Kommentar: Erdogans umstrittene Forderungen

Der Weg in die EU wird immer länger

Die Forderung des türkischen Regierungschefs sind so bizarr wie durchsichtig: So betont Erdogan, die in Deutschland lebenden jungen Türken müssten vor allem gut Türkisch lernen sowie an türkischen Gymnasien und Universitäten ausgebildet werden, um sich besser integrieren zu können.

Es ist gut, dass Angela Merkel mit deutlichem Worten widersprochen hat.

Dem einst wegen islamistischer und antidemokratischer Äußerungen mit Haftstrafe und Politikverbot belegten Erdogan geht es offensichtlich auch gar nicht um Integration, sondern darum, die Deutsch-türken als Brückenkopf nationaltürkischer Interessen zu missbrauchen. Immerhin ist von ihm der Ausspruch überliefert, die europäische Kultur müsse mit der türkischen "geimpft" werden.

Den in Deutschland lebenden Millionen Türken erweist Erdogan damit einen Bärendienst. Anstatt ihre soziale Akzeptanz und Eingliederung in die deutsche Gesellschaft sowie ihre Aufstiegschancen zu fördern, strebt der Regierungschef offenbar ihre weitere Isolation in Parallelgesellschaften an. Denn auch der Ministerpräsident dürfte genau wissen, dass die perfekte Beherrschung der Landessprache den Schlüssel für jegliche Art von Karriere darstellt.

Zwar besteht wenig Gefahr, dass sich die deutsche Kanzlerin bei ihrem Besuch in Ankara und Istanbul den Wünschen Erdogans beugen wird. Doch sind dessen Forderungen sowie der Schulterschluss des türkischen Regierungschefs mit dem Regime des iranischen Holocaust-Leugners und Atom-Zündlers Ahmadinedschad nicht eben geeignet, der Türkei - ohnehin einschlägig belastet mit der Zypern-, Kurden- und Armenierfrage - den weiteren Weg in die Europäische Union zu ebnen. Angela Merkel dürfte in ihrer Überzeugung bestärkt sein, dass die EU mit einer privilegierten türkischen Partnerschaft vorläufig bestens bedient wäre.