EU-Kommissarin will Siegel für Fischprodukte

Maria Damanaki plant radikale Reform der europäischen Fischereipolitik und strengere Regeln für Fangquoten. Heute ist sie in Hamburg

Hamburg. Die EU-Kommissarin für maritime Angelegenheiten und Fischerei, Maria Damanaki, hat vor ihrem heutigen Besuch in Hamburg die Einführung eines europäischen Umweltsiegels für nachhaltig gefangenen Fisch angekündigt. Dem Abendblatt sagte sie: "Für die anstehende europäische Fischereireform werde ich ein solches Gütesiegel vorschlagen."

Damanaki betonte: "Das Siegel wird der Fischereiwirtschaft einen wichtigen Anreiz geben, noch mehr auf Nachhaltigkeit zu achten." Das Siegel soll nur auf den Fischprodukten zu sehen sein, die den europäischen Mindeststandards entsprechend gefangen wurden. Es soll das bereits angewandte und weithin anerkannte MSC-Siegel des Marine Stewardship Councils jedoch nicht ersetzen. Zuvor hatte sich Ernährungsministerin Ilse Aigner (CSU) dafür ausgesprochen, in der EU den rechtlichen Rahmen für ein Fischereiumweltsiegel zu schaffen.

Die aus Griechenland stammende Damanaki wird heute mit Mitgliedern des Hamburger Senats zusammenkommen und danach am weltweit ersten maritimen Umweltgipfel "gmec" teilnehmen. Die Kommissarin sagte, die Überfischung der europäischen Meere sei das größte Problem, mit dem sie bei ihrem Amtsantritt im Februar konfrontiert worden sei. Sie kündigte einen umfassenden Kurswechsel bei der Fischereipolitik an. "Wir müssen die Fischereipolitik radikal umkrempeln", sagte die Kommissarin. Fischfang dürfe in Zukunft nur auf wissenschaftlichen Grundlagen zu möglichen Fangmengen stattfinden. "Gleichzeitig müssen die Fangmethoden effektiver werden, und wir brauchen bessere Kontrollen", so Damanaki. "Wir müssen sicherstellen, dass auch unsere Kinder Fisch essen können und dass das biologische Gleichgewicht bewahrt bleibt."

Die Fischereikommissarin will im kommenden Jahr eine Reform vorlegen, um bei der zukünftigen Festlegung der Fangquoten strengere Methoden zur Anwendung bringen zu können.

Für diese Reform brauche sie "viel Unterstützung aus den EU-Mitgliedstaaten", so Damanaki. Ihre Ziele: "Die Fischereipolitik soll einfacher, nachhaltiger und weniger zentralistisch werden." Nach jetziger Regelung werden die Fangquoten jedes Jahr auf Grundlage von Vorschlägen der Kommission von den EU-Fischereiministern festgelegt. Betroffen sind die Ostsee, der Nordostatlantik - die Nordsee eingeschlossen - und das Schwarze Meer. Bei ihren Quotenvorschlägen stützt sich die EU-Kommission auf wissenschaftliche Gutachten zweier internationaler Expertengremien.

Einen Appell an die europäische Bevölkerung, weniger Fisch zu konsumieren, hält Damanaki für verfrüht. "Die EU ist der größte Fischimporteur der Welt. Anstatt weniger Fisch zu essen, ist es wichtiger, dass wir nachhaltig fischen." Angesichts des dramatischen Rückgangs von Heringen in der Ostsee forderte die Kommissarin: "Die Fangmengen für den Hering müssen sinken." Es müssten in diesem Jahr Fangmengen für 2011 festgelegt werden, die auch von den wissenschaftlichen Gutachten gestützt werden, so Damanaki weiter. "Nur so können wir die Bestände für die Zukunft sichern." Im vergangenen Jahr hatte die Europäische Kommission für den Hering in der westlichen Ostsee ein Minus von 21 Prozent vorgeschlagen, um die Bestände zu schonen. Die Fischereiminister beschlossen danach, die Fangmengen für Hering in der westlichen Ostsee aber nur um 16,5 Prozent zu senken.