Wie sich die SPD in den Wahlkampf feiert

Beim Fest zum 150-jährigen Bestehen der Sozialdemokraten tritt Spitzenkandidat Peer Steinbrück selbstbewusst vor 200.000 Besucher

Berlin. Über ihre Rollenverteilung war sich die Troika der SPD diesmal schnell einig. Dabei ging es nicht etwa um die Frage, wer nach der Bundestagswahl was werden oder bleiben darf. Nein, zu klären war vielmehr, wer welchen Part bei den „Bremer Stadtmusikanten“ übernimmt. Dieses Märchen nämlich lasen die „Großen Drei“ der SPD am Sonntagvormittag auf dem Deutschlandfest ihrer Partei vor, unterstützt durch Schatzmeisterin Barbara Hendricks. „Ähnlichkeiten lebender Personen mit den Tieren sind rein zufällig“, betonte Frank-Walter Steinmeier. „Klar war: Der Hahn ist der Peer“, berichtete Sigmar Gabriel, der den Hund übernahm. Und Peer Steinbrück rief fröhlich: „Ich war sehr dankbar, dass Frank den Esel übernommen hat.“ Von einer „tragenden Rolle“ schwärmte Steinmeier noch. Sodann begannen sie mit ihrer Lesung, vor einigen Kindern und umso mehr meist grauhaarigen Erwachsenen.

Die diversen Termine im „Lesezelt“ zählten zu den eher kleinen Programmpunkten auf der Festmeile an der Straße des 17. Juni. Zwei Tage lang feierten die Sozialdemokraten hier ihr 150-jähriges Bestehen nach, und allein am Sonnabend waren über 200.000 Menschen zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule dabei. Es war also ein erfolgreicher Wahlkampfauftakt fünf Wochen vor der Bundestagswahl am 22. September. Angesichts mieser Umfragen, offener Kritik am Wahlkampf und allmählich steigender Nervosität in den eigenen Reihen zeigte sich die Partei ein Wochenende lang zufrieden, sogar mit sich selbst.

Höhepunkt der Feierlichkeiten war eine fast einstündige Rede von Kanzlerkandidat Steinbrück am Brandenburger Tor. Auf einer riesigen Bühne vor rund 150.000 Menschen rief Steinbrück am Sonnabendnachmittag gleich mehrfach: „Ich will Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden.“ Vom Ton her trat Steinbrück eher staatsmännisch auf, und den Namen von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ließ er gar unerwähnt. Auf Merkels Ignoranz-Politik angesprochen, hatte Steinbrück erst jüngst angekündigt, als Kanzler werde er in den Wahlkämpfen 2017 und 2021 seinen „CDU-Herausforderer“ ebenso wenig zur Kenntnis nehmen.

Inhaltlich bot Steinbrück wenig bis nichts Neues. Er deklinierte vielmehr das Programm der SPD für die Zeit nach der Wahl durch: NPD-Verbot, gleicher Lohn für Frauen und Männer, ein flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn, Gleichberechtigung Homosexueller, doppelte Staatsbürgerschaft. Steinbrück wetterte gegen die Waffenexporte unter der schwarz-gelben Regierung. Er verwies auf die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien, und rief: „Dieses Europa zusammenzuhalten wird Geld kosten.“ Der frühere Finanzminister verlangte ferner: „Wir müssen Banken heranziehen für eine Krise, die sie maßgeblich verursacht haben.“

Zustimmend nickten da die Mitglieder seines „Kompetenzteams“ und der SPD-Spitze, die sich hinter ihm auf der Bühne versammelt hat. Deutschland müsse gestaltet und dürfe nicht nur verwaltet werden, sagte Steinbrück. Die Regierung Merkel stehe für „politischen Stillstand“. Er wolle einen „Aufbruch für dieses Land“.

Der Parteivorsitzende Gabriel hatte vor Steinbrück das Wort ergriffen, und direkt die Kanzlerin attackiert. „Bei Frau Merkels Wahlkampfauftakt waren nicht einmal 1000 Menschen“, rief Gabriel der begeisterten Menge zu. Dass er die Regie des Festes innehatte, machte Gabriel auf seine Art und Weise deutlich. Nämlich vordergründig charmant, und doch macht- und etikettebewusst. „Peer, komm hoch“, rief Gabriel Steinbrück zu, „das ist jetzt Dein Rednerpult.“

Allzu hehre Ansprüche an die eigene (Regierungs-)Politik, der Hang zu Versprechungen, die interne Machtverteilung und die desolate Lage der SPD waren auf dem Deutschlandfest allemal symbolisch präsent. Beim Dosenwerfen ließen sich „NSU-Sumpf“, „Pkw-Maut“ und „Maklergebühren“ mit Geschick im Nu vom Tisch räumen. Auf Fragebögen wollte die SPD von ihren Gästen wissen, welche Ziele sie nach einer Regierungsübernahme „direkt“ umsetzen solle. „Soziale Standards für Europa“ ließen sich hier auswählen oder aber: „Schnelles Internet überall“. Linke Parteien neigen zu einem Hoffnungsüberschuss.

Auf einer Fotowand waren historische und gegenwärtige Köpfe der Sozialdemokratie abgebildet. Deren jeweilige Größe spiegelt, wer in den eigenen Reihen schon immer beliebt war – und wer momentan großen oder eben nur mittleren Einfluss besitzt.

Das größte Format war vorbehalten August Bebel und Willy Brandt, Steinbrück und Gabriel, und (der Quote sei Dank) der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Deren Kollegin Hannelore Kraft aus NRW mochte die SPD (noch) nicht auf Augenhöhe mit Brandt und Gabriel stellen. Krafts Konterfei war nur mittelgroß, übrigens so wie das von Olaf Scholz, Helmut Schmidt, Steinmeier und Klaus Wowereit. Wie bloß mag diese Fotowand schon im Spätherbst gestaltet werden?

Während sie die „Bremer Stadtmusikanten“ vorlasen, übten sich Gabriel, Hendricks, Steinbrück und Steinmeier in Harmonie. Keiner fiel dem anderen ins Wort. Als indes nach ihrer Lesung einer aus dem Publikum rief, nun mögen die Genossen doch die Pyramide der Stadtmusikanten nachbilden, offenbarten sich Differenzen.

„Da hab ich ja die günstigste Position“, rief Peer Steinbrück, der Hahn. „Ich muss schon mal weg“, meinte Frank-Walter Steinmeier, der Esel. Sigmar Gabriel, der Hund, verkündete derweil „die Moral von der Geschicht“, die für ihn lautet: „Totgesagte leben länger.“ Applaus im Lesezelt.