Joker im Poker um Schloss Bellevue

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Peter Ulrich Meyer

Hamburgs Altbürgermeister Henning Voscherau war als Bundespräsident im Gespräch

Hamburg/Berlin. Eigentlich fühlt sich Hamburgs Altbürgermeister Henning Voscherau (SPD) in seinem einstweiligen politischen Ruhestand ganz wohl. Gelegentlich meldet sich der 70-Jährige, der als Rechtsanwalt in der Kanzlei seines Sohnes arbeitet, eloquent und meinungsstark zu aktuellen politischen Debatten zu Wort.

Am vergangenen Wochenende, als das politische Berlin nach dem Rücktritt von Christian Wulff gewissermaßen auf offener Bühne um ein neues Staatsoberhaupt rang, war Voscherau für einen Wimpernschlag der Geschichte plötzlich wieder mittendrin. Noch dazu, ohne etwas davon zu ahnen.

Nach Informationen des Abendblatts war Voscherau, der in Hamburg von 1988 bis 1997 regierte, der Joker der SPD im Poker um Schloss Bellevue, den Sitz des Bundespräsidenten. Und das kam so: Am Sonntag hatte sich die schwarz-gelbe Bundesregierung schon einigermaßen verkämpft bei dem Versuch, einen gemeinsamen Kandidaten zu finden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) traf mit keinem Vorschlag auf Zustimmung beim Koalitionspartner FDP. Und: Sie beharrte auf der Ablehnung von Joachim Gauck.

Das war die Stunde des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel, der Kontakt zu den Liberalen aufnahm. Sie waren bereit, Joachim Gauck, den Vorschlag von SPD und Grünen, zu unterstützen. Das sickerte im Laufe des Nachmittags durch und besserte Merkels Laune keinesfalls. Aber Gabriel, FDP-Chef Philipp Rösler und FDP-Bundestags-Fraktionschef Rainer Brüderle hatten einen Plan B. Falls die Bundeskanzlerin bei ihrem harten Nein zu Gauck bliebe - womit alle Insider rechneten -, sollte Henning Voscherau der neue Vorschlag von SPD und FDP sein. Den angesehenen Sozialdemokraten aus Hamburg, so das rot-gelbe Kalkül, würde Merkel nicht ablehnen können.

Bis 18.30 Uhr am Sonntagabend sah es so aus, als ob Voscherau der neue Bundespräsident werden könnte. Wie gesagt, ohne dass er irgendetwas davon wusste. Voscherau und seine Frau verbrachten den Nachmittag mit ihrem Enkel zu Hause in Wellingsbüttel. Kein Telefon klingelte.

Erst Merkels völlig überraschendes Einknicken machte Plan B zunichte. Zwei Stunden später schlug die Kanzlerin den Pastor aus Rostock, genervt in die Fernsehkameras blickend, als neuen Präsidenten vor. Voscherau äußert sich zu den Berliner Vorgängen nicht. "Ich bin ganz entspannt und mit Joachim Gauck sehr einverstanden", sagte er bei der Talkrunde "Über Hamburg" am Mittwoch lediglich. Und eben das: "Der Parteivorsitzende hat mich im Nachhinein über die Abläufe informiert."

Dass Gabriel Voscheraus Namen ins Spiel brachte, ohne ihn darüber zu informieren, zeigt eine gewisse Chuzpe. Gabriel vertraute offensichtlich darauf, dass ihn Voscherau nicht im Regen stehen gelassen hätte, falls es zum Schwur gekommen wäre. Dabei ist es durchaus eine offene Frage, ob die Berliner an einem Bundespräsidenten Voscherau Gefallen gefunden hätten. Mit seinen Wortmeldungen liegt er häufig quer zur Parteimeinung. Vor wenigen Tagen sprach sich Voscherau in der "Hamburger Morgenpost" für die Direktwahl des Bundespräsidenten und mehr Macht für das Amt aus. Das ist derzeit nicht gerade Berliner Mainstream.

Vielleicht hat es insofern sein Gutes, dass Voscherau auch in Zukunft mit seinem Enkel spielen kann.