Genossen vor der Gretchenfrage

In der SPD gründen Laizisten einen eigenen Arbeitskreis. Christen-Sprecher Thierse empört

Hamburg. Die Grünen haben welche, die Linken auch und die CDU sowieso: Mitglieder, die sich zu ihrem Glauben bekennen und sich deshalb in Gruppen zusammengeschlossen haben. In der SPD, in der bislang nicht nur christliche, sondern auch jüdische Genossen in einem eigenen Arbeitskreis tätig sind, soll es bald auch das genaue Gegenteil geben: eine Lobby für Konfessionslose, den Arbeitskreis "Laizistinnen und Laizisten in der SPD". Das zumindest wünscht sich Nils Opitz-Leifheit, parlamentarischer Berater im Landtag von Baden-Württemberg.

Eine Gründungsversammlung hat es schon gegeben, das Ergebnis ist ein Zehn-Punkte-Programm mit einem zentralen Ziel: der strikten Trennung von Staat und Religion. Im Detail bedeutet das: keine religiösen Symbole in Klassenzimmern, keine Finanzprivilegien für die beiden großen Kirchen, kein ordentlicher Religionsunterricht an Schulen mehr. Jetzt muss noch der Parteivorstand zustimmen, ob die Laizisten ihre Arbeit aufnehmen dürfen. "Die Konfessionsfreien stellen mit mehr als 34 Prozent inzwischen die größte weltanschauliche Gruppe neben den jeweils nur noch 29 Prozent Katholiken und Protestanten in Deutschland", begründet Opitz-Leifheit sein Anliegen. Diese Menschen zu ignorieren, das sei parteipolitisch unklug.

Ganz anders sieht das SPD-Urgestein Wolfgang Thierse. Gegenwärtig ist er auch Sprecher des Arbeitskreises "Christinnen und Christen in der SPD" - und über den Vorstoß seiner kirchenlosen Genossen düpiert. "Das Programm der Laizisten ist das Programm eines kämpferischen Atheismus", sagte er dem Abendblatt. "Ich warne die SPD davor, zu einer atheistischen und antireligiösen Partei zu werden."

Jedoch gibt es offenbar genug Sozialdemokraten, die der neuen Weltlichkeit durchaus etwas abgewinnen können. 300 Interessenten gibt es laut Opitz-Leifheit, darunter auch den Bundestagsabgeordneten Carsten Schneider, Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig oder die Vorstandsprecherin der KfW-Bankengruppe, Ingrid Matthäus-Maier. "Nun sag, wie hast du's mit der Religion?" wollte Gretchen von ihrem Faust in Goethes gleichnamiger Tragödie wissen. Eine Frage, die die Wähler künftig auch ihren SPD-Abgeordneten stellen könnten.

Die beiden großen Kirchen indes sehen den Laizisten-Vorstoß zunächst gelassen: "Die katholische Kirche hat grundsätzlich ein gutes Verhältnis zur SPD und wir gehen davon aus, dass das unabhängig von diesem eventuellen neuen Arbeitskreis auch so bleibt", ließ die Deutsche Bischofskonferenz gestern auf Abendblatt-Anfrage wissen. Oberkirchenrat Reinhard Mawick, Sprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland, sagte dem Abendblatt: "Natürlich sind wir darüber nicht übermäßig erfreut, aber wir leben in einem freien Land." Sicherlich werde es in einigen Punkten nicht zu einer Übereinstimmung kommen. "Man muss sehen, wie sich die Sache entwickelt."

Thierse jedoch sieht die Gefahr einer "künstlichen Distanz" durch das Laizisten-Programm. "Die SPD hat mit den beiden großen Kirchen immer in einem freundlich-sachlichen Verhältnis zusammengearbeitet. Dieses Verhältnis sollte unbedingt beibehalten werden."