Mut zur Freiheit

Bärbel Bohley führte 1989 den Protest gegen das SED-Regime an. Mit 65 Jahren starb sie in Berlin

Berlin. Wer den freien Geist von Bärbel Bohley verstehen will, muss zurückgehen zum 9. November 2009. Damals feierten die Deutschen den 20. Jahrestag des Mauerfalls. Es gab Gottesdienste, die Kanzlerin hielt eine Rede, Hillary Clinton war da, Jon Bon Jovi sang vor dem Brandenburger Tor. Und Bärbel Bohley? Sie ging nicht hin. Weil sie das historische Ereignis doch nicht nachspielen wolle. Weil sie die Feier an die Kampagnen in der DDR erinnerten.

Bärbel Bohley sagte, was sie dachte. Bis zum Schluss. Und vor allem am 4. November 1989, als eine Million Menschen auf dem Alexanderplatz ihrer Rede zuhörten. Die DDR, gerade 40 Jahre alt geworden, stand der größten Opposition überhaupt gegenüber: dem eigenen Volk. "So, jetzt können wir gehen, jetzt ist alles gelaufen. Die Revolution ist unumkehrbar", sagte sie am Ende ihrer Rede. Bohley behielt recht. Im September 1989 gehörte die Malerin zu den Gründern der Bürgerbewegung "Neues Forum" und war eine der Persönlichkeiten der Wende. Schon Mitte der 80er war ihre Wohnung in Berlin Treff von Oppositionellen. Mehrfach wurde Bohley wegen ihrer Aktivitäten inhaftiert.

Bohley war nie in einer Partei. Das Ideologische liege ihr nicht, erklärte sie einmal. Und doch lebte sie für die Politik. Und für die Gerechtigkeit. Nach dem Mauerfall stritt Bohley dafür, dass alte Kader und Stasi-Leute nicht wieder Oberwasser bekommen. Sie hungerte für die Offenlegung der Stasi-Akten. Wie viele Bürgerrechtler war sie enttäuscht über eine unzureichende juristische Aufarbeitung des DDR-Unrechts. Bohley brachte das so auf den Punkt: "Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat."

1996 ging sie nach Kroatien und baute mit Freunden ein Ferienheim für Kriegskinder. Es waren die Erzählungen ihres Vaters aus dem Zweiten Weltkrieg, die sie zur überzeugten Pazifistin werden ließen. Vor ihrem Tod wünschte Bohley sich, dass ihre Projekte weiterlaufen. Am Sonnabend starb sie mit 65 Jahren an Krebs in Berlin.