Ärzte begingen mindestens 6400 Kunstfehler

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Basil Wegener

Gutachterbilanz für das Jahr 2011. "Es gibt eine hohe Dunkelziffer", sagen Mediziner

Berlin. Tödliches Versagen im OP, fehlerhafte Diagnosen, falsche Pflege: Mindestens 6400 Patienten in Deutschland wurden im vergangenen Jahr Opfer ärztlicher Kunstfehler - Tendenz steigend. Allein die Krankenkassen stellten 4068 Behandlungsfehler in Kliniken und Arztpraxen fest. "Es gibt sicherlich eine hohe Dunkelziffer", sagt der Vize-Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes des Kassenspitzenverbands (MDS), Stefan Gronemeyer.

12 686 Fälle begutachteten die Ärzte des Medizinischen Dienstes nach Beschwerden von Patienten. Fast in jedem dritten Fall stellten Gutachter einen Fehler fest. "Wir haben eine leichte Zunahme der Vorwürfe", sagte Gronemeyer. Der Grund: Immer mehr Patienten sind wachsam und misstrauisch gegenüber den Ärzten. Die Fehlerquote selbst sei wohl nicht gestiegen. Hinzu kommen jene Fälle, in denen sich Patienten an Gutachterstellen der Ärzte wenden. Diese stellten 2011 in 2287 Fällen Ärztefehler fest - ergibt zusammen annähernd 6400.

Viele erwiesene Fälle sind gravierend - ein Beispiel aus der MDS-Bilanz: Nach einer Gallenblasen-Operation hatte ein 67-Jähriger immer weiter Bauchschmerzen. Erst bei einer Not-OP entdeckten die Chirurgen einen Riss im Dickdarm - der Mann hatte beim ersten Eingriff einen ungesicherten Keil verschluckt, der Bisse in den Beatmungsschlauch verhindern sollte. Der Patient starb.

Fast die Hälfte der Vorwürfe erhoben die Patienten gegen Chirurgen. Am häufigsten bestätigt wurden Fehler laut Kassen-Bilanz jedoch in der Pflege, bei Frauen- und Zahnärzten - etwa wenn unter einer Plombe der Zahn fault. Die Kliniken sind mit 8500 Vorwürfen weit häufiger betroffen als niedergelassene Ärzte mit 4200. Nach Eingriffen wegen Knie- und Hüftgelenksarthrose beschwerten sich die meisten Klinikpatienten, gefolgt von Karies, Ober- und Unterschenkelbrüchen, Zahnnervenentzündungen und Druckgeschwüren.

Der Vorsitzende der zuständigen Kommissionen und Stellen der Ärzteschaft, Andreas Crusius, betont allerdings: Angesichts von Abermillionen Klinik- und Praxisbehandlungen pro Jahr bewege sich die Fehlerzahl im Promillebereich.

Vom Patientenrechtegesetz der Koalition, das voraussichtlich Ende November abschließend im Bundestag gelesen werden soll, erhoffen sich Kassen Verbesserungen. Patienten sollen dann stets verständlich und umfassend über Behandlungen und Diagnosen informiert werden. Bei groben Fehlern muss der Arzt beweisen, dass der Fehler nicht den Schaden verursacht hat.