Wie der Islam Schule macht

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Kristian Frigelj

Nordrhein-Westfalen hat als erstes Bundesland moslemischen Religionsunterricht eingeführt. Das soll die Integration von Migranten fördern

Duisburg. Hüseyin Cetin sagt "Guten Morgen, Good morning, Günaydin, Sabahel-khair", und seine Schüler erwidern die Begrüßung auf Deutsch, Englisch, Türkisch und Arabisch. Die Viertklässler erzählen, wie sie das Ramadanfest verbracht haben. "Ich bin um 5.23 Uhr aufgewacht, habe gebetet, bin zur Moschee gegangen, habe noch mal gebetet, dann bin ich nach Hause gekommen, habe meinem Vater und meiner Mutter die Hände geküsst", berichtet der kleine Talhar. Danach habe es bei der Tante das Festessen gegeben.

Für die Kinder an der Gemeinschaftsgrundschule Sandstraße in Duisburg-Marxloh gehört es zum Schulalltag, mit Herrn Cetin über den Islam zu reden, arabische Wörter und Schriftzeichen zu üben. Neben der Tafel hängt ein Foto des Hagia-Sophia-Moschee-Museums in Istanbul, rechts steht eine Staffelei mit Bildern aus dem Gebetsteppich-Malwettbewerb. Herr Cetin hat auf die Tafel geschrieben: "Islamischer Religionsunterricht". Auf dem Schild neben der Tür steht noch das Wort "Islamkunde". Die Begriffsänderung hat historische Bedeutung: Als erstes Bundesland ermöglicht Nordrhein-Westfalen ab dem Schuljahr 2012/2013 regulären islamischen Religionsunterricht. Hamburg hat jüngst in einer Vereinbarung mit islamischen Verbänden einen ersten Schritt in diese Richtung getan.

"Ich bin jetzt ein richtiger Religionslehrer, endlich", sagt Herr Cetin. Der 54-Jährige hat in der Türkei islamische Theologie studiert und lehrt seit 13 Jahren die Grundlagen des Islam in Duisburg. Früher hieß es "islamische Unterweisung", dann wurde es in "Islamkunde" umbenannt. Das Ziel blieb dasselbe: muslimischen Kindern die Religion ihrer Eltern zu vermitteln, ihre kulturelle Herkunft näherzubringen, Wurzeln zu pflegen.

Der bekenntnisorientierte islamische Religionsunterricht (IRU) wird in NRW zunächst an etwa 30 Grundschulen eingeführt. Der islamische Unterricht sei nun "gleichgestellt mit katholischer und evangelischer Religion", betont die Leiterin der Duisburger Schule, Ulrike Settner-Reinhard. Auch spiegele er die soziale Struktur des Stadtteils Marxloh wider. Von fast 285 Kindern der Schule stammen 90 Prozent aus Migrantenfamilien. Der Islamunterricht sei "ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, um den Mitbürgern muslimischen Glaubens Wertschätzung entgegenzubringen", sagt die Schulleiterin. Lehrer Cetin muss künftig nicht mehr Neutralität wahren, sondern kann ebenso wie im christlichen Religionsunterricht Gebetsrituale auch im Klassenraum vermitteln.

Im Februar 2011 unterzeichnete NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) mit dem Koordinationsrat der Muslime, einer Dachorganisation muslimischer Verbände, eine Erklärung zur Einführung des Religionsunterrichts. Ende 2011 stimmte der Landtag der Einführung als ordentliches Lehrfach mit den Stimmen von CDU, SPD, Grünen zu, bei Ablehnung der Linksfraktion und Enthaltung der FDP. Damals sagte Löhrmann, es gehe "nicht schlicht darum, ein neues Lehrfach in der Schule anzubieten. Hier geht es vielmehr auch darum, ein integrationspolitisches Signal zu setzen und unsere Gesellschaft positiv zu verändern."

Ohne gesetzliche Sonderkonstruktion war dies jedoch nicht möglich, und daraus resultiert die Haltung von FDP- und Linke-Fraktion. Gemäß Grundgesetz ist nur anerkannten Religionsgemeinschaften ein regulärer Religionsunterricht erlaubt, doch die Muslime haben diesen Status noch nicht erreicht, was auch auf das Nebeneinander mehrerer muslimischer Verbände zurückzuführen ist. Deshalb wurde in NRW hilfsweise ein Beirat mit Vertretern der muslimischen Gemeinschaften und Islamwissenschaftlern gebildet.

Die FDP hält es für "verfassungsrechtlich höchst bedenklich", dass ein Beirat die Aufgabe übernehmen soll. Auch die katholische und die evangelische Kirche halten die Beiratslösung für problematisch. Beide kommen aber zu dem Schluss, dass ein zeitlich befristetes Modell politisch geboten sei beziehungsweise dass rechtliche Bedenken wegen der Dringlichkeit einer Anerkennung zurückgestellt werden könnten.

Die zunehmende Verankerung des Islam in der Bundesrepublik steht gerade in Duisburg-Marxloh im besonderen Kontrast zur schwindenden Bedeutung des Christentums. Herr Cetin kann aus dem Fenster seines Klassenzimmers die alte katholische Kirche St. Peter und Paul sehen. Sie sollte geschlossen werden, gläubige Bürger setzten sich für den Erhalt des Gotteshauses ein. Die Gemeinde der Marxloher Merkez-Moschee, deren Sprecher Cetin ist, half bei der Rettung. Die Kirche blieb von der Schließung verschont.