter anderem in den Sammlungen der Gedenkstätte Schuhe, Koffer und Haare der Ermordeten aufbewahrt werden. In der im vergangenen Juni eröffneten Holocaust-Ausstellung sahen sie auch das „Buch der Erinnerung“, in dem die Namen von rund 4,3 Millionen ermordeten Juden aufgelistet sind.

Bereits am Vormittag hatten polnische Überlebende an der „Todeswand“ von Auschwitz der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. „Wir haben hier schwere Zeiten durchgemacht. Ich fühle Genugtuung, dass ich diesen Ort auf meinen eigenen Beinen und nicht durch den Schornstein verlassen habe“, sagte der ehemaligen Häftling Bogdan Bartnikowski.

Der Holocaust steht zwar in den meisten Schulen weltweit auf dem Lehrplan – allerdings gibt es im internationalen Vergleich große Unterschiede bei Darstellung und Einordnung des millionenfachen Mordes an den Juden im Schulunterricht. Dies geht aus ersten Ergebnissen einer Studie des Braunschweiger Georg-Eckert-Instituts in Zusammenarbeit mit der Unesco hervor, die am Montag auf einer Konferenz der Uno-Kulturorganisation zum Holocaust-Gedenktag in Paris vorgestellt wurde.

Demnach spielt der Holocaust in den Schulbüchern der westlichen Staaten eine zentrale Rolle. In Staaten wie China und Ruanda hingegen wird er nur als Vergleichsmaßstab in Darstellungen örtlicher Völkermorde erwähnt. Schulbuchautoren in Indien, die der hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP) nahestehen, erwähnen der Studie zufolge den Holocaust nicht und preisen sogar die „kompromisslosen nationalen Ideale“ der Nationalsozialisten.

Bei ihrem weltweiten Untersuchungen fanden die Wissenschaftler zudem heraus, dass im Irak und angrenzenden Ländern des Nahen Ostens der Holocaust „entweder ausgeblendet, nur teilweise erklärt“ oder aber „mit unscharfen Begriffen gekennzeichnet“ wird. Schulbücher in Albanien wiederum betten demnach den Holocaust in das „Zeitalter der Erschütterung 1914 – 1945“ ein und lenken den Blick auf albanische Bürger, die verfolgte Juden gerettet haben. Den Bildungspolitikern weltweit empfehlen die Autoren der Studie unter anderem, zur Darstellung des Holocausts in den Schulen verstärkt Quellen, Zitate und Zeugenaussagen heranzuziehen. Die Untersuchung „Zur Bedeutung des Holocaust in der schulischen Bildung – eine globale Bestandsaufnahme von Schulbüchern und Lehrplänen“ soll im kommenden Frühjahr veröffentlicht werden.