Nach Besuch an KZ-Gedenkstätte Dachau

Zentralrat der Juden nimmt Merkel in Schutz

Die Grünen hatten den Auftritt der Bundeskanzlerin in Dachau inmitten des Wahlkampfs „geschmacklos“ genannt. Doch Merkel bekommt sogar von der Linkspartei Unterstützung.

Dachau/München. Der Zeitpunkt von Angela Merkels Besuch in der KZ-Gedenkstätte Dachau am Dienstagabend löste schon vorab heftige Kritik aus. Die Kanzlerin besuchte das ehemalige Konzentrationslager in einem kurzen Zeitfenster zwischen zwei Wahlkampfauftritten in Erlangen und in der Stadt Dachau bei München.

„Wer es ernst mit dem Gedenken an einem solchen Ort des Grauens meint, der macht einen solchen Besuch garantiert nicht im Wahlkampf“, sagte die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Renate Künast, der „Leipziger Volkszeitung“. Sie nannte es eine „geschmacklose und unmögliche Kombination“, dass Merkel direkt nach ihrem KZ-Besuch eine Wahlkampfrede halten will.

Die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, verteidigte Merkel dagegen: Es sei „lobenswert, dass die Kanzlerin die Gelegenheit ihres Besuchs in der Region wahrnimmt, um die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers zu besuchen“, sagte sie. „Wir befinden uns im Wahlkampf. Jeder Politiker hat das Recht, sich und seine politischen Ziele und Visionen wo auch immer öffentlich zu präsentieren“, sagte Knobloch, die früher auch Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland war.

Auch dessen aktueller Vorsitzender Dieter Graumann verteidigte die Kanzlerin: „Mit Frau Merkel besucht immerhin erstmals ein deutscher Kanzler die KZ-Gedenkstätte in Dachau“, sagte Graumann zu „Spiegel Online“. Er werde der letzte Mensch im Land sein, der einen Besuch der Kanzlerin in Dachau kritisiere.

Graumann fügte hinzu: „Was ihren anschließenden Auftritt in einem CSU-Bierzelt angeht – ich bin auch in diesem Fall dagegen, dass wir uns jetzt in eine Meckerecke stellen. Denn wenn die Kanzlerin nur den Wahlkampfauftritt in Dachau wahrgenommen hätte, hätte man sie wiederum dafür kritisieren können, dass sie nicht die KZ-Gedenkstätte besucht hat.“

CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt und Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) nahmen Merkel ebenfalls gegen Kritik in Schutz. „Mit ihrem Besuch in der KZ-Gedenkstätte setzt die Bundeskanzlerin ein eindrucksvolles und ernsthaftes Zeichen – für die Opfer, für die Überlebenden und für die Dachauer Bürgerinnen und Bürger insgesamt. Dafür sind wir ihr sehr dankbar“, so Hasselfeldt.

Auch Klaus Ernst, Linkspartei-Spitzenkandidat in Bayern bei der Bundestagswahl, nahm Merkel in Schutz. „Niemand ist hier in der Rolle, zu bestimmen, wer wann wo gedenken darf“, sagte Ernst der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“. „Manchem fehlen offenbar die Themen im Wahlkampf, und dann kommen solche Fehlleistungen heraus“, sagte Ernst weiter. „Man kann Merkel für vieles kritisieren, aber nicht dafür.“

Vor Merkel hatte noch kein amtierender deutscher Regierungschef das frühere Konzentrationslager in der Nähe von München besucht. Die Kanzlerin war im vergangenen Herbst vom Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer, 93, eingeladen worden. Mannheimer begrüßte Merkel am Abend an der Gedenkstätte. Anschließend legte die Kanzlerin am Internationalen Mahnmal einen Kranz nieder, danach besichtigte sie das Museum und traf Überlebende des Konzentrationslagers.

In ihrem wöchentlichen Video-Podcast hatte Merkel am Wochenende betont, sie reise mit einem „Gefühl der Scham und der Betroffenheit“ nach Dachau. Das KZ Dachau diente den Nationalsozialisten als Modell für alle späteren Konzentrationslager. In den zwölf Jahren seines Bestehens wurden dort und in vielen Außenlagern mehr als 200.000 Menschen aus ganz Europa gefangen gehalten. Mehr als 43.000 Häftlinge wurden ermordet.