Bahr: Brandts Kniefall in Warschau in der heutigen Politik nicht vorstellbar

Berlin. Der SPD-Politiker Egon Bahr sieht für Gesten wie den Kniefall von Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) vor 40 Jahren in Warschau in der heutigen Politik keinen Anlass. "Dazu gibt es weder die Politik noch die Politiker. Heute wird Politik viel pragmatischer, viel nüchterner gemacht. Aber damals ging es noch um viel grundsätzlichere Fragen", sagte der 88-Jährige dem Berliner "Tagesspiegel am Sonntag".

Den Kniefall Brandts vor dem Ehrenmal für die Aufständischen des Warschauer Gettos am 7. Dezember 1970 nannte Bahr "atemberaubend". Brandt habe ihm später gesagt, "er habe in dem Moment, als er da vor der Schleife stand, gedacht: ,Bloß den Kranz niederlegen, das reicht nicht'". "Ich dachte: Dass einer, der frei von persönlicher Schuld ist, die geschichtliche Schuld seines Volkes bekannte, ist eine atemberaubende Seite", sagte Bahr. Mit seiner Geste in Warschau leitete Brandt die Versöhnung mit Polen ein.