Piloten, die am Boden bleiben

Die Bundeswehr setzt in Afghanistan Drohnen zur Aufklärung ein. Ein Offizier schildert, warum er sich Waffen wünscht

Berlin. Ob die Bundeswehr in Zukunft auch Kampfdrohnen einsetzen darf, darüber sind sich die möglicherweise neuen Regierungspartner noch nicht einig geworden. Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) würde gern – die SPD nicht unbedingt. Im Koalitionsvertrag steht nun, dass eine Kommission die rechtlichen Bedingungen klären soll. Die Truppe allerdings wäre dankbar, wenn sie endlich mit kampffähigen Drohnen in Einsätze ziehen dürfte. Ein Pilot, der für die Bundeswehr die unbewaffnete Aufklärungsdrohne Heron in Nordafghanistan fliegt, erzählt, warum er sich bei diesem Thema auch moralisch verpflichtet fühlt:

„Mit unserer Heron sind wir immer zu zweit unterwegs. Ich fliege die Drohne per Computertastatur, und der Sensorbediener neben mir steuert die Kamera. Wie jeder normale Pilot und Kopilot sitzen auch wir in einem Cockpit. Nur dass das nicht mit in der Luft fliegt, sondern am Boden steht, in einem Container, etwa zehn Quadratmeter groß, ohne Fenster. Wir nennen ihn Dose oder Box. Das Cockpit unterliegt denselben Regularien wie ein normales Flugzeug, wir haben sogar ein Bordbuch.

Heron steht uns jeden Monat für 480 Flugstunden zur Verfügung. Unsere Aufträge bekommen wir aus dem Stab des Isaf-Regionalkommandos hier im Camp. Wenn wir einen Konvoi begleiten sollen, fliegen wir mit der Drohne meist schon vorab über die geplante Strecke. Mit etwas Glück kann man dann erkennen, wo Erde frisch umgegraben wurde und vielleicht ein IED (Improvised Explosive Device, improvisierter Sprengsatz, d. Red.) verbuddelt ist. Wir gucken jetzt schon drei Jahre mit der Heron in Afghanistan, in der Zeit haben wir vielleicht zehn, fünfzehn IED vorher gefunden. Wenn man dann das Feedback kriegt: Das war eine 30-Kilo-Bombe, gegen unsere Kräfte gerichtet, das hätte keiner überlebt, wenn die hochgegangen wäre – dann ist das schon verdammt gut. Das macht den Job schön. Belastend kann er aber auch sein, wenn ich eine Straße abgescannt habe, und am nächsten Tag fährt die Patrouille trotzdem auf eine Sprengfalle, dann macht man sich schon Gedanken: Hab ich da richtig geschaut?

Wenn wir Fußpatrouillen begleiten, die in ein Dorf marschieren und gegebenenfalls gegen Aufständische kämpfen müssen, ist der Adrenalinpegel natürlich am höchsten. Weil man nie weiß, was passiert. Wir kreisen dann mit der Drohne immer um deren Koordinaten herum und schauen, was gefährlich werden könnte, ein Hinterhalt oder ein verbuddelter Sprengsatz. Mit dem Marschgruppenführer unten sind wir ständig per Funk verbunden. Der hat meist auch ein Empfangsgerät, damit kann er unsere Bilder in Echtzeit empfangen. Er kann uns auch bitten: Zoom mal hierhin oder dorthin, mehr nach rechts, mehr nach links. Gleichzeitig sitzen im Camp auch Soldaten, die unsere Luftbilder auswerten und sagen: Diese Straße oder die Brücke ist befahrbar, da wäre Platz, um mit dem Hubschrauber zu landen.

Bei solchen Aufträgen geht die Zeit relativ schnell vorüber. Hat man aber eine Operation vorzubereiten und muss stundenlang auf diesen kleinen Bildschirm schauen, bei Nacht, nur in Schwarz-Weiß, dann ist das ganz schön anstrengend für den Kopf und für die Augen. Man wird schnell müde, da kann man machen, was man will. Wir steuern die Drohne maximal vier Stunden am Stück, dann übernimmt ein anderes Team. Und wir sind nach der Pause wieder dran. Ich kann die Heron 27 Stunden am Stück in der Luft lassen. Das hat den großen Vorteil, dass wir immer so lange beobachten können, bis wir wirklich sicher sind, wie oder womit wir reagieren müssen. Ein Kampfjet zum Beispiel hätte gar nicht so viel Sprit und damit Zeit. Überhaupt muss bei bemannten Flugzeugen die Entscheidung über einen Waffeneinsatz binnen 15 Minuten fallen. Das ist besonders heikel, wenn sich Freund und Feind kaum unterscheiden lassen. Aus der Entfernung kann ich mir nämlich nie sicher sein, ob derjenige, den ich da unten im Visier habe, ein Guter ist oder ein Böser in geklauter Uniform. Das hier ist ja kein regulärer Krieg, das ist asymmetrische Kriegsführung. Erst wenn der das Feuer auf die afghanische Armee, auf alliierte Partner oder auf unsere eigenen Leute eröffnet, weiß ich, dass das ein Feind ist.

In dem Moment fühle ich mich fast moralisch verpflichtet, so schnell wie möglich zu helfen. Ich muss ganz ehrlich sagen: Ja, unseren Drohnen fehlt die Bewaffnung. Wenn man runterzoomt und auf dem Bild sieht, dass die eigenen Leute beschossen werden, dann steigt der Adrenalinspiegel, man hat das Bedürfnis, sofort zu reagieren. Ganz klar. Und wenn man dann noch im Funk hört, die Angreifer kommen aus der und der Richtung, und wir können das sogar am Bildschirm sehen, aber nichts machen. Das ist wirklich nicht schön, wenn einem so die Hände gebunden sind. Und zwar so lange, bis die Kameraden im Gefechtsstand einen Kampfhubschrauber oder Kampfjet angefordert haben. Das dauert, und diese Zeit kann im Zweifel Leben kosten.

Bei allem, was wir hier tun, müssen wir uns an die sogenannten Rules of Engagement und weitere Regelungen halten, die Einsatzregeln, die für alle hier engagierten Nationen gelten. Das läuft hier also nicht ganz so trivial wie: Oh, da ist was, da schmeiße ich jetzt ’ne Bombe drauf. Wir sind keine Nation, die erst schießt und dann fragt. Fünf Prüfschleifen muss man durchlaufen, bis es dazu kommt, dass eine Waffe ausgelöst wird. Ein Kriterium ist, dass man sicher sein muss, dass keine Unbeteiligten zu Schaden kommen. Die Diskussion über bewaffnete Drohnen leidet in Deutschland allerdings daran, dass man sich oft an anderen Ländern orientiert und nicht richtig differenziert. Da geht es mal um illegale Ziele und mal um zu große Distanzen zwischen Einsatzort und dem Sitz der Piloten. Andere Nationen – die USA zum Beispiel – setzen in Afghanistan auch Drohnen ein, die sie von zu Hause oder von den Arabischen Emiraten aus steuern. So weit weg vom Einsatzgebiet zu sitzen käme für uns nicht infrage. Vor Ort fühlt man sich auch viel stärker verbunden mit den Soldaten am Boden, kann persönlich mit den Leuten reden, mit denen man zusammenarbeitet.

Es ist auf jeden Fall gut, mit im Einsatz zu sein. Obwohl natürlich, wie für alle Soldaten, die persönliche Situation belastend sein kann. Wir sind im Schnitt dreimal im Jahr hier, jeweils für sechs bis acht Wochen, manchmal auch häufiger. Wir hatten in der Bundeswehr mal 35 Piloten und 25 Sensorbediener, inzwischen sind es nur noch 28 und 21. Insgesamt sind im Einsatz immer acht Piloten und sechs Sensorbediener. Das bedeutet, dass nur drei Teams zur Verfügung stehen. Da muss man sich eben abwechseln.

Für mich ist dies der zwölfte Einsatz in Afghanistan. Nach Hause zurückzukommen ist jedes Mal ein krasser Schnitt. Hier ist Wüste, alles braun-beige – dort hat die Welt wieder Farben, und es gibt ein soziales Leben. Außerdem fragen alle: Du warst in Afghanistan? Bist ja gar nicht braun geworden. Wie auch? Wir sitzen ja die meiste Zeit in der Box. Trotzdem mag ich meinen Beruf. Ich war vorher Eurofighter-Pilot, da kam selten mal ein Kamerad und hat sich bedankt. Jetzt schon.“