Merkels Vater Horst Kasner gestorben

Er war Pastor in Hamburg und übersiedelte in die DDR - Kanzlerin sagte alle Termine ab

Hamburg/Berlin. Schon als die Mauer fiel, hatte Pastor Horst Kasner einen bewegten Lebensweg hinter sich. Geboren 1926 in Berlin-Pankow, Studium in Heidelberg und Hamburg, eine Vikar-Stelle an der Winterhuder Epiphanienkirche - und dann 1954 der Wechsel von West nach Ost in die DDR. Der Tod des Landpfarrers Horst Kasner am Freitagabend im Alter von 85 Jahren ist mehr als eine Fußnote in der deutsch-deutschen Geschichte. Er war der Vater von Bundeskanzlerin Angela Merkel, 57. Merkel, ihre Mutter sowie die beiden Geschwister trauern um das Familienoberhaupt.

Die Kanzlerin hat deshalb am Sonnabend alle Termine abgesagt. Dazu gehörten Auftritte im Landtagswahlkampf von Mecklenburg-Vorpommern und der erste Spatenstich für ein Museum der Künstlerkolonie Ahrenshoop. Der verstorbene Horst Kasner lebte mit seiner Frau Herlind in Templin im Nordosten Brandenburgs. Dort in der Uckermark hat auch Merkel mit ihrem zweiten Mann Joachim Sauer eine Wochenend-Datsche.

Einen Tag, bevor Merkel im Eimsbütteler Elim-Krankenhaus geboren wurde (17. Juli 1954), war ihr Vater nach Quitzow in Brandenburg aufgebrochen, um eine neue Pastorenstelle anzunehmen. Er ging in die damalige DDR, um den Pfarrermangel zu beheben. Das sozialistische Regime hielt er für gottlos. Seine Frau Herlind blieb mit der Tochter noch sechs Wochen bei Herlinds Mutter Gertrud Jentsch in der Isestraße 95, ehe sie nachkam. Denn die Winterhuder Wohnung war bereits gekündigt. Mehrfach besuchten Mutter und Tochter später noch den Hamburger Zweig der Familie. Mauer und Todesstreifen zwischen den beiden deutschen Staaten gab es damals noch nicht.

Merkels Vater leitete über viele Jahre das evangelische Pastoralkolleg in Templin. Er zählte zu den Reformern und gehörte zur Bewegung "Kirche im Sozialismus". Diese Männer Gottes predigten einen offenen Umgang mit ihrem diktatorischen Staat, in dem für die Kirche kein Platz vorgesehen war. Kasner zählte zum sogenannten Weißenseer Arbeitskreis. Den Anwerbeversuchen der DDR-Staatssicherheit soll er widerstanden haben. 1957 bekamen die Kasners den nächsten Nachwuchs: Sohn Marcus wurde geboren. 1964 kam noch Tochter Irene zur Welt.

In der Wendezeit 1989/1990 favorisierte er anfangs eine eigenständige, reformierte DDR. Nach der Wiedervereinigung leitete er noch vier Jahre das Pastoralkolleg in Templin, ehe er in den Ruhestand ging. Damit war seine Arbeit nicht beendet, denn er engagierte sich noch für Jugendliche in Brandenburg, gegen Rechtsextreme und gegen das sogenannte Bombodrom. In Nordbrandenburg sollte ein Schießplatz für die Bundeswehr entstehen, gegen den sich Anwohner heftig wehrten.

Merkels Mutter, eine Lehrerin, gab auch nach ihrer Pensionierung noch Englischunterricht an der Volkshochschule in Templin. Beide kümmerten sich um die alte Gutskirche von Alt Pacht. Zu DDR-Zeiten war das "Kirchlein im Grünen" verfallen. Noch in diesem August hatte Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) bei einem Besuch der Uckermark auf die Leistungen Kasners und seines Fördervereins für die Kirche hingewiesen. In der Kirche hatte Kasner auch noch Paare getraut.

Angela Merkels Eltern haben die Öffentlichkeit gemieden, so gut es ging. Bei der Vereidigung der ersten ostdeutschen Kanzlerin im Jahr 2005 und bei der Wiederwahl 2009 waren sie allerdings auf der Besuchertribüne des Bundestags zu sehen.

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