Abschied eines Außenseiters

Für den Großen Zapfenstreich kam der zurückgetretene Bundespräsident Horst Köhler noch einmal ins Schloss Bellevue

Berlin. Es sollte dunkel sein. Und so war es 22 Uhr, als Horst Köhler in den Schlosspark seines früheren Amtssitzes Bellevue trat. Der Große Zapfenstreich der Bundeswehr wurde sein offizieller Abschied. An dem Zeremoniell, das nur zu Ehren ausscheidender Bundespräsidenten, Bundeskanzler und Verteidigungsminister gefeiert wird, nahmen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Guido Westerwelle (FDP) teil. Die Ehrenformation der Bundeswehr marschierte auf. Das Stabsmusikkorps der Bundeswehr spielte zwei Märsche, dann kam der "St. Louis Blues", in dessen zweiter Strophe es heißt: "Wenn's mir morgen geht wie heute, dann pack ich meinen Koffer und mach mich aus dem Staub." Während der gut halbstündigen Feier war Köhler sichtlich bewegt.

Zuvor hatte es einen Empfang mit 200 Gästen gegeben, zu dem neben der Familie auch Freunde und Weggefährten Köhlers eingeladen waren. Dort hatte das Ex-Staatsoberhaupt noch einmal seinen Rücktritt verteidigt. "Ich habe die Entscheidung getroffen, die ich für richtig hielt und weiterhin halte", sagte Köhler. "Zu den Gründen meines Rücktritts habe ich mich bereits öffentlich geäußert. Dem ist von mir nichts hinzuzufügen." Er unterstrich: "Respekt und Wahrhaftigkeit sollen in der politischen Kultur unseres Landes einen festen Platz behalten."

Nach zwei Wochen der Stille war Köhler am Vormittag ins Schloss Bellevue gekommen, um sich bei seinen Mitarbeitern zu bedanken. Von einer "wunderbaren Unterstützung in den vergangenen sechs Jahren" sprach er gegenüber den 150 Zuhörern. Nach der kurzen Rede nahmen sich der 67-Jährige und seine Frau Eva Luise mehr als eine Stunde Zeit, um auch jedem persönlich im Bundespräsidialamt die Hand zu geben. Über seine Gründe des überraschenden Rücktritts am 31. Mai hielt Köhler sich aber bedeckt. Seinen Mitarbeitern blieb nur noch ein Abschiedsfoto mit ihrem Präsidenten.

Hier in Bellevue hatte er vor zwei Wochen die letzten elf Sätze seiner Präsidentschaft gesprochen. Seine Stellungnahme endete mit den Worten: "Es war mir eine Ehre, Deutschland als Bundespräsident zu dienen." Ebendiese Worte seiner Rücktrittserklärung sind es, die sich in die Geschichte seiner Amtszeit einschreiben werden. Was er davor noch sagte, war bezeichnend für seine Amtszeit und für sein Amtsverständnis. Köhler dankte den Menschen für die Unterstützung seiner Arbeit. Er dankte nicht seinen Parteifreunden, nicht Merkel. Die Kanzlerin hatte von der Entscheidung Köhlers nur zwei Stunden früher erfahren als die Presse. Begründet hatte Köhler seinen Rücktritt mit Kritik an seinen Äußerungen zu Bundeswehreinsätzen im Ausland und einem mangelnden Respekt "seinem Amt" gegenüber. Doch bis heute bleibt die Ungewissheit über die wirklichen Gründe seines Rücktritts. So schnell und unvermutet, wie Köhler von der Bildfläche verschwand, so schnell war er sechs Jahre zuvor ins Rampenlicht gerückt worden. "Horst WER?", titelte die "Bild"-Zeitung, nachdem Köhler vom schwarz-gelben Lager ausgerufen worden war. Kaum jemand kannte da Köhler, den Beamten, der früh Staatssekretär wurde und später vom Sparkassenverbandschef zum Direktor des Internationalen Währungsfonds aufstieg. Seine Nominierung galt als Merkels politisches Meisterwerk. Mit FDP-Chef Westerwelle hatte sie in dessen Wohnzimmer die Kandidatur Köhlers ausgeheckt. Köhlers Wahl sollte Vorbote einer glanzvollen schwarz-gelben Regierung sein.

Doch nach der Wahl wollte sich der Präsident nie einer Partei-Rhetorik unterwerfen. So wurde er der Außenseiter in der Berliner Republik, der sich nicht mit der Rolle des Notars und Repräsentanten zufriedengeben wollte. Schon in seiner Antrittsrede kündigte er an, er wolle ein offener, notfalls unbequemer Präsident sein. Für die Politiker waren dies unberechenbare Worte eines kaum bekannten Präsidenten.

Köhler gab sich von Beginn an als Reformmotor, er lobte Gerhard Schröders Agenda 2010 und löste auch auf Wunsch Schröders im Juli 2005 den Bundestag auf und machte den Weg frei für Neuwahlen. Schröder hatte zuvor die Vertrauensfrage gestellt und mit Absicht verloren. Köhlers Beliebtheit bei den Menschen wuchs. Wenn er im Land unterwegs war, blieb er unverkrampft. Für viele war Köhler der Mann ohne Pathos, der Gewissenhafte und Strebsame, ein bisschen bieder. Auch daran fanden die Deutschen Gefallen.

Vor einem Jahr wurde er wiedergewählt. Doch es wurde ein Jahr, das dem Bild des Präsidenten der ersten Amtszeit entgegenstehen sollte. Der Finanzfachmann blieb in der ausufernden Finanz- und Wirtschaftskrise auffallend stumm. Dann kam der Regierungswechsel, und Köhler schwieg weiter. Vorerst. "Enttäuscht" sei er von der schwarz-gelben Regierung, sagte er im März in einem Interview. Es war der letzte unbequeme Akt von Köhler - ausgerechnet gegen seine Königsmacherin Merkel.

Danach zog sich der unangepasste Außenseiter mehr und mehr zurück. Das Unbequeme wich wieder der Stille. Köhler verblasste - und die Stimmung im Schloss Bellevue wurde schlechter. Sein interner Führungsstil wurde zum Thema der Medien. Etliche ranghohe Mitarbeiter verließen das Haus. Resignation mischte sich schon da in die Amtszeit von Köhler. Nur sein großes Engagement für Afrika gab er zu keiner Zeit auf. Auf seiner letzten offiziellen Veranstaltung im Schloss Bellevue präsentierte er das Buch "Schicksal Afrika", das er herausgegeben hatte. In der Woche danach wollte er Burkina Faso besuchen. Doch nur 27 Stunden nach der Buchpräsentation trat er zurück.