Kirchen fordern Umdenken in Europas Flüchtlingspolitik

Deutschland soll Türen für Schutzsuchende weiter öffnen

Frankfurt/Main. Zu Beginn des neuen Jahres haben die Kirchen in Deutschland an die Not der Flüchtlinge weltweit erinnert und Solidarität gefordert. Zugleich blickten Bischöfe in ihren Predigten bereits zurück auf die beiden Weltkriege, derer 2014 besonders gedacht werden soll. Der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, warnte angesichts blutiger Konflikte in der Welt vor einer Vereinnahmung der Religion für politische Zwecke.

„Jedes Beschwören der Gottesnähe zur Durchsetzung eigener Interessen gegen andere lästert Gott“, sagte er am Neujahrstag in einer Predigt in Berlin: „Das galt im Ersten und im Zweiten Weltkrieg für unser Land. Und das gilt auch heute in allen Kriegs- und Krisengebieten unserer Welt.“ Schneider erinnerte an die Verbindung von „Thron und Altar“ im Ersten Weltkrieg, der vor 100 Jahren im August 1914 begann, sowie an den vor 75 Jahren, am 1. September 1939 begonnenen Zweiten Weltkrieg. „Die Nähe Gottes war und ist niemals ein verfügbarer Besitz von Menschen, Nationen, Religionen oder Kirchen“, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Spitzenrepräsentant von 23,6 Millionen Protestanten.

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, warnte vor einem Rückfall Europas in Nationalismen. „Bauen wir weiter an diesem Kontinent des Friedens, an einer Welt der Verständigung, der Solidarität und der Nächstenliebe“, sagte er im Freiburger Münster. Dabei erinnerte er an die Opfer von Gewalt, Verfolgung und Krieg, etwa in Syrien, im Südsudan und im Nahen Osten. Beide großen Kirchen fordern für 2014 ein Umdenken in der europäischen Flüchtlingspolitik. In einem Neujahrsgottesdienst in der Dresdner Frauenkirche erinnerte der Bischof der evangelischen Nordkirche, Gerhard Ulrich, an Flüchtlinge und Opfer kriegerischer Gewalt in Syrien und im Südsudan. Er rief dazu auf, die Türen für Schutzsuchende in Deutschland weiter zu öffnen. „Wie viele Menschen müssen noch sterben, bevor wir aufwachen, bevor wir eingreifen und die Ursachen beseitigen von Flucht und Hunger“, fragte der Schweriner Bischof.

Probleme nicht nur den Einreiseländern Italien und Griechenland überlassen

Der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki mahnte, das Flüchtlingsthema dürfe in Europa nicht ignoriert oder allein Einreiseländern wie Italien oder Griechenland überlassen werden. Die mitteldeutsche Landesbischöfin Ilse Junkermann sagte, es sei ein Skandal, dass Europa nicht die Menschenwürde zur Grundlage für seine Flüchtlingspolitik mache, sondern wirtschaftliche Interessen maßgebend für die Grenzpolitik seien. Sie forderte eine „menschenrechtsbasierte Asylpolitik“ und den „politischen Willen zu einer strukturierten Einwanderungspolitik“.

Viele Bischöfe thematisierten zum Jahreswechsel auch anstehende Reformen in der katholischen Kirche. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx ging dabei ebenfalls auf den Ersten Weltkrieg ein. Die Konsequenz aus der Entstehung müsse sein, dass die Menschen ihr Leben in Verantwortung und Freiheit gestalten.