Einnahmeverluste

Die Kirchen schrumpfen schneller als die Gesellschaft

Hamburg/Frankfurt am Main. Die späten Opfer der Finanzkrise sind erst am Ende des Jahres klar. Die beiden großen Kirchen in Deutschland werden wieder dazugehören. Denn die Steuereinnahmen sinken nicht nur für den Staat, sondern auch für die evangelischen und katholischen Gemeinden. Und die Zahl der Kirchenaustritte war bereits 2008 wieder auf einem Höchststand der vergangenen Jahre. So verlor etwa die Katholische Kirche in Deutschland (25 Millionen Mitglieder) nach knapp 100 000 Christen im Jahr 2007 im Jahr 2008 insgesamt 121 000 Mitglieder durch Austritt. Aus der evangelischen Kirche traten im vergangenen Jahr 160 000 Menschen aus.

Auch wenn die Kirchen zu Weihnachten wieder gut gefüllt sein werden, so gehören doch immer weniger Bundesbürger einer christlichen Gemeinschaft an. "Ganz realistisch: Die Gesellschaft schrumpft in Deutschland, und das wird auch die evangelische Kirche betreffen", sagt die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann.

Zugleich betont die Hannoversche Landesbischöfin, dass noch immer zwei Drittel der Menschen in Deutschland Mitglied einer Kirche sind: "Das ist ein sehr relevanter Faktor, aber der wird manchmal runtergespielt, als wären wir bei zehn Prozent angelangt."

Laut Deutscher Bischofskonferenz nahm die Zahl der Katholiken im Jahr 2008 um 284 000 ab. Die Gesamtzahl der Menschen in Deutschland sank im gleichen Zeitraum lediglich um 215 000. Für Verwirrung sorgte eine Änderung bei der Besteuerung von Spekulationsgewinnen. Da die Banken die Kirchensteuer auf die Gewinne nun direkt abführen konnten, sei bei vielen Menschen das Missverständnis entstanden, es handele sich um eine neue Steuer, erklärte der evangelische Oberkirchenrat Thomas Begrich. Deshalb hätten viele Menschen die Kirche verlassen.

Bei den Katholiken kam hinzu: Nach der umstrittenen Papst-Entscheidung zur ultrakonservativen Pius-Bruderschaft verzeichneten einige Städte deutlich höhere Kirchenaustrittszahlen. Kurioserweise hat die Vergangenheit gezeigt, dass bei umstrittenen Entscheidungen des Papstes auch Protestanten ihrer Kirche den Rücken kehrten.

Die Kirchensteuer wird immer wieder als Grund für den Austritt angeführt. Die Kirchen halten dem entgegen, dass dieses Geld in der Betreuung von Kindern, Alten, Kranken und Behinderten der Allgemeinheit zugute komme. "Gäbe es die Kirchensteuer nicht, müssten wir uns aus zahlreichen Aktivitäten etwa im karitativen Bereich verabschieden, die dann andere, etwa der Staat, zu übernehmen gezwungen wären", warnt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch.

Außerdem nehmen die Kirchen mit in der Regel neun Prozent von der Lohnsteuer deutlich weniger als in der Bibel vorgesehen. Dort steht: "Du sollst den Zehnten geben." Bei einem verheirateten Arbeitnehmer mit zwei Kindern und einem Monatsbruttoeinkommen von 3000 Euro sind das in der Steuerklasse III nach Berechnungen der EKD gerade einmal 3,40 Euro.

Doch es gibt in ganz Deutschland immer wieder Gemeinden aller Konfessionen, die gegen den Trend wachsen, viele davon mit jungen Menschen. Die evangelische Kirche verzeichnet rund 60 000 Wiedereintritte pro Jahr, eine Zahl die Bischöfin Käßmann gerne ausbauen möchte. "Die Geburt eines Kindes oder der Tod eines Angehörigen, das sind oft Anlässe für einen Wiedereintritt."