Interview

Umweltminister Gabriel: Der Störfall ist der Normalfall

Harsche Worte im Abendblatt-Interview: Gabriel nennt es "fahrlässig", über eine Laufzeitverlängerung für alte Atomkraftwerke in Deutschland zu diskutieren. Diese Politik gefährde "unsere Sicherheit".

Hamburg/Berlin. Der Zwischenfall im Atomkraftwerk Krümmel scheint den Umweltminister zu bestätigen. Er glaubt den Beteuerungen der Atomindustrie nicht, dass es in Deutschland die sichersten Kraftwerke gibt. Das Abendblatt sprach mit Sigmar Gabriel.

Abendblatt: Herr Minister, wird der Energiekonzern Vattenfall allmählich zum Störfall?

Sigmar Gabriel: Jedenfalls haben wir mal wieder einen Störfall Krümmel. Das ist ein anfälliges Atomkraftwerk. Wir sind uns mit der Landesatomaufsicht in Schleswig-Holstein einig, dass ein Wiederanfahren des Reaktors Krümmel nur nach vorheriger Zustimmung der Bundesaufsicht erfolgen wird.

Abendblatt: Ist Krümmel ein Sonderfall?

Gabriel: Wir haben den Eindruck, dass wir in letzter Zeit häufiger mal Probleme im Bereich der Elektrik hatten. Daher wollen wir prüfen, ob das auch in den anderen Reaktoren in Deutschland zu einem Problem führen kann. Insgesamt zeigt sich, dass es fahrlässig ist, über eine Laufzeitverlängerung für alte Atomkraftwerke in Deutschland zu diskutieren, wie das die Bundeskanzlerin und ihr Wirtschaftsminister machen. Ich kann die CDU/CSU nur auffordern, endlich Schluss zu machen mit dieser Politik, die unsere Sicherheit gefährdet.

Abendblatt: Sind deutsche Kernkraftwerke so unsicher?

Gabriel: Wir hatten in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Schwierigkeiten. Die Behauptung der Atomindustrie, wir hätten in Deutschland die sichersten Kraftwerke, ist falsch. Auch deutsche Reaktoren sind anfällig. Der Störfall ist der Normalfall. Bisher ist es uns glücklicherweise gelungen, alle Störfälle zu beherrschen.

Abendblatt: Der Atomausstieg ist beschlossen.

Gabriel: Ein Unfall oder ein Terroranschlag auf ein Atomkraftwerk kann in einem dicht besiedelten Industrieland eine Katastrophe auslösen. Daher bin ich dafür, den Atomausstieg zu beschleunigen. Das Atomgesetz bietet ja die Möglichkeit, die alten Atomkraftwerke schneller abzuschalten und die Laufzeiten auf jüngere, sicherere zu übertragen. Derzeit wird aber das Gegenteil versucht. Die Betreiber beantragen, die alten Reaktoren länger laufen zu lassen. Wir dürfen dem nicht nachgeben. Für uns muss gelten: Sicherheit zuerst.

Abendblatt: In anderen Staaten erlebt die Atomkraft eine Renaissance ...

Gabriel: Das ist eine Behauptung, und zwar eine nicht bewiesene. In Finnland liegt ein Neubau gerade still, weil Risse an den Leitungsrohren festgestellt wurden. Wirklich gebaut wird nur in drei Ländern: Russland, Indien und China. Das war's.

Abendblatt: Sie vergessen Frankreich.

Gabriel: Jedenfalls macht die Kernenergie weniger als drei Prozent des Weltenergieverbrauchs aus. Eine Renaissance sieht anders aus.

Abendblatt: In Deutschland ist die Kohlekraft im Aufwind. Wir dachten, Ihnen geht es um Klimaschutz.

Gabriel: Unser Ziel ist, Kohle- und Kernenergie durch erneuerbare Energien zu ersetzen. Bis 2020 soll der Anteil von 15 auf 40 Prozent steigen. Für die verbleibenden 60 Prozent werden wir Gaskraftwerke und modernisierte Kohlkraftwerke haben. Im Übrigen: Ob in Hamburg-Moorburg ein Kohlekraftwerk gebaut wird oder nicht, ist für den Klimaschutz irrelevant.

Abendblatt: Wie kommen Sie darauf?

Gabriel: Der europäische Emissionshandel zwingt uns, Obergrenzen beim CO2-Ausstoß einzuhalten. Was Moorburg emittiert, dürfen andere deutsche Kohlkraftwerke eben nicht emittieren.

Abendblatt: Am Mittwoch treffen sich die Staats- und Regierungschefs der G8-Staaten in Italien. Was erwarten Sie von Kanzlerin Merkel?

Gabriel: Dass sie sich dafür einsetzt, dass der Gipfel nicht zum x-ten Mal sagt, dass etwas zu tun ist, sondern dass der Gipfel beschließt, wirklich etwas zu tun. Langfristige Ziele genügen nicht. Wir brauchen stattdessen konkrete Pläne, wie die Industrieländer den Ausstoß an Treibhausgasen bis 2020 um 25 bis 30 Prozent unter den Stand von 1990 senken können.