Senioren besonders gefährdet

Statistisches Bundesamt hat Unfallzahlen vorgelegt: Mehr als jeder vierte Verkehrstote war 65 Jahre oder älter

Berlin. Immer mehr ältere Menschen sind von tödlichen Verkehrsunfällen betroffen. Knapp 28 Prozent aller Unfalltoten im vergangenen Jahr waren Menschen über 65 Jahre. Zwar starben verglichen mit dem Vorjahr insgesamt fünf Prozent weniger Senioren auf deutschen Straßen. Der Rückgang ist jedoch nur halb so groß wie beim Durchschnitt aller Altersgruppen. Für ältere Verkehrsteilnehmer besteht nach den jungen Erwachsenen immer noch das zweithöchste Sterberisiko. Das gab der Präsident des Statistischen Bundesamtes (Destatis), Roderich Egeler, am Mittwoch auf einer Presskonferenz zur „Unfallentwicklung auf deutschen Straßen 2012“ in Berlin bekannt. Ältere Menschen sind gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil seltener an Unfällen mit Personenschaden beteiligt. „Sind sie aber als Fahrer eines Pkw in einen Unfall involviert, tragen sie in zwei Drittel der Fälle die Hauptschuld an dem Unfall, bei den über 75-Jährigen sind es sogar 75,6 Prozent“, so Egeler.

„Die Bemühungen, die Verkehrssicherheit auf deutschen Straßen zu erhöhen, sollten nicht nachlassen“, fordert Egeler. Bislang orientierten sich Maßnahmen für mehr Sicherheit vor allem aber an Verkehrsteilnehmern im Alter zwischen 18 und 24 Jahren, die die gefährdetste Gruppe im Straßenverkehr darstellten. So wurde im August 2007 für alle Fahranfänger vor Vollendung des 21. Lebensjahres beziehungsweise während der Führerschein-Probezeit ein Alkoholverbot eingeführt. Mit positivem Effekt: Zwischen 2006 und 2012 ging die Zahl der alkoholisierten 18- bis 20-jährigen Autofahrer bei Unfällen mit Personenschaden um 46,1 Prozent zurück. Nun wird aber gerade vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung in Deutschland deutlich, dass auch Maßnahmen für ältere Menschen getroffen werden müssen. Der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung steigt ständig.

Senioren sind heute zudem aktiver als frühere Generationen. Trotzdem steigt ihr Risiko, bei Verkehrsunfällen zu sterben, da mit zunehmendem Alter die körperliche Widerstandskraft nachlässt. Ein Appell könnte an die Automobilhersteller gehen: „Typische Seniorenunfälle entstehen oft durch Fehlverhalten in komplexen Fahrsituationen“, so Otto Wulff, Chef der CDU-Senioren-Union. „Hier können selbstständig arbeitende Fahrassistenzsysteme mit möglichst wenig Bedienungsaufwand helfen, die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Die Hersteller sollten die immer wichtiger werdende Zielgruppe der Senioren nicht mit technischem Schnickschnack überfordern.“

Insgesamt gab es im Jahr 2012 mit 3600 Personen die geringste Zahl an Todesopfern seit 1950. Mit einem Rückgang um 10,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr wurde die langfristige positive Entwicklung fortgesetzt. „Allerdings geben fast zehn Todesopfer im Straßenverkehr täglich keinen Anlass zur Entwarnung“, gab der Destatis-Präsident zu bedenken. Auch seien zum großen Teil die verhältnismäßig schlechten Witterungsbedingungen im vergangenen Jahr für die guten Zahlen verantwortlich, erklärte Ingeborg Vorndran, Referatsleiterin „Verkehrsunfälle“: Je schlechter das Wetter ist, desto vorsichtiger verhalten sich die Verkehrsteilnehmer. Zwar passieren bei Regen, Nebel und Glatteis mehr Unfälle, diese haben aber meist Sachschäden und seltener Personenschäden zur Folge.

Besonders hoch ist das Risiko eines tödlichen Unfalls auf Landstraßen: Im vergangenen Jahr starben dort 2151 Menschen. Viele Unfälle ereignen sich dabei in Kurven, weil der Fahrer die Kontrolle über den Wagen verliert. Deutlich weniger Menschen starben dagegen auf Autobahnen. Von den 3600 Verkehrstoten kamen dort 387 ums Leben. Die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Kinder unter 15 Jahren sank 2012 im Vergleich zum Vorjahr um 15,1 Prozent auf 73. Auch in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen ging die Zahl der Todesopfer deutlich um 17,1 Prozent auf 611 zurück. Dennoch ist das Risiko der jungen Erwachsenen, bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen, mit 92 Verkehrstoten je eine Million Einwohner mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt aller Altersgruppen.

Gestiegen ist im vergangenen Jahr die Zahl der Getöteten, die im Straßenverkehr auf Fahrrädern oder Kleinkrafträdern unterwegs wahren. Die Zahl der getöteten Fahrradfahrer stieg im Vergleich zum Vorjahr um knapp zwei Prozent auf 406, mit einem Mofa oder Moped verunglückten 93 Menschen tödlich und damit fast ein Drittel mehr als im Jahr 2011.

Ein Problem stellt auch das Verhalten vieler Verkehrsteilnehmer dar. Ein Großteil der Autofahrer (43 Prozent) meint, dass es auf deutschen Autobahnen eher aggressiv zugeht. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag des „Stern“. Demnach ist nur knapp ein Drittel der Befragten der Ansicht, es werde überwiegend rücksichtsvoll gefahren.

Im EU-Vergleich – bezogen auf die Zahl der Getöteten je eine Million Einwohner – belegt Deutschland lediglich Rang acht – 2010 war es noch der fünfte Platz. In Malta starben, gemessen an der Einwohnerzahl, die wenigsten Menschen im Straßenverkehr, gefolgt vom Vereinigten Königreich und Schweden. Am höchsten lag das Risiko, im Straßenverkehr zu sterben, in den osteuropäischen Ländern Polen, Rumänien und Litauen.