Rot-Grün im Harmonietest

Erster gemeinsamer Auftritt der Spitzenkandidaten Steinbrück (SPD) und Göring-Eckardt (Grüne). Verstehen die sich?

Berlin. Peer Steinbrück und Katrin Göring-Eckardt wollten vor der Hauptstadtpresse Nähe demonstrieren – mit gemeinsamen Mindestlohnplänen einer rot-grünen Bundesregierung. Aber wie gut können der raue SPD-Kanzlerkandidat und die ruhige Grünen-Spitzenkandidatin wirklich miteinander? Der Auftritt zeigt, dass beide Seiten noch an der Beziehung arbeiten müssen. Ein Partnerschaftstest in fünf Kapiteln.

Freiheitsdrang

Die Rollen sind klar verteilt – nach eher traditionellem Muster: Der Herr kennt sich mit den Zahlen und mit der Wirtschaft aus, die Dame betont dagegen die Gerechtigkeits- und die Frauenfragen.

Steinbrück präsentiert sich als Ökonom mit Weitblick, als Herr der Zahlen und Kenner der konjunkturellen Zusammenhänge. Ein gesetzlicher rot-grüner Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde ab Februar 2014 sei ökonomisch vernünftig, sagt er. „Denn natürlich stärkt sich darüber die Kaufkraft.“ Göring-Eckardt lässt Steinbrück sein Terrain und funkt ihm nicht dazwischen. Die Kandidatin für das Bundesarbeitsministerium verlegt sich auf soziale Angelegenheiten. „60 Prozent der Niedriglöhner sind Frauen“, sagt sie, „deswegen geht es auch um eine Frage der Gleichstellung.“

Jeder darf sich auf seinem Gebiet verwirklichen, ohne dass ihn der andere einengt – so das Beziehungsmodell. Allzu groß aber soll die Nähe im Wahlkampf nicht werden: „Es gibt keine Koalition in der Opposition“, sagt Steinbrück. Weitere gemeinsame Auftritte seien aber natürlich nicht ausgeschlossen, sagt Göring-Eckardt.

Durchsetzungskraft

Steinbrück redet viel und lang. Er kommt von den rot-grünen Mindestlohnplänen zum früheren US-Präsidenten Roosevelt und wieder zurück zu einem 100-Tage-Programm. Göring-Eckardt fällt ihm nicht ins Wort. Aber sie achtet darauf, dass die Redezeit nicht allzu ungleich verteilt ist. Kaum eine Antwort Steinbrücks lässt sie ohne Ergänzung stehen – das grüne Selbstbewusstsein gegenüber der in den Umfragen schwächelnden SPD ist groß.

Dann kommt die Frage auf, wer in einer rot-grünen Bundesregierung Koch wäre und wer Kellner. Gerhard Schröder (SPD) hatte die Verhältnisse in seiner rot-grünen Koalition einst mit diesem Vergleich beschrieben. Die SPD war damals Koch, die Ökopartei Kellner. Steinbrück antwortet nun sehr artig: „Der Umgang wird sich orientieren an mitteleuropäischen Umgangsformen. Auf Augenhöhe.“

Göring-Eckardt reicht diese Höflichkeit aber offenbar nicht, sie setzt munter nach: „Können Sie eigentlich kochen?“ Und dann kommt die Frage, welcher Steinbrück ihr besser gefalle – der robuste Klartext-Politiker von früher oder der inzwischen weichgespülte Kanzlerkandidat? „Mir ist der Klartext-Steinbrück von heute sehr lieb“, sagt Göring-Eckardt und gibt damit zu verstehen, dass der SPD-Mann von heute tatsächlich nicht mehr derselbe ist wie der von früher.

Konfliktfreude

Der erste gemeinsame Auftritt soll nicht Schauplatz peinlicher Streitigkeiten werden. Deswegen haben die Wahlkampfstrategen ja auch den Mindestlohn als gemeinsames Lieblingsthema des SPD-Kanzleranwärters und der Grünen-Spitzenkandidatin ausgewählt

Doch dann kommen die aktuellen Enthüllungen um den US-Geheimdienst NSA zur Sprache und damit auch die Differenzen zwischen SPD und Grünen in der Frage der Vorratsdatenspeicherung. Göring-Eckardt erklärt wortreich, wie wichtig den Grünen die Datenerfassung zur Terrorismusbekämpfung sei, aber eine flächendeckende Datenspeicherung, das halte sie für unangemessen. Allerdings sehen das viele in der SPD ganz anders. Und Steinbrück spricht das auch aus: „Dass zwischen den Parteien Diskussionsbedarf besteht, das bezweifle ich ja gar nicht“, sagt er trocken.

Versöhnungsbereitschaft

Aber als unverbesserlicher Grünen-Fresser will Steinbrück auf der Wahlkampfbühne auch nicht hingestellt werden. In Erinnerung sind immer noch die Demütigungen, die er als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen zwischen 2002 und 2005 dem grünen Koalitionspartner zugefügt hatte.

„Das liegt zehn Jahre oder länger zurück“, sagt Steinbrück versöhnlich – und liefert ein Signal der ultimativen Wiedergutmachung: „Etwas anderes als eine rot-grüne Regierung kommt für mich nicht infrage.“ Göring-Eckardt nimmt die späte Entschuldigung an. Sie habe Respekt vor der langen Geschichte der Sozialdemokratie, antwortet sie auf die Frage, was die Grünen noch von der SPD lernen könnten.

Humorfaktor

Es ist Göring-Eckardt, die für die gute Laune zuständig ist. Sie blickt fröhlich in die Runde, während Steinbrück die Zähne zusammenbeißt. Sie ist es, die mit kleinen Witzchen die Laune hebt. Steinbrück sitzt anfangs ziemlich verspannt und taxiert mürrisch die Journalisten. Doch gelingt es Göring-Eckardt, ihn aufzumuntern. Und allmählich lässt Steinbrück sich auch ein wenig anstecken. Als er von den schlecht bezahlten Friseurinnen spricht, denen Rot-Grün einen Mindestlohn verspricht, erklärt er, dass ein Haarschnitt dann eben um ein oder zwei Euro teurer werden müsse. „Bei mir ist das einfach“, sagt er und greift sich grinsend an die Halbglatze. Göring-Eckardt nimmt die Vorlage auf: Sie streicht sich vielsagend durch ihr sorgfältig frisiertes Haar – nach dem Motto: Bei mir wird es ein bisschen teurer. Am Ende haben die beiden so etwas wie einen gemeinsamen Humor gefunden.