Schwerer Störfall heizt Debatte über Atomausstieg an

Neue Krümmel-Panne: Hamburg knapp am Strom-Kollaps vorbei

Betreiber Vattenfall immer stärker unter Druck. Umweltminister Gabriel hat große Zweifel an der Sicherheit deutscher Kernkraftwerke: "Störfall ist der Normalfall."

Hamburg. Nach dem erneuten Störfall im Atomkraftwerk Krümmel in Geesthacht bei Hamburg ist die Debatte um die Kernkraft neu entbrannt. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) äußerte erhebliche Zweifel an der Sicherheit deutscher Atomkraftwerke und forderte einen schnelleren Atomausstieg. "Der Störfall ist der Normalfall", sagte Gabriel dem Abendblatt. Die Behauptung der Atomindustrie, in Deutschland stünden die sichersten Kraftwerke, sei falsch.

Der Reaktor an der Elbe war am Sonnabend um 12.02 Uhr wegen eines Kurzschlusses in einem Transformator zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage notabgeschaltet worden und steht nun auf unbestimmte Zeit still. Der kurzzeitige Spannungsabfall im Stromnetz hatte verheerende Folgen. In Hamburg fielen 1500 von 1800 Ampeln aus, in Dutzenden großen Firmen wurde automatisch die Stromversorgung abgeschaltet. Allein die Stahlwerke ArcelorMittal standen vier Stunden still, der Schaden liegt bei 100 000 Euro. In Krankenhäusern blieben die Fahrstühle stehen, in Einkaufszentren versagten die Kassen ihren Dienst.

Weil sich Wasserpumpen nach dem Stromausfall plötzlich aus- und wieder einschalteten, platzten zwölf Wasserleitungen. Tausende Haushalte waren stundenlang ohne Wasser, andernorts liefen dafür Keller voll, Fahrbahnen sackten ab, Krater füllten sich mit Matsch. Hamburg stand kurz vor dem Strom-Kollaps.

Wer für die Schäden aufkommt, ist noch unklar. Vattenfall sah bei sich "kein schuldhaftes Verhalten" und kündigte an, den Reaktor wieder anfahren und noch bis zu neun Jahre betreiben zu wollen.

Ob es dazu kommt, ist jedoch fraglich. Denn nach dem Störfall vom Sonnabend gab es noch diverse Probleme: Die Radioaktivität im Reaktorwasser erhöhte sich, die Kühlung des Reinigungssystems fiel stundenlang aus, und auch ein für die Abschaltung notwendiger Steuerstab funktionierte nicht. Hinzu kam eine erneute Kommunikationspanne: Die Atomaufsichtsbehörde in Kiel erfuhr zum wiederholten Mal erst verspätet von dem Vorfall.

Ähnlich war es nach dem Brand am 28. Juni 2007 gelaufen - seitdem hatte Krümmel bis zum 19. Juni dieses Jahres stillgestanden. Schleswig-Holsteins Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) als oberste Atomaufseherin des Landes äußerte daher Zweifel an der Zuverlässigkeit des Betreibers und kündigte eine neue Prüfung mit hohen Hürden an. Umweltminister Gabriel sagte, Krümmel dürfe nur mit Zustimmung der Bundesaufsicht wieder angefahren werden. Er verschärfte seine Angriffe auf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Es sei "fahrlässig", über eine Laufzeitverlängerung für alte Atomkraftwerke zu diskutieren. "Ich kann die CDU/CSU nur auffordern, endlich Schluss zu machen mit dieser Politik, die unsere Sicherheit gefährdet."

Unionsfraktionschef Volker Kauder wies die Forderung zurück. "Solange Kernkraftwerke sicher sind, sollen sie auch laufen können", sagte Kauder dem Abendblatt. "Gabriels Forderung führt nur zu einer weiteren Erhöhung der Strompreise."