Flucht in Hamburg

Gefängnisausbruch bringt Senatorin in Bedrängnis

Spektakuläre Flucht aus der U-Haftanstalt. Mit einem Bettlaken seilte sich der Mann aus dem Fenster seiner Zelle im dritten Stock ab und überwand die gesicherten Mauern der mehr als 130 Jahre alten Anstalt.

Hamburg. Einem 25-jährigen mutmaßlichen Sexualstraftäter ist in der Nacht zu Sonnabend die spektakuläre Flucht aus der Untersuchungshaftanstalt am Holstenglacis gelungen. Mit einem Bettlaken seilte sich der Häftling gegen Mitternacht aus dem Fenster seiner Zelle im dritten Stock ab, überquerte ungesehen einen Gefängnishof und überwand die gesicherten Mauern der mehr als 130 Jahre alten Anstalt. Am U-Bahnhof Gänsemarkt verlor sich die Spur der Ausbrechers. Der Mann konnte bislang nicht gefasst werden.

Warum erneut einem Häftling die Flucht gelingen konnte, ist unklar. So hatten sowohl der optische als auch der akustische Alarm ausgelöst. Allerdings hatten weder die Streifen im Hof noch die Bediensteten in der Sicherheitszentrale einen Ausbruchsversuch erkannt. Sie vermuteten stattdessen Tiere als Alarmauslöser. Die Justizbehörde verweist darauf, dass im „Bereich des Hofes 1 derzeit Baumaßnahmen durchgeführt“ werden. Die Außensicherung werde erneuert. Erst Ende September sollen die Arbeiten beendet sein.

Vor diesem Hintergrund nehmen die kritischen Fragen an Hamburgs Justizbehörde zu. Die Grünen sehen in dem Ausbruch auch ein Versagen der zuständigen Senatorin Jana Schiedek (SPD): „An diesem Vorfall wird deutlich, dass die Investitionsplanung der Senatorin Schiedek falsche Schwerpunkte setzte und nun zu einem Sicherheitsproblem wird“, sagte der justizpolitische Sprecher der Grünen-Bürgerschaftsfraktion, Farid Müller. „Statt drei Millionen Euro in den überflüssigen und umstrittenen Umzug der Frauen von Hahnöfersand nach Billwerder zu stecken, wären diese Mittel allemal sinnvoller in den Flügel B der Untersuchungshaftanstalt investiert worden.“

Der Intensivtäter Thomas S. hatte das 20-minütige Feuerwerk zur Dom-Eröffnung genutzt, um im Schutze der Geräuschkulisse des Böller- und Raketendonners den Fensterrahmen und das Mauerwerk seiner Zelle im B-Flügel mit einem Besenstiel, einem Tischbein und dem Tafelbesteck zu lösen. Dann zwängte sich der nur etwa 1,70 Meter große Mann, der Mitte Juni eine 60-Jährige missbraucht hatte und seit Anfang Juli in U-Haft sitzt, durch das kleine Loch unterhalb des Fenstergitters, das er geschaffen hatte.

An seinem blauen Betttuch ließ er sich die ersten Meter am Zellentrakt hinuntergleiten und sprang in den Hof 1, der zur Holstenglacis liegt, gab der Sprecher der Justizbehörde, Tim Angerer bekannt. Der weitere Fluchtweg: „Über den Hof, durch eine Öffnung des inneren Ordnungszauns, dann hoch auf den Teil der Mauer, der mit einem Scanner gesichert ist und über eine Zwischenmauer beim Besuchszentrum“, dort passierte er den Klingendraht und sprang aus mehreren Metern auf die Straße. Nicht zuletzt bei dem waghalsigen Sprung muss sich der Ausbrecher verletzt haben. Die Blutspuren waren bis zum Gänsemarkt zu verfolgen. Der aktuelle Fall erinnert an den Ausbruch eines 25-Jährigen kurz vor Silvester 2007, der sich ebenfalls mit einem Bettlaken abgeseilt hatte, nachdem er ein Loch ins Mauerwerk gebrochen hatte.

Die Senatorin ließ nach dem Ausbruch die Gefangenen des B-Flügels, die ebenfalls zur Hof-1-Seite untergebracht sind, in andere Teile des Hauses verlegen. Zudem wurden die Streifen und Kontrollen verschärft.