Investitionen in Ausbildung von Muslimen

Die neuen Gelehrten des Islam - Kirche unterstützt Frauen

Foto: Roland Magunia

Deutschland investiert viel, um muslimische Lehrer, Imame und Forscher auszubilden - auch Frauen. Doch nicht alle Konflikte sind ausgeräumt

Hamburg. "Vielen Dank für die Einladung zum Kaffee", sagt Noha Abdel-Hady, aber sie faste gerade. Es ist noch nicht viel los an diesem Morgen im Café dell Arte im Westflügel des Hauptgebäudes der Universität Hamburg. Die Herbstsonne scheint durch das gläserne Dach auf die runden Holztische im Foyer, und Noha Abdel-Hady findet kräftige Worte für das, was ihr der Glaube bedeutet. "Er ist für mich wie ein Wegweiser, um ein guter Mensch zu sein." Er sei ihr Leben.

Abdel-Hady kennt die Universität Hamburg gut, sie hat hier Islamwissenschaft studiert, und ab diesem Semester schreibt sie ihre Doktorarbeit über die Rolle weiblicher Gelehrter im Islam. Vor allem in Ägypten, dem Land, aus dem ihre Eltern kommen.

Und die 26 Jahre alte Abdel-Hady ist Teil eines großen Puzzles, das sich nach und nach in Deutschland zusammenfügt. Von Hamburg bis München entwickelt sich eine islamische Theologie - getragen von einem Bündnis aus Politikern und Stiftungen. Vier Zentren für Islam-Studien in Deutschland nehmen in diesem Wintersemester ihren Betrieb auf. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert die Standorte Münster und Osnabrück, Tübingen, Frankfurt und Erlangen in den nächsten fünf Jahren mit jeweils vier Millionen Euro. Mit dem Geld sollen Forscher, Mitarbeiter und Nachwuchskräfte bezahlt werden. Die Hochschulen bilden nun Imame, Theologen und Religionslehrer aus.

Auch die Universität Hamburg hat seit diesem Wintersemester erstmals eine Professur für Islamische Theologie. Die Wissenschaftlerin Katajun Amirpur wechselt von Zürich in die Hansestadt an die Akademie der Weltreligionen. Die Stadt fördert die Akademie jährlich mit 150 000 Euro.

Deutschland diskutierte in den vergangenen Monaten laut darüber, ob und wie viel Islam zu diesem Land gehört. Bundespräsident Christian Wulff und Finanzminister Wolfgang Schäuble bejahen den Islam als Teil des Landes klar, Innenminister Hans-Peter Friedrich ist sich da nicht so sicher.

Die Vertreter der Kirchen begrüßen die Initiative der Regierung. Sie sehen, so die offizielle Lesart, den Dialog zwischen den Theologen der verschiedenen Religionen durch die Islamzentren gestärkt. Doch Kritiker vermuten hinter der Unterstützung auch Eigennutz der Kirche, schließlich würde ihr Widerstand gegen islamische Gelehrte auch die laizistischen Stimmen lauter werden lassen, die Religion ganz aus Hörsälen und Klassenzimmern ausschließen wollen - egal ob Christentum, Islam oder Buddhismus.

Dabei ist der Islam in deutschen Klassenzimmern längst am Entstehen. In Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen soll bekenntnisorientierter Islamunterricht 2012 zum normalen Schulfach werden, andere Bundesländer wie Bayern proben ihn derzeit in Modellprojekten. Um das Fach deutschlandweit zu etablieren, werden nach Schätzungen des Bildungsministeriums mindestens 2000 Lehrer benötigt. 700 000 muslimische Kinder und Jugendliche gehen derzeit hierzulande zur Schule. Und um neue Pädagogen auszubilden, braucht es neue Wissenschaftler.

Wenn Noha Abdel-Hady über ihre Promotion spricht, dann erzählt sie auch von ihrer Mutter. Du bist eine Frau, du bist etwas Besonderes, habe sie ihr als junges Mädchen gesagt. "Als ich erwachsen wurde, habe ich gemerkt, dass die Realität in der muslimischen Gesellschaft diesem Selbstverständnis oft widerspricht", sagt Abdel-Hady. Mit ihrer Forschung über islamisch-feministische Theologie in arabischen Ländern betritt sie wissenschaftliches Neuland. Bis weit in das 14. Jahrhundert hinein prägten Frauen theologische Schulen für islamisches Recht. Erst die patriarchalisch dominierte Gesellschaft habe die Frauen in ihren Rechten zurückgedrängt, erzählt Abdel-Hady.

Redet sie von ihrer Doktorarbeit, balanciert Abdel-Hady die Gedanken genau aus, bevor sie diese dem Gesprächspartner präsentiert. Ihre Stimme ist zurückhaltend, aber ausdrucksstark. Das rosafarbene Tuch liegt eng an ihrem Kopf, es umschließt ihr Gesicht wie ein Bilderrahmen. Abdel-Hady nennt das Kopftuch ihre Krone.

Wie auch bei sechs jungen Wissenschaftlern an anderen Unis in Deutschland wird ihre Stelle in Hamburg von der Stiftung Mercator finanziert. Mit einem Etat von 3,6 Millionen hat die Stiftung ein Graduiertenkolleg für die kommenden sechs Jahre aufgebaut.

Zu den Aufgaben der Theologie gehöre es, die Religion in die Gegenwart zu übersetzen, sagt Bildungsministerin Annette Schavan (CDU). Dies könne islamische Theologie leisten, neben der Ausbildung von Imamen und Lehrern. "Das ist besonders in einer Metropole wie Hamburg, wo viele Muslime leben, sehr wichtig", so die Ministerin.

Wer den Kanon der Befürworter einer islamischen Theologie in Deutschland zu einer Stimme vereint, hört vor allem zwei Ziele heraus: eine bessere Integration der Muslime und eine Maßnahme gegen Extremismus im eigenen Land. Als Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) noch Innenminister war, bezeichnete er die Ausbildung von Islamlehrern an deutschen Hochschulen als eine "wirksame Immunisierung" gegen Extremisten. Darin schwingt auch der Wunsch nach dem allseits werbewirksam proklamierten "Euro-Islam" mit, einem modernen Islam, der dem extremen Islamismus absagt und sich den westlichen Grundwerten verpflichtet.

Doch dieser Wunsch hat Tücken. Der Staat verspricht sich den Erhalt des sozialen Friedens durch Unterrichtsinhalte, die er per Grundgesetz gar nicht bestimmen darf. Denn Staat und Kirche sind in Deutschland getrennt. Bei der katholischen und evangelischen Theologie entscheiden Vertreter der Religionsgemeinschaft über die Grundsätze der Lehre, die Mitsprache der Kirche bei der Ausbildung von Pfarrern und Lehrern ist in Verträgen zwischen Staat und Religionsgemeinschaft geregelt.

Doch die islamischen Verbände sind in Deutschland nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt, mit Ausnahme der Aleviten. Wer also bestimmt über die Inhalte: Schiiten? Sunniten? Die Islamzentren haben als Notlösung nun Beiräte berufen, die weitgehend die Funktion übernehmen wie die Kirchen bei den Christen - sie entscheiden über Inhalte und Dozenten mit. Doch dort sitzen auch Vertreter der muslimischen Verbände. Und sie gelten vielen als konservativ. Liberale Islamwissenschaftlerinnen wie Lamya Kaddor befürchten, dass sie die moderne Ausrichtung der Lehre nicht akzeptieren werden.

Auch die neue Hamburger Professorin Katajun Amirpur sieht die Gefahr, dass die Beiräte zu viel Einfluss auf die Forschung nehmen. Doch die Deutsch-Iranerin gibt zu bedenken, dass die verschiedenen Gemeinden einbezogen werden müssen in die Arbeit der Islamzentren. "Es macht keinen Sinn, Lehrer auszubilden, die von den Gemeinden nicht akzeptiert werden", sagt sie.

In Deutschland gibt es etwa 2000 Imame, viele von ihnen stammen aus der Türkei und haben nur geringe Deutschkenntnisse. Das Beiratsmodell sei ein Kompromiss, sagte der Osnabrücker Islam-Professor Bülent Ucar der "Süddeutschen Zeitung". Ihn sorgt eine andere Frage viel mehr. Gibt es überhaupt genug qualifizierte Dozenten aus Deutschland für die Islamzentren?

Am Zentrum in Tübingen war die Professur noch bis drei Wochen vor Beginn der Vorlesungen unbesetzt. Und auch in Osnabrück kommen die Lehrenden derzeit vor allem aus dem Ausland - Sarajewo, Istanbul, Kairo. Doch auch das soll nur eine Übergangslösung sein. Man hätte schon so viele Jahre Imame nach Deutschland importiert, man solle nun nicht noch jahrelang die Gelehrten importieren, sagt Ucar.

Noha Abdel-Hady ist kein Import. Sie ist in Hamburg geboren. Im Hamburger Verein Verikom hat sie neben ihrem Studium noch eine Ausbildung zur Antidiskriminierungstrainerin gemacht. Schon jetzt gibt sie jungen Mädchen und Frauen in ihrer Freizeit Religionsunterricht. Wenn sie bald auch an der Universität unterrichtet, gehe es nicht darum, Menschen zum Islam zu bekehren, sagt sie. Sondern darum, Religion zu erkunden. Mit Glauben und den Werkzeugen der Wissenschaft, sagt sie dann noch. Abdel-Hadys Worte klingen sehr nach dem, was sich Bildungsministerin Schavan so vorstellt.