Zentralrat der Juden

Knobloch steht vor dem bitteren Ende ihrer Amtszeit

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Vorentscheidende Sitzung zu neuer Führung: Obwohl die Präsidentin noch nichts über ihre Zukunftspläne gesagt hat, gibt es einen Nachfolger.

Hamburg. Ihre Amtszeit endet erst im November. Bis zur entscheidenden Vorstandwahl sind es noch neun Monate. Doch Charlotte Knobloch, die 77 Jahre alte Präsidentin des Zentralrats der Juden, soll bereits kurz vor ihrem offiziellen Verzicht auf eine zweite Amtszeit stehen. Ein ungewöhnlicher Vorgang, denn von einem freiwilligen Abschied Knoblochs vom höchsten politischen Amt der Juden in Deutschland kann nicht die Rede sein. Intern soll die Münchnerin, die seit 2006 an der Spitze des Zentralrats steht, unter Druck gesetzt worden sein, frühzeitig den Weg für einen Generationswechsel freizugeben.

Selten zuvor ist eine reguläre Sitzung des Direktoriums des Zentralrats der Juden mit so großer Spannung erwartet worden. Am diesem Sonntag trifft sich das Gremium, dem Delegierte aus allen 23 Landesverbänden angehören, zum ersten Mal in diesem Jahr. Als sicher gilt, dass die Mitglieder die Führungsfrage erörtern wollen. Eine Vorentscheidung steht im Raum. Sogar von einer möglichen vorzeitigen Demission Knoblochs ist die Rede. Die Zentralratsvorsitzende selbst kündigte an, bald eine Erklärung abgeben zu wollen. Eine, die sie sich für einen späteren Zeitpunkt aufheben wollte.

Knobloch geht in ihrem Ansehen beschädigt in das Treffen. Es heißt, die Information über Knoblochs Verzicht sei direkt aus der Zentralratsspitze gestreut worden. Im Fokus stehen ihre beiden Stellvertreter Salomon Korn und Dieter Graumann. Korn selbst werden keine Ambitionen auf die Zentralratsspitze nachgesagt. Wohl aber Graumann. Er wurde 1950 in Israel geboren und kam mit anderthalb Jahren nach Deutschland. Er lebt in Frankfurt und leitet dort eine Liegenschaftsverwaltung. Seit 2001 ist er Mitglied im Präsidium des Zentralrats, zum Vizepräsidenten wurde Graumann 2006 gewählt. Er wäre der erste Zentralratsvorsitzende, der nicht mehr zur Generation der Holocaust-Überlebenden gehört. Für seine Kandidatur zeichnet sich Zuspruch ab, denn mit seiner Person wird öffentlich ein inhaltlicher Aufbruch verbunden.

Gerade die jüngeren Zentralratsmitglieder wünschen sich eine modernere Vertretung ihrer Interessen und ein breiteres inhaltliches Spektrum, das über die Wahrung der Erinnerungskultur hinausgehen soll. Das Gedenken an die Schoah spiele "nicht mehr die identitätsstiftende Rolle wie früher", meint der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer. Und die Vorsitzende der größten jüdischen Gemeinde in Berlin, Lala Süsskind, sagte kürzlich: "Es wäre an der Zeit, jemanden zu wählen, der - um es mit Worten von Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl zu sagen - die Gnade der späten Geburt hat."

Aus den Worten spricht auch die zunehmende Unzufriedenheit mit Knobloch. Unter ihrer Führung habe der Zentralrat an politischem Einfluss und an Feingespür für Themen verloren, klagen führende Mitglieder hinter vorgehaltener Hand. Kurz nach ihrem Amtsantritt 2006 forderte Knobloch beispielsweise ein eigenes Schulfach zum Thema Holocaust. Dafür erhielt sie nicht einmal Rückendeckung ihrer Vizepräsidenten. Knobloch habe weder wie ihre Vorgänger Ignatz Bubis und Paul Spiegel das nötige Charisma für das Amt mitgebracht, noch habe sie nach innen souverän geführt, heißt es in Zentralratskreisen. Die Präsenz und Arbeit in den Landesverbänden und Gemeinden mit den mehr als 100 000 Mitgliedern habe sie vor allem ihrem Generalsekretär überlassen.

Nicht nur Knobloch, auch die Vizepräsidenten Korn und Graumann gehen am Sonntag beschädigt in die Sitzung. Ihnen wird die öffentliche Demontage der Präsidentin persönlich vorgehalten, weil sie seit Bekanntwerden der Personalspekulationen auffallend geschwiegen hätten.