Familienpolitik

Ministerpräsident Böhmer fordert katholische Zuwanderer

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Jochen Gaugele und Karsten Kammholz

Foto: dpa / dpa/DPA

Sachsen-Anhalts CDU-Regierungschef Wolfgang Böhmer beklagt die niedrige Geburtenzahl. Gründung einer Familie komme aus der Mode.

Magdeburg. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) hat sich für verstärkte Zuwanderung von Katholiken nach Deutschland ausgesprochen, um der demografischen Entwicklung entgegenzuwirken. "Die Geburtenrate ist so weit gesunken, dass wir ohne Zuzug von außen eine langsam absterbende Bevölkerungsgruppe wären", sagte Böhmer im Abendblatt-Interview. "Deutschland ist angewiesen auf Zuwanderung aus Gegenden, in denen es noch zum Lebensverständnis gehört, Kinder zu bekommen. Dabei denke ich vor allem an sehr katholische Regionen."

+++DAS KOMPLETTE INTERVIEW MIT WOLFGANG BÖHMER+++

Die Gründung einer Familie komme immer mehr aus der Mode, beklagte der Regierungschef. "Das Gefühl, dass Kinder das eigene Leben reicher machen, ist in Deutschland nicht sehr verbreitet." Der Stellenwert der Familie in der Gesellschaft sei dramatisch gesunken. "Die Politik muss im öffentlichen Bewusstsein ein Klima dafür schaffen, dass Kinder mehr sind als eine materielle Belastung", forderte er. Vor allem bei Männern, deren Kinderwunsch geringer ausgeprägt sei als der von Frauen, sei Überzeugungsarbeit zu leisten.

Im vergangenen Jahr ermittelte die europäische Statistikbehörde Eurostat, dass Frauen in Deutschland durchschnittlich 1,38 Kinder bekommen. In stärker katholisch geprägten Ländern wie Irland oder Frankreich liegt der Wert bei 2,1 beziehungsweise 2,0.

Böhmer lobte den entlassenen Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin, der mit umstrittenen Thesen eine Integrationsdebatte angestoßen hatte. "Über vieles, was Sarrazin schreibt, kann man durchaus ernsthaft diskutieren." Der vom Parteiausschluss bedrohte SPD-Politiker habe "ein konservatives Werteverständnis". Mit Querdenkern habe jede Partei ihre Schwierigkeiten, so Böhmer. "Dafür sind sie eine Bereicherung der Gesellschaft."

Der Ministerpräsident warnte vor der Gründung einer Partei rechts der Union. "Die Gefahr, dass in Deutschland eine rechtspopulistische Partei entsteht, besteht immer - auch wenn derzeit nicht erkennbar ist, wer sie anführen könnte", sagte Böhmer. "Wir müssen permanent auf der Hut sein und alles unternehmen, um die Gründung einer Partei rechts der Union zu verhindern."

Die Kritik des früheren Unionsfraktionsvorsitzenden Friedrich Merz, die CDU sei noch nie so beliebig und orientierungslos gewesen wie heute, teile er "nicht in dieser Schärfe", äußerte Böhmer. Die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel bezeichnete er als "wertkonservativ".

Merkel wies ihrerseits den Vorwurf zurück, ihre Partei vernachlässige ihre konservativen Wurzeln. "Jedes Mitglied kann sich mit seiner Persönlichkeit in unserer Partei voll entfalten", sagte die Kanzlerin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Sie befürchte nicht, dass rechts von der Union eine neue Partei gegründet wird. "Wir dürfen Missstände nicht nur beschreiben, wir müssen die Probleme lösen, dann brauchen wir uns über neue Parteien an den Rändern keine Sorgen zu machen", sagte sie. Es sei an den "demokratischen Parteien, Neugründungen am rechten wie linken Rand durch unsere Politik zu verhindern".

Auf die Frage, wer in der CDU den Konservativen das Gefühl vermitteln könne, dass sie ihre politische Heimat ist, sagte Merkel: "Vorneweg ich als Parteivorsitzende." Außerdem nannte sie den Unionsfraktionsvorsitzenden Volker Kauder, den neuen hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier und den Innenpolitiker Wolfgang Bosbach.

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