Interview

Lüders: Der Islam scheint den Kommunismus als Feindbild abgelöst zu haben

Der Politologe Michael Lüders ist Nahostexperte und Publizist.

Hamburger Abendblatt:

Halten Sie den Islam für reformfähig?

Michael Lüders:

Ja, natürlich. Es gibt doch gerade in der türkischen Community viele Aufsteiger-Geschichten, am sichtbarsten an Personen wie Cem Özdemir oder Fatih Akin. Aber in der Diskussion über den Islam wird gerne alles in einen Topf geworfen: Ehrenmorde, Kopftuch, Integrationsprobleme, 11. September, Ahmadinedschad. Es gibt eine Art, verächtlich über den Islam zu reden, dass man sich fragen muss: Würde es eigentlich durchgehen, wenn jemand im selben Ton über das Judentum herzöge?

Abendblatt:

Ist der Islam ein Grund für Integrationsprobleme von bestimmten Migrantengruppen?

Lüders:

Nicht der Islam ist das Problem, sondern der hohe Anteil türkischer und kurdischer Einwanderer aus der Unterschicht.

Abendblatt:

Die Islamkritiker sagen: In einer Demokratie entscheiden Regierung und Parlamente über Gesetze und nicht der Koran oder Offenbarungsschriften.

Lüders:

Dass es keinen islamischen Staat gibt, der eine Demokratie wäre, hat nichts mit dem Islam als Religion zu tun. Sondern damit, dass der Übergang von den feudalen Gesellschaften zu modernen Industriegesellschaften blockiert ist. Aber für die Türkei zum Beispiel gilt das nicht. Die Islamkritiker übersehen auch, dass alle Offenbarungsschriften, auch die Bibel, ein hohes Potenzial an Gewalt bergen.

Abendblatt:

Wie kann denn ein liberaler, reformorientierter Islam in Europa gefördert werden?

Lüders:

Genauso wenig wie sich die Katholiken vom Papst vorschreiben lassen, wie sie in Sachen Verhütung verfahren sollen, werden sich auch die Muslime nicht von islamtheoretischen Erörterungen leiten lassen. Sondern von der Frage: Welche Chancen habe ich in der Gesellschaft? Randthemen wie das Burka-Verbot werden zu Grundsatzfragen stilisiert. Wichtiger wäre: Wie kann eine gelungene Integration aussehen? Wie vermeidet man die Gettoisierung in Stadtteilen, wo 65 Prozent der eingeschulten Kinder einen Migrationshintergrund haben?

Abendblatt:

Sind die Deutschen islamophob?

Lüders:

Es gibt bei uns und in anderen westlichen Gesellschaften eine große Ablehnung gegenüber allem, was mit Islam zu tun hat. Der Islam scheint den Kommunismus als Feindbild abgelöst zu haben.