Kommentar: Afghanistan-Einsatz

Von Normalität noch weit entfernt

Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, nach Auslandseinsätzen der Bundeswehr von Kambodscha über Kosovo bis Kongo sei Deutschland in der außenpolitischen Normalität angekommen - wird oft behauptet. Der Afghanistan-Einsatz lässt an dieser These Zweifel aufkommen.

Unsere Soldaten sind dort in einen Krieg verwickelt, den unsere Regierenden so nicht nennen mögen. Sie retten sich in Haarspaltereien, etwa in die, dass echte Kriege nur zwischen Staaten möglich seien - als hätte es noch nie zuvor Bürger- oder Guerillakriege gegeben. Sie wollen uns einreden, dass man Kriege ohne zivile Opfer führen könnte - wenn man sich nur genügend Mühe gäbe. Und wenn es wie jetzt doch einmal gründlich schiefgeht, soll ein Staatsanwalt im fernen Potsdam untersuchen, ob der Kommandeur vor Ort rechtens gehandelt hat, ob alle Vorschriften beachtet wurden und ob er nicht doch lieber hätte warten sollen, bis die Taliban mit den Tankwagen als rollende Bomben vor seinem Stützpunkt auftauchen. Und sie wollen im Wahlkampf partout nicht über das Thema reden, weil das die Moral der Truppe vor Ort ungünstig beeinflussen könnte. Was fatal an Kaiser Wilhelm II. erinnert, der bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges keine Parteien, sondern nur noch Deutsche kennen wollte.

Krieg ist in Deutschland zu Recht unpopulär, und Soldaten sind keine bewaffneten Entwicklungshelfer. Sie sind ausgebildet und ausgerüstet, politische Ziele mit militärischen Mitteln durchzusetzen. Wenn Politiker zu dem Schluss gekommen sind, dass ein militärischer Einsatz unumgänglich ist, gehört als zweiter Schritt dazu, die Truppen mit allem notwendigen Material und geeigneten Einsatzregeln auszustatten - oder sie andernfalls nach Hause zu holen. Erst wenn dieser Stand politischer Ehrlichkeit erreicht ist, ist unser Land in der außenpolitischen Normalität angekommen.