Wo Politik zur Besinnung kommt

Wahlkampf, Skandale, Krisengipfel: Politikeralltag ist Stress. Stille ist die Ausnahme. Mit Wolfgang Thierse im Andachtsraum des Bundestags

Berlin. Es gibt das laute Draußen. Die Welt der Mikrofone im Plenum, das Rednerpult, die Lautsprecher, den Zwang zum schnellen Statement, die Attacken und Beschimpfungen. Da draußen ist die Welt der Ausschüsse und Sondersitzungen. Aber hier, hinter der blauen Tür, ist der stillste Ort im Bundestag: Raum Nummer 1S 019.

Wolfgang Thierse geht nach vorne, zum Licht. Die Sonnenstrahlen an diesem Augusttag fallen durch einen Durchbruch in der grauen Wand in das Halbdunkel. Sie leuchten auf zwei Tafeln, mehr als drei Meter hoch. Hunderte weißer Nägel sind in die Tafeln geschlagen, sie formen ein Kreuz. Die Tafeln lehnen an der Wand – so, als könnte man sie einfach mitnehmen und gehen. Raus. Aus dem Alltag. Aus den Laufrädern der Maschinerie Bundestag.

„Ich habe mir als Politiker in den 24 Jahren immer gewünscht, manchmal schweigen zu können. Aber wer schweigt, ist politisch tot“, sagt Thierse. Ab und zu, zwischen zwei Entscheidungen im Plenarsaal oder zwei Sitzungen seiner SPD-Fraktion, kommt er hierher in den Andachtsraum des Bundestags. Er schweigt dann für einen Moment. Dann knattert der Betrieb weiter.

620 Abgeordnete haben sich vier Jahre lang durch die Legislatur debattiert, sie haben gestritten, reformiert, vertagt und beschlossen. 416 Männer, 204 Frauen. Sie brachten 895 Gesetze ins Parlament ein, sie stellten allein 3507 kleine Anfragen, 39-mal mussten Ausschüsse zwischen den Politikern vermitteln. Krisen erhöhten den Druck auf Abgeordnete. Minister traten nach Plagiatsaffären zurück, Parteichefs wurden aus ihrem Amt gelobt, neue Ministerinnen und Vorsitzende kamen.

Und die Politiker selbst erhöhen die Schlagzahl: Umweltminister Peter Altmaier (CDU) lästert auf Twitter über das 100-Tage-Programm der SPD, Gregor Gysi von den Linken postet gerade was zum Krieg in Syrien auf seiner Facebook-Seite, und Johannes Kahrs von den Sozialdemokraten twittert von einer Diskussion mit Schülern am Gymnasium in Dulsberg. In den 22 Sitzungswochen pro Jahr arbeiten viele Abgeordnete 16 Stunden am Tag, in Zeiten des Wahlkampfes stehen viele schon morgens am Info-Stand an Bahnhöfen. Demokratie auf Hochtouren heißt auch Blutdruck auf Hochtouren.

Thierse war Vize-Chef der SPD, war Präsident des Bundestags und ist bis heute Stellvertreter, er hatte lange ein Direktmandat in Berlin. Thierse kämpfte viele Wahlkämpfe. Aber er habe in diesen Zeiten immer ein paar Kilo Gewicht verloren. Der Stress. Thierse sitzt auf einem der hellen Holzstühle im Andachtsraum. Die Lehne reicht bis zum Nacken, sie zwingt zur aufrechten Haltung. Vorne im Raum steht ein Altar, ein schwerer, quadratischer Block aus Granit. Er erinnert an die Kaaba in Mekka, die heilige Stätte des Islam. Thierse sagt: „Ich bin ein unmoderner Mensch, was Facebook und Twitter angeht. Ich finde die Art der Kommunikation peinlich und unwürdig. Ich halte das Getwitter für kommunikativen Durchfall. Das hat wenig mit Inhalten zu tun.“ Manchmal weicht die Stille seiner Wut. Vielleicht auch einer Verbitterung.

Thierse ist Katholik und Kulturwissenschaftler. Er spricht viel von Würde und dem Innehalten. Er erzählt von Momenten, in denen ihm die Journalisten keine Zeit ließen zum Nachdenken, zum Innehalten. Anfang der 90er zum Beispiel, als er Walter Momper an der Spitze der Berliner SPD folgen sollte – und absagte. „Der Druck der Medien beschleunigt die Politik enorm“, sagt Thierse heute. Sobald ein Minister zurücktrete, müsse innerhalb von Stunden ein Nachfolger gefunden werden. „Sonst gilt eine Regierung als unfähig, als nicht krisenfest.“

Thierse spricht vom Zaudern und Zweifeln, das auch möglich sein müsse. Er redet von Kontemplation und Diskurs. Seine Sätze passen in keine SMS oder einen Tweet. Vorne im Raum streifen die Sonnenstrahlen seinen Bart. Ja, der krauselige, volle Bart – er ist auch eine Entsagung an die Schneidigkeit dieser Welt. Wolfgang Thierse, geboren 1943 in Breslau, steht im schnellen Politikbetrieb da wie der Granitaltar im Andachtsraum des Bundestags. Unverrückbar. Er bewegt sich keinen Meter.

Der Düsseldorfer Künstler Günther Uecker hat den Raum gestaltet, er steht allen Konfessionen offen. Einmal hat eine Gruppe Imame hier gebetet, die bei Thierse im Bundestag zu Besuch waren. In der Vitrine liegt eine Bibel, ein Koran mit goldener Kalligrafie, ein Programm vom Papst-Besuch im Parlament im September 2011 und ein weißer Gebetsschal der Buddhisten. Der Dalai Lama hatte ihn den Abgeordneten überreicht. Der Raum solle einladen zu eigenen Assoziationen, er solle ein Angebot machen für die Auseinandersetzung mit dem Glauben, sagt Andreas Kaernbach. Er ist Kurator der Kunstsammlung des Bundestags. Bevor die Abgeordneten über Gentechnik debattierten, sei der Raum zuvor richtig voll gewesen.

Einmal hat Kaernbach eine Besuchergruppe durch den Raum geführt. Er zeigte auf eine der Tafeln an der Wand. Uecker hat sie mit Sand beklebt, braune Steine stechen von hinten durch die Tafel. Kaernbach hat der Gruppe erzählt, dass er in dem Sand ein Symbol für die Wüste sehe. Sie verbinde die Religionen, weil Jesus, Mohammed und Moses alle durch die Wüste ziehen mussten, weil sie im Sand beteten. Eine Frau hat dann gesagt, dass sie etwas ganz anderes in der Tafel sehe. Der Sand, das sei Deutschland. Und die Steine all die Orte, an denen die Nazis in Konzentrationslagern mordeten. Auch Gespräche wie diese füllen die Stille im Andachtsraum – Dialoge weit weg von Krisensitzungen und Koalitionsverhandlungen. Und doch mitten im Bundestag, erster Stock, zehn Meter vom Plenum entfernt, hinter einer schweren Tür.

Der irrationale Glaube und die rationale Politik – passt das überhaupt zusammen? Wolfgang Thierse sagt, dass Politik selten rational sei. Es geht auch um Emotionen, um das Gewissen. „Glaube und Politik passen sehr gut zusammen. Der Glaube gibt mir bei wichtigen Entscheidungen wie zur Gentechnik Rückhalt. Er hilft mir, meine politische Haltung zu schärfen.“ 2010 hat er als damals 67-jähriger Herr bei einer Sitzblockade gegen einen Neonazi-Aufmarsch mitgemacht. Von der Union hagelte es Kritik. Thierse ließ sich nicht irritieren. Es ging um Haltung.

Und Glaube könne zu Langsamkeit erziehen. „Ich hoffe, dass Christen in der Politik länger innehalten und nachdenken“, sagt Thierse. Er twittert nicht, lese kein Facebook, nur Bücher und Zeitungen. Sagt er jedenfalls. Er renne auch nicht in jede Talkshow. „Politik ist nicht möglichst pointierte Meinungsmache. Politik ist grau, schweißtreibend, hässlich und enttäuschungsbehaftet.“ Und schnell.

Im Sommer 2011 hatte die Generalsekretärin der SPD, Andrea Nahles, einen politikfreien Sonntag vorgeschlagen. Einen Ruhetag im Betrieb. Die Debatte darüber verpuffte zwischen Stuttgart 21 und Krieg in Libyen. Und auch Nahles ging in den Tagen danach wieder auf Sendung: zum NPD-Verbot, zur deutschen Entwicklungshilfe in Afrika. Zurück ins Laufrad. Geben wir den Politikern keine Ruhe? Sind Wähler und Journalisten zu ungeduldig? Oder wollen die Abgeordneten gar nicht innehalten – sondern lieber debattieren und gleichzeitig darüber twittern?

„So, ich hoffe, Sie haben jetzt genug Stoff“, sagt Wolfgang Thierse nach einer Dreiviertelstunde im Andachtsraum. Er schüttelt die Hand zum Abschied, geht durch das Halbdunkel und verschwindet durch die schwere blaue Tür. Neben dem Ausgang liegen Broschüren aus, gefaltete Informationen für die Besucher. Der Text über den Andachtsraum endet mit einem Zitat: „An einem solchen Ort ist auch der Politiker ganz er selbst, nicht eingebunden in Funktionen, nicht Mandatsträger.“ Das Gebundensein an Partei und Fraktion trete zurück, Begrenztheit und Wagnis politischen Handels dagegen stärker ins Bewusstsein. „Wo wäre ein solcher Ort notwendiger, als im Herzen unserer Demokratie, im Parlament?“ Die Sätze kommen von Wolfgang Thierse.