Holocaust-Opfer

Margot Friedländer und die Späte Heimkehr

Deutsche haben das Leben von 88-Jährigen gerettet - und zerstört. Als Einzige aus ihrer jüdischen Familie überlebte sie den Holocaust.

Die Kette liegt in ihrem Nachttisch. Behutsam nimmt Margot Friedländer sie heraus. Die matt polierten Bernsteine, die zur Mitte der Kette größer werden, klappern gegeneinander. Einige der Steine sind goldgelb, andere dunkler, andere fast rot. Sie legt sich die Kette an. "Ich habe nichts. Außer dieser Kette", sagt sie leise und berührt zärtlich die Steine. Die Bernsteinkette gehörte ihrer Mutter, Auguste Bendheim. Margot Friedländer, geborene Bendheim, nennt sie auch heute noch "Mutti". Obwohl Frau Friedländer 88 ist. Sie sagt: "Wenn Mutti auf mich gewartet hätte, wäre ich mit ihr gegangen. Das hat sie gewusst." Und ist gegangen, ohne ihre Tochter. Am 20. Januar 1943. In Berlin.

Margot Bendheim war damals auf dem Nachhauseweg. Sie wollte in die Wohnung in der Skalitzer Straße 32, wo sie zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Ralph lebte. Der Vater, ebenfalls ein Jude, hatte die Familie verlassen und sich scheiden lassen. Vorher hatte er sich jahrelang gegen die Auswanderung gesperrt: Er war doch Deutscher, hatte er gesagt. Religion hatte in der Familie nie eine große Rolle gespielt. Zu spät erkannten die Bendheims, dass Hitlers Nazi-Deutschland sie vernichten wollte. An diesem Januar-Abend wollte die Mutter mit ihren Kindern nach Schlesien fliehen. Mehrere Versuche, nach Amerika, Brasilien oder China auszuwandern, waren gescheitert. Schlesien war die letzte Chance.

Doch etwas stimmte nicht. Margot fiel ein Mann auf, der in ihr Wohnhaus ging. Als sie das Treppenhaus betrat, merkte sie, dass der Mann im zweiten Stock stand, vor ihrer Wohnungstür. Er wartete. Auf sie.

Zurück konnte sie nicht mehr. Margot hielt sich die Handtasche an die Brust, damit er ihren Judenstern nicht sehen konnte, ging an ihm vorbei und klingelte bei einer Nachbarin im dritten Stock. Zum Glück war sie zu Hause und ließ sie herein. "Sie sind gekommen", flüsterte die Nachbarin. "Gestapo." Die Männer hatten Ralph mitgenommen, damals 17. Ihre Mutter war zu diesem Zeitpunkt nicht in der Wohnung und flüchtete zu einem befreundeten jüdischen Ehepaar. Als Margot bei den Freunden ankam, erfuhr sie von der Frau, dass ihre Mutter gegangen war. Aber sie hatte ihrer Tochter etwas ausrichten lassen: "Ich habe mich entschlossen, zur Polizei zu gehen. Ich gehe mit Ralph, wohin das auch immer sein mag. Versuche, dein Leben zu machen." Kalte Worte. Aus dem Mund fremder Leute. Die Frau drückte Margot etwas in die Hand: die Handtasche ihrer Mutter. Als sie sie öffnete, strömte ihr ein vertrauter Geruch in die Nase: der Geruch nach angerautem Leder, Parfüm, Bleistiftminen, nach Seife, nassem Mantel und Papier. Der ganz eigene Geruch ihrer Mutter. Auf dem Boden der Tasche fühlte sie etwas Kühles: die Bernsteinkette. Damals war Margot Bendheim 21 Jahre alt. "Versuche, dein Leben zu machen."

Was mit ihrer Mutter und ihrem Bruder geschah, erfuhr sie Jahrzehnte später. Auguste und Ralph Bendheim wurden nach Auschwitz deportiert und kamen in den Gaskammern um. Ihr Vater war dort schon 1942 umgebracht worden. Wie die meisten Verwandten von Margot Friedländer.

Margot Friedländer hat überlebt. Sie ist nach dem Krieg mit ihrem Mann Adolf Friedländer nach New York ausgewandert. Adolf Friedländer, der ebenfalls seine Familie in den Vernichtungslagern der Nazis verlor, wollte nie mehr zurück. Zu tief saß der Schmerz. Einmal sagte er: "Deutschland ist ein wunderschönes Land. Wenn nur die Menschen dort nicht wären."

Margot Friedländer ist zu diesen Menschen zurückgekehrt, nach über 60 Jahren. Sie lebt jetzt in einer noblen Seniorenresidenz im Berliner Westen. Vor ihr auf dem Wohnzimmertisch liegt ihre Einbürgerungsurkunde, gleich neben der "Apotheken-Umschau". Ein gelbes Dokument mit einem Bundesadler drauf. Am vergangenen Mittwoch hat ihr Berlins Innensenator die Urkunde feierlich überreicht. "Ich habe nur zurückbekommen, was mir gehört hat", sagt sie in akzentfreiem Deutsch. Nur manchmal mischen sich englische Begriffe in ihre Sätze. Nicht mit dem Staat Deutschland hat sie eine starke Verbindung. Sondern mit den Menschen.

Es war nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1997, als Margot Friedländer erstmals ihre Gefühle an sich heranlässt. Es gab einen Unterschied zwischen Adolf und ihr. Auch ihre Familie war von den Deutschen ermordet worden. Aber das war nur ein Teil ihrer Geschichte. Deutsche hatten ihr Leben zerstört, und Deutsche hatten es gerettet.

"Versuche, dein Leben zu machen." Diese letzten Worte ihrer Mutter sah die 21-jährige Margot damals als Aufforderung, in den Untergrund zu gehen. Sie nahm den Judenstern ab, ließ sich die Haare tizianrot färben, hängte sich eine Kette mit einem Kreuz um. Freunde gaben ihr einen Zettel mit einer Adresse. Ein Mann, den sie nie zuvor gesehen hatte, ließ Margot in einer Zimmerecke hinter einem Vorhang schlafen. Doch die Gestapo verfolgte sie. Der Mann gab ihr eine neue Adresse. Dieses Mal eine Frau, die Sex als Gegenleistung für das Versteck wollte. Wieder zog sie weiter. Margot wohnte in einem kakerlakenverseuchten Zimmer bei einem alten Ehepaar und bei Leuten, die Schwarzmarktgeschäfte machen. Ein Mann vermittelte den Kontakt zu einem Arzt, der Margots Nase operierte, damit sie nicht mehr typisch jüdisch aussah. Wer waren diese Menschen? Was trieb sie dazu, Margot zu helfen? Margot Friedländer weiß es auch heute nicht. Sie weiß, dass diese Menschen gegen die Nazis waren. "Sie haben alles riskiert, um ein Bett oder ihr Essen mit mir zu teilen", sagt sie. 15 Monate lebte sie im Untergrund.

An einem schönen Frühlingstag 1944 wurde Margot von zwei Beamten kontrolliert. Weil sie sich nicht ausweisen konnte, musste sie mit auf die Wache. Auf dem Weg dorthin sagte sie: "Ich bin jüdisch." Fast war sie erleichtert, sagt sie heute. Weil sie sich abgetrennt gefühlt hatte, vom Schicksal ihres Volkes, vom Schicksal ihrer Mutter und ihres Bruders.

Margot landete im Getto von Theresienstadt. Dort traf sie Adolf Friedländer wieder, den sie schon in Berlin beim jüdischen Kulturbund kennengelernt hatte. "Es war grausam", sagt Margot Friedländer über die Zeit in Theresienstadt. Sie überlebte, weil sie erst gegen Kriegsende in das Lager gekommen war. "Kannst du dir ein Leben mit mir vorstellen?", fragte Adolf Friedländer sie, als Theresienstadt befreit wurde. Margot brauchte Zeit, um sich Gefühle wie Verliebtheit zuzugestehen, um wieder ein Mensch zu werden. Gefühle waren für sie nur mit Schmerz verbunden, mit Erinnerungen. "Vielleicht brachte dieser Schmerz einander näher als das Verliebtsein", sagt Margot Friedländer.

Adolf Friedländer wollte unbedingt nach Amerika. 1946 erreichten die beiden mit dem Schiff New York. Das Land, das Margot, ihrer Mutter und ihrem Bruder acht Jahre zuvor die Einreise verweigert hatte. "Als wir Amerika gebraucht haben, hat es uns nichts gegeben", sagt sie. Dankbar ist sie nicht: "Amerika hat uns nichts geschenkt. Wir haben hart gearbeitet." Adolf wurde Geschäftsführer einer großen jüdischen Kultureinrichtung, Margot arbeitete in einer Änderungsschneiderei, verkaufte Maß-Strickware und arbeitete als Reiseagentin. Sie nannten sich "Friedlander", weil die Amerikaner keine Umlaute kennen. "Wir sind trotzdem Europäer geblieben", sagt sie und meint eigentlich: Wir sind Deutsche geblieben. Sparsam seien sie gewesen, hätten sich niemals Geld geborgt und außerdem viel deutsches Essen gekocht. Miteinander sprachen sie ebenfalls nur deutsch. Und dennoch: Mit ihren Gefühlen gegenüber Deutschland konnte sich Margot Friedländer erst auseinandersetzen, als ihr Mann 1997 starb.

Da war diese Einladung des Berliner Senats im Rahmen des "Besucherprogramms für verfolgte und emigrierte Berliner Bürger". Sie nahm die Einladung an. Erstmals sah sie das Haus in der Skalitzer Straße wieder. "Das waren bittere Momente. Die Erinnerung kam wieder", sagt sie. Damals lernte Margot Friedländer Menschen kennen, die ihre Freunde wurden. Den Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz zum Beispiel. Margot Friedländer kam immer häufiger nach Berlin. Wenn sie in New York war, schrieb sie, über ihr Leben. 2008 brachte sie ihre Autobiografie heraus. Der Titel "Versuche, dein Leben zu machen".

Sie habe sich einsam gefühlt in Amerika. Kinder hat sie nicht. Viele ihrer New Yorker Freunde - die meisten von ihnen Deutsche - sind tot. André Schmitz rief einmal pro Woche an und meldete sich mit: "Hier spricht die Heimat." "Was machst du noch hier?", hat sie sich gefragt. Und schließlich den Beschluss gefasst: Ich gehe zurück nach Berlin. Weil sie noch eine Mission hat. Sie sagt, dass sie damals ihr Leben in die Hand genommen hat. "Versuche, dein Leben zu machen." Es gibt jüdische Bekannte, die ihren Beschluss nicht nachvollziehen können und kein Wort mehr mit ihr reden.

"Ich bin zufällig verschont worden, da habe ich eine Verpflichtung", sagt sie. Bis zu dreimal in der Woche geht sie in Schulen und andere Einrichtungen in ganz Deutschland und liest aus ihrem Buch. Ganz sachlich, wie sie auch sonst ohne Hass und Tränen über ihr Leben spricht. Sie möchte den jungen Menschen erklären, wer sie ist. "Damit sie es an die nächste Generation weitergeben. Wir sterben ja aus."

Es ist erstaunlich, wie lebhaft die 88-Jährige noch ist: Per E-Mail organisiert sie ihre nächsten Termine, sie versorgt sich selbst mit dem, was sie zum Leben braucht. Ihre Möbel sind gerade mit dem Schiff aus New York in Richtung Deutschland unterwegs. Und sie spaziert gerne durch Berlin. Auch wenn die Stadt eine andere geworden ist und die vielen alten Häuser mit den Schnörkeln an der Fassade am Kurfürstendamm nicht mehr stehen. Woher nimmt sie die Kraft? Margot Friedländer spricht von Energie, die sie bekommt, weil sie etwas für das Andenken ihrer Familie tun kann.

Sie muss mit ihrer Vergangenheit leben. Vergeben kann sie nicht. "Aber Brücken bauen." Die Menschen, mit denen sie in der Seniorenresidenz unter einem Dach lebt, sind so alt wie sie. Letztens hat einer ihrer Freunde zu ihr gesagt: "Die Leute, die euch damals angespuckt haben, sind jetzt deine Nachbarn." Auch Frau Friedländer denkt so. "Ich möchte nichts mit ihnen zu tun haben", sagt sie. In Gespräche lässt sie sich nicht verwickeln, obwohl viele ihrer Nachbarn ihre Nähe suchen. "Wir haben nichts gewusst", das sei die Ausrede, die viele von ihnen zum Ausdruck bringen wollten, sagt Margot Friedländer. Sie glaubt ihnen nicht. Es ist ihre eigene Generation, der sie nicht verzeihen kann.

Margot Friedländer öffnet die Balkontür, das Kindergeschrei vom Spielplatz nebenan erfüllt die Wohnung. Sie wollte unbedingt einen Balkon haben. Das erinnert sie an die schönen Zeiten in Berlin, als ihr Vater noch ein vermögender Unternehmer war und die Familie oft auf dem Balkon frühstückte. Frau Friedländer zeigt das Bild ihrer Mutter. Und das Bild ihres Bruders. Ralph. Was wohl aus dem melancholisch dreinblickenden Jungen mit den dicken schwarzen Haaren und der Hornbrille geworden wäre? "Er war ein Mathe-Genie und konnte schon mit sieben Jahren Violine spielen", sagt sie.

Ihre Reise ist in Berlin nicht zu Ende. Wenn sie stirbt, will sie neben ihrem Mann in New York beerdigt werden. Die Verbindung durch das gemeinsam Erlebte ist zu groß, sagt sie. Berlin sei nicht mehr ihre Heimat, genauso wie New York nicht ihre Heimat ist. "Ich habe keine Heimat", sagt sie. Ihre Heimat liegt in der Vergangenheit.

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