Otto Graf Lambsdorff (82) in Bonn gestorben

Der streitbare Marktgraf

Trotz Flick-Affäre und Vorstrafe wurde der FDP-Ehrenvorsitzende und leidenschaftliche Liberale parteiübergreifend respektiert.

Hamburg. Als der frühere SPD-Zuchtmeister Herbert Wehner in gewohnter Bissigkeit das Etikett "Marktgraf" für einen politischen Gegner prägte, konnte er nicht ahnen, dass sich die Schmähung am Ende zu einem Ehrentitel veredeln würde. Otto Friedrich Wilhelm von der Wenge Graf Lambsdorff, zweimaliger Wirtschaftsminister der Bundesrepublik Deutschland und ehemaliger FDP-Parteichef, verkörperte das Prinzip liberaler Marktwirtschaft wie kaum ein anderer Politiker seiner Zeit.

Am Sonnabend ist er in einem Bonner Krankenhaus gestorben. Er sei von "seinem vielfältigen Leiden erlöst worden", teilte sein Büro mit. Am 20. Dezember wäre er 83 Jahre alt geworden.

Otto Graf Lambsdorff entstammte westfälisch-baltischem Uradel. Geboren wurde er 1926 in Aachen als ältestes von drei Kindern des Kaufmanns Herbert Graf Lambsdorff. Zur Schule ging er in Berlin und in Brandenburg an der Havel. Als Offiziersanwärter geriet er am Karsonnabend 1945 in Thüringen in einen Tieffliegerangriff und wurde fünfmal getroffen. Sein linkes Bein musste amputiert werden. "Da wachst du auf und hast nur noch ein Bein", sagte Lambsdorff einmal. Der unsentimentale und disziplinierte Umgang mit dieser Lebenskrise darf als kennzeichnend für die Persönlichkeit dieses Mannes gelten. Nach der Kriegsgefangenschaft machte Lambsdorff 1946 sein Abitur, studierte Jura und promovierte. Seit 1960 war er als Rechtsanwalt zugelassen.

Beruflich oszillierte der knorrige "Marktgraf", in Sachen Härte und politischem Standort "irgendwo zwischen den deutschen Kanzlern Bismarck und Erhard" angesiedelt, stets zwischen Politik und Wirtschaft. Seit 1951 FDP-Mitglied, hatte er mehrfach Vorstands- und Aufsichtsrats-Posten bei großen Unternehmen inne. Und war zugleich wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion.

Doch die entscheidenden Jahre des Otto Graf Lambsdorff lagen zwischen 1977 und 1993. Der sozialdemokratische Bundeskanzler Helmut Schmidt berief ihn im Oktober 1977 als Wirtschaftsminister in sein sozialliberales Kabinett. Doch nach der Bundestagswahl 1980 betrieb der Graf zusammen mit dem damaligen FDP-Chef und späteren Außenminister Hans-Dietrich Genscher die "Wende" zur CDU. Lambsdorff war Koautor des berühmt-berüchtigten "Lambsdorff-Papiers". Diese Strategieschrift forderte zum erheblichen Unmut von Kanzler Schmidt die Rückkehr zu einer marktliberalen Wirtschaftspolitik und trug ganz wesentlich zum Scheitern der SPD-FDP-Koalition bei.

Kurios dabei: Lambsdorff nahm in dem Papier vieles vorweg, was später als "Agenda 2010" Kern der Regierungspolitik des SPD-Kanzlers Gerhard Schröder werden sollte. Auch Schmidts christdemokratischer Amtsnachfolger Helmut Kohl machte Lambsdorff im Oktober 1982 zum Wirtschaftsminister.

Doch am 27. Juni 1984 trat Otto Graf Lambsdorff zurück. Es war der Tiefpunkt seiner Karriere. Lambsdorff hatte eine Steuerbefreiung zugunsten des Flick-Konzerns in Höhe von fast eine Milliarde Mark genehmigt. Ein eifriger Steuerfahnder fand aber heraus, dass Flick alle im Bundestag vertretenen Parteien, respektive ihre Führungsfiguren, mit erheblichen Spenden beglückt hatte. Lambsdorff hatte gleich mehrfach 30 000 Mark erhalten. "Zur Pflege der politischen Landschaft", wie der Flick-Manager Eberhardt von Brauchitsch notierte. Der Graf wurde wegen Steuerhinterziehung zu 180 000 Mark Strafe verurteilt. "Erledigt, abgehakt, vorbei", kommentierte Lambsdorff später Fragen nach dieser Affäre. Doch der Makel der Vorstrafe muss den fähigen Politiker aus nobler Familie bis ins Mark getroffen haben. Dennoch genoss der Graf weiter parteiübergreifend Respekt. Selbst bei der SPD: Schröder sollte ihn 1999 zum Beauftragten der Bundesregierung für die Verhandlungen über den NS-Entschädigungsfonds der deutschen Wirtschaft ernennen. Lambsdorff führte sie nach zwei Jahren zähen Ringens zum erfolgreichen Abschluss.

Meldungen über das Karriere-Ende von "Graf Silberkrücke" hatten sich schon nach dem Flick-Desaster als verfrüht erwiesen: 1988 wurde Lambsdorff als Nachfolger von Martin Bangemann FDP-Bundesparteichef und leitete jene Rückbesinnung der Liberalen auf "mehr marktwirtschaftliche Prinzipien" ein, die die Partei heute kennzeichnet. Noch vor Kurzem hatte der "Marktgraf" den "Schuldenrausch" der Großen Koalition unter Angela Merkel gegeißelt: "Wer weniger einnimmt, kann weniger ausgeben. So einfach ist das."

Vernetzt in Politik und Wirtschaft war Lambsdorff hervorragend. Ein Kumpeltyp war er nie. 2008 bekannte der FDP-Ehrenvorsitzende, er habe in seiner Partei nach fast 60 Jahren nur "genau einen Duzfreund: Hans-Dietrich Genscher".

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